The Ocean Race 2022-23 - Keine Toiletten, kaum Schlaf: Hartes Leben für Lush, Herrmann und Co. beim Ocean Race

Am 15. Januar stechen die fünf Teams in Alicante in See und starten in die erste Etappe beim Ocean Race 2022-23. Auf die Crews warten dann alles andere als einfache Wochen. Unbekanntes und Überraschungen gehören zur Normalität, auch für Annie Lush von GUYOT environnement - Team Europe. Die Britin gewährt einen Einblick in den Alltag an Bord - und schildert die zahlreichen Gefahren auf See.

Annie Lush | Quelle: Offizielle Webseite

Fotocredit: Eurosport

Gerade die IMOCA-Klasse, mit denen die fünf Teams beim Ocean Race 2022-23 in See stechen, stellt die Seglerinnen und Segler vor bedeutende Herausforderungen, wie bereits Team-Malizia-Skipper Boris Herrmann im exklusiven Interview mit Eurosport.de verraten hatte. Im Fokus steht nämlich die reine Performance. "Es ist eine Rennmaschine, alles ist zweckoptimiert, um möglichst schnell segeln zu können", erklärte der 41 Jahre alte Oldenburger. Komfort? Fehlanzeige!
"Da gibt es keine Sofas mit Polster oder einen Kühlschrank, den man aufmacht und sich was rausnimmt. Das Leben an Bord der Malizia - Seaexplorer ist wie Camping. Du hast eine Isomatte, einen Schlafsack, einen Gaskocher", bot Herrmann einen Einblick. Annie Lush beschrieb in Bezug auf den Unterschied der beiden Rennklassen vor allem den Faktor Gefahr: "Wenn Du durch die Wellen segelst, kannst Du dich nicht an Bord bewegen. Es ist einfach nicht sicher. Das Boot springt herum, es macht keinen Sinn."
Dass das Ocean Race für die Seglerinnen und Segler allen voran eine körperliche Herausforderung bedeutet, stellte die 42-Jährige ebenfalls heraus.
"Die Geräusche, die vom Boot kommen, sind schrecklich", so die Co-Skipperin des deutsch-französischen Teams, dass vom Skipper-Duo aus Benjamin Dutreux und Robert Stanjek angeführt wird: "Wir legen uns hin, die Füße gegen die Trennwand gepresst, und versuchen unser Bestes, um zu schlafen. Aber das ist ziemlich schwierig, weil man das Gefühl hat, dass das Schiff ständig explodiert und eine Million verschiedene Alarme ausgelöst werden."
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Herrmann exklusiv: "Man hat nicht einmal einen eigenen Schlafsack"

Quelle: Eurosport

Mehr Ruhe- als Schlafphasen

Daher erwägt Lush in der Vorbereitung auf das Rennen auch eine Änderung in ihrer Herangehensweise im Vergleich zu vergangenen Fahrten. "Ich habe nie Kopfhörer oder andere Technik mit an Bord genommen. Keine Musik, keine Filme. Ich wollte immer aufmerksam sein, was auf dem Deck der VO65 passiert", verriet die Britin: "Aber bei IMOCA muss man sich meiner Meinung nach dazu zwingen, sich taub zu stellen. Alle IMOCA-Skipper scheinen Ohrstöpsel zu tragen, also muss ich vielleicht meine Denkweise diesbezüglich ändern."
Auch Herrmann betonte im Interview, wie kompliziert es sei, beim Wellengang auf hoher See zur Ruhe zu kommen. "Wir haben das Problem, dass wir beim Liegen häufig geschüttelt oder hin- und hergeworfen werden. Die Qualität des Schlafes ist oft sehr gering oder gar nicht erst möglich. Die Pausen würde ich daher mehr als Erholung oder Stand-by-Zeit bezeichnen", erklärte der Skipper des Team Malizia, das am Sonntag in Alicante das In-Port-Race gewann und einen perfekten Auftakt in das Ozeanrennen feierte.

Warum keine Gabeln erlaubt sind

Zumal an Bord beängende Verhältnisse herrschen: "Man hat keinen eigenen Schlafsack und kriecht immer in die Koje des anderen, der gerade an Deck ist, und benutzt dieselbe Isomatte und denselben Schlafsack."
Wie beim Schlaf ist auch die Nahrungsaufnahme ein Problem an Bord. "Das Essen wird eine Herausforderung, weil man es zubereiten und das Wasser kochen muss. Und das Wasser aus dem Wasserkocher in den Beutel laufen zu lassen, ist wirklich beängstigend", beschrieb Lush. "Früher haben wir das Essen in einem großen Topf zubereitet, aber das geht nicht", erklärte die Olympionikin. Zu groß sei die Gefahr, sich beim intensiven Wellengang Verbrennungen durch heiße Flüssigkeiten zuzuziehen.
"Selbst das Wasser aus dem Wasserkocher in die Tüte zu füllen, wird gefährlich", wanrte die Britin. Doch auch das Essen selbst stellt im Anschluss eine Herausforderung dar. So seien auch Gabeln an Bord verboten - zu groß die Gefahr, dass man sich aufspießen könnte.

Toiletten? Fehlanzeige!

Toiletten sucht man an Bord ebenfalls vergeblich. "Die Toilette wird in einen Eimer oder direkt über Bord erledigt. Das war's, mehr ist da nicht", erklärte Herrmann.
Lush erkennt für Frauen dabei aber ein noch größeres Problem als für die Männer. "Ich habe eine WhatsApp an die anderen Frauen im Rennen geschickt und gefragt: 'Wer hat eine Lösung gefunden?' Nichts kam zurück", verriet die Britin. Bedeutet: "Es sieht so aus, dass wir auf einem Eimer sitzen werden - etwa einen Meter von der Person entfernt, die das Boot steuert. Ich habe also daran gedacht, einen kleinen Duschvorhang mitzubringen und ihn um mich herum zu binden", sagte sie und gestand, neidisch auf die männlichen Kollegen zu sein.
Doch trotz der delikaten Situation und den Voraussetzungen vor dem Auftakt in das Ocean Race 2022-23 behielt Lush ihren Humor: "Meine größte Angst ist: Werde ich diejenige sein, die - während wir eine Welle überspringen - den Eimer fallen lässt?"
Im exklusiven Interview fasste Herrmann die Strapazen, denen sich die Segler auf den sieben Etappen zwischen Januar und Juni auf mehr als 59.000 Kilometern aussetzen, zusammen: "Als Außenstehender ist es schwer nachzuvollziehen, wie anstrengend das ist."
Am 15. Januar brechen die fünf Boote um das Team Malizia von Boris Herrmann und das Team GUYOT environnement - Team Europe mit Anne Lush auf die 3518 Kilometer lange erste Etappe von Alicante bis Kap Verde auf. Verfolgt das Ocean Race bei discovery+ und hier bei Eurosport.de.
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