Florian Wellbrock exklusiv - Olympiasieger schwärmt von Goldmedaille: "Hat es so noch nie gegeben"
Publiziert 16/06/2022 um 12:39 GMT+2 Uhr
Am 17. Juni beginnen in Budapest die Schwimm-Weltmeisterschaften 2022. Große deutsche Medaillenhoffnung ist Freiwasser-Olympiasieger Florian Wellbrock. Im Interview mit Eurosport.de erklärt der 24-jährige Bremer, wie er mit dem Erfolgsdruck umgeht und zieht einen Vergleich zu den beiden Superstars Simone Biles und Naomi Osaka. Zudem blickt er bereits auf Olympia 2024 in Paris voraus.
Florian Wellbrock will seinen Erfolgslauf fortsetzen
Fotocredit: Getty Images
Mit nur 24 Jahren hat sich Florian Wellbrock bereits einen Platz im Schwimm-Olymp gesichert.
Auf seinen EM-Titel 2018 über 1500 Meter Freistil ließ er bei den Weltmeisterschaften 2019 in Gwangju Doppel-Gold folgen (zehn Kilometer Freiwasser und 1500 Meter Freistil).
Zwei Jahre später krönte er sich schließlich zum Olympiasieger und schwamm in Tokio über zehn Kilometer ein "perfektes Rennen". 2021 schloss er letztlich auf dem absoluten Höhepunkt ab, als er sich bei den Kurzbahnweltmeisterschaften in Abu Dhabi über 1500 Meter neben der Goldmedaille auch den Weltrekord sicherte (14:06,88 Minuten).
Im Vorfeld der Weltmeisterschaften in Budapest, wo er das deutsche Aufgebot anführen wird, erzählt Wellbrock von seiner Vorbereitung und gibt einen Einblick in die Gedankenwelt eines Olympiasiegers. Mit dem Erfolgsdruck weiß der Bremer umzugehen und wähnt sich dabei in einer anderen Position als beispielsweise Simone Biles und Naomi Osaka.
Das Interview führte Andreas Morbach
Herr Wellbrock, vor einem Jahr lag die EM in Budapest gerade kurz hinter und die wegen Corona verlegten Spiele von Tokio eineinhalb Monate vor Ihnen. Auch mit Blick auf Ihre weniger gelungene Olympia-Premiere 2016 in Rio – wie fühlt sich Ihr Leben als Leistungsschwimmer momentan an?
Florian Wellbrock: Es fühlt sich sehr, sehr gut an. Gerade im Rückblick auf meine ersten Olympischen Spiele kann man bei mir einfach diese stetige Entwicklung sehen und begutachten. Und das gibt mir – für alles, was noch kommt – sehr viel Selbstvertrauen und Kraft.
Spüren Sie jetzt, kurz vor Beginn der Schwimm-WM, auch ein Gefühl der Erleichterung?
Wellbrock: Auf jeden Fall. Erleichterung – oder Seelenfrieden, wie immer man das nennen will. Der Olympiasieg hat mich außerdem ein bisschen stolzer gemacht, aber auch leichter. Ich habe extrem lange auf dieses Ziel hingearbeitet und gehofft, dass es endlich funktioniert. An diesem Tag das olympische Gold abgeholt zu haben, das löst irgendwie erst einmal alle Sorgen und Probleme in Luft auf.
Ihnen geht es also nicht wie der amerikanischen Turnerin Simone Biles oder der japanischen Tennisspielerin Naomi Osaka, die beide von dem enormen Druckgefühl, von psychischen Problemen und Angstzuständen berichteten, die ihre Erfolge mit sich zogen?
Wellbrock: Gerade was das Mediale, den äußeren Druck angeht – das nehme ich eigentlich gar nicht so wahr. Ich setze mich selber ein bisschen unter Druck. Bei den angesprochenen Sportlerinnen ist es eine ganz andere Situation. Simone Biles zum Beispiel hat 2016 vier Goldmedaillen geholt. Und bei ihr war es in Tokio dann so: Entweder sie gewinnt, oder alle sind unzufrieden. Wenn man in eine solche Position geschoben wird, ist es noch mal eine ganz andere Herausforderung als die, die ich gerade zu bewältigen habe.
Sie empfinden den Olympiasieg im Becken, den Sie nach Ihrer Goldmedaille im letzten Jahr im Freiwasser noch erreichen wollen, also als eine vergleichsweise kleine Herausforderung?
Wellbrock: Das kann man schon ungefähr so in Worte fassen. Es wäre dann eben ein anderer olympischer Titel. Aber das setzt mich jetzt nicht mehr oder weniger unter Druck. Die Situation in Paris wird dann ähnlich sein. Da müssen wir einfach schauen, dass wir im Becken ein bisschen schneller schwimmen als in Tokio.
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Florian Wellbrock mit seinem Gold in Tokio 2021
Fotocredit: Getty Images
Mit diesem "Wir" meinen Sie sicherlich auch Bundestrainer Bernd Berkhahn, der zugleich Ihr Heimtrainer in Magdeburg ist. Was zeichnet ihn besonders aus?
Wellbrock: Bernd Berkhahn ist durch und durch Perfektionist. Er ist ein Mensch, der sportlich betrachtet sehr, sehr schwer zufriedenzustellen ist. Gerade was Technik und Geschwindigkeit und solche Dinge angeht, da geht bei ihm immer noch ein bisschen mehr. Andere Trainer wären schon früher zufrieden.
Sie sind mit 17 von Bremen ins Internat nach Magdeburg gegangen. Fiel Ihnen dieser Wechsel eigentlich schwer? Und war er für Sie alternativlos?
Wellbrock: Sowohl als auch. Es war alternativlos – denn wenn ich mich weiterentwickeln wollte, konnte ich nicht in Bremen bleiben. Aber der Wechsel ist mir schon auch schwergefallen. Zu Hause hatte ich wirklich eine Übermutti, die sich um alles gekümmert, mir alles abgenommen hat. Im Internat dagegen musste ich mich neben der Schule und dem Sport auf einmal um Dinge wie Wäsche waschen und einkaufen gehen kümmern. Eigentlich ganz lapidare Angelegenheiten. Aber die muss man mit 17 erst mal bewerkstelligen.
Ihr italienischer Konkurrent Gregorio Paltrinieri sagte nach Ihrem Olympiasieg, Sie seien ein Rennen von einem anderen Planeten geschwommen. Treibt Sie auch das Ziel an, irgendwann das perfekte Rennen zu schwimmen? Oder waren die zehn Kilometer von Tokio schon perfekt?
Wellbrock: Die zehn Kilometer von Tokio waren perfekt. Das war ein Rennen, das es in der Geschichte so noch nie gegeben hat. Und ich bin gespannt, wann und ob es so etwas wieder geben wird. Was mich noch antreibt und motiviert, ist der Gedanke, ob die Titelverteidigung über die zehn Kilometer in Paris möglich wäre. Oder die Frage: Bin ich dort in der Lage, olympisches Gold auch im Becken zu holen? Kann ich dort eventuell Doppel-Gold holen? Kann ich über die 1500 Meter den Europarekord oder irgendwann auch den Weltrekord brechen?
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Olympia-Gold perfekt: Wellbrock dominiert die 10 km im Freiwasser
Quelle: Eurosport
Sie schwimmen pro Jahr zwischen 3000 und 3500 Trainingskilometer, zudem bezeichnen Sie das Wasser als eine "Traumwelt" für Sie. Ist das nicht ein Widerspruch? Geht das überhaupt zusammen?
Wellbrock: Auf jeden Fall. Ich finde es einfach immer wieder schön, in dieses – ich sage mal: fremde – Element hinein zu springen. Diese Schwerelosigkeit zu fühlen, dass ich mehr oder weniger schwebe. Die Geräuschkulisse unter Wasser ist eine ganz andere. Das sind einfach Dinge, die ich unheimlich schön finde. Und deswegen spreche ich gerne von einer Traumwelt.
Ihre Frau und Schwimmkollegin Sarah sprach einmal offen von großen familiären Problemen, die sie als junge Erwachsene vor allem mit ihrer Mutter hatte. Sie dagegen erzählen von Ihrer Übermutti Anja. Verspüren Sie trotz dieses Gegensatzes – oder vielleicht auch deswegen – eine Seelenverwandtschaft zueinander?
Wellbrock: Wenn man sich so liebt und den Partner auch so braucht wie wir beide, dass man die Entscheidung trifft, zu heiraten, kann man schon von einer Seelenpartnerschaft sprechen. Wir ergänzen uns in unserem Arbeitsalltag und auch in unserem privaten Umfeld sehr gut. Jeder hat so den passenden Deckel für seinen Topf gefunden. Deswegen möchte ich diesen Menschen an meiner Seite auch nie wieder missen.
Sie haben Ende letzten Jahres relativ früh, mit 24, geheiratet. Hatte dieser Entschluss auch mit Ihrem Tattoo "Genieß' dein Leben ständig, du bist länger tot als lebendig" zu tun?
Wellbrock: Das resultiert vielleicht ein bisschen aus meiner Lebensphilosophie, die irgendwo auch mit dem Tattoo übereinstimmt. Ich bin aber auch der Meinung, dass es kein passendes Alter für eine Heirat gibt. Wenn man der Ansicht ist, dass man wirklich den richtigen Menschen gefunden hat und außerdem die notwendige Reife dafür mitbringt, um diesen Schritt zu gehen, dann ist es, glaube ich, vollkommen egal, ob man 20, 25 oder 35 ist. Da muss man einfach aufs Herz hören und diesen Weg gehen.
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Wellbrock verliert Gold - aber gewinnt Bronze: Das Finale über 1500 m
Quelle: Eurosport
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