Aleksander Kilde im Exklusiv-Interview über sein Weltcup-Comeback: "Die Angst ist in unserem Sport immer ein Thema"
VonJan Zesewitz
Update 29/05/2024 um 21:59 GMT+2 Uhr
Der 13. Januar 2024 bedeutete einen massiven Einschnitt in der Karriere von Aleksander Aamodt Kilde. Bei der Lauberhornabfahrt in Wengen stürzte der Norweger schwer - seine Laufbahn stand auf der Kippe. Eine tiefe Schnittverletzung an der Wade und eine ausgekugelte Schulter waren die Folge. Im Exklusiv-Interview spricht er über den langen Weg zurück, die Angst als Begleiter und privates Glück.
Kilde im Interview: “Zum ersten Mal die Folgen des Sports gespürt”
Quelle: Eurosport
Mehr als vier Monate sind seit dem Horror-Sturz des 31-Jährigen in der Schweiz vergangen. Zwei Operationen am Unterschenkel und an der Schulter waren nötig, die Reha-Phase dauert noch immer an.
Kilde und seine Verlobte Mikaela Shiffrin ließen die Öffentlichkeit regelmäßig an den gesundheitlichen Fortschritten und Rückschlägen teilhaben.
Die teilweise schockierenden Bilder seiner Verletzungen und die Unfälle anderer prominenter Skifahrer wie Marco Schwarz und Alexis Pinturault sorgten im vergangenen Winter auch für Diskussionen rund um die Sicherheit der Athleten.
Über seinen langen Weg zurück, seinen Gesundheitszustand, die mentale Komponente bei Abfahrten und auch die Sicherheitsrisiken berichtet er in diesem Exklusiv-Gespräch mit Eurosport im Trentino.
Herr Kilde, vier Monate sind seit Ihrem schweren Unfall in Wengen vergangen – wie stehen die Chancen, dass Sie bis zum Saisonanfang wieder bei hundert Prozent sein werden und wann entscheiden Sie über das Rennprogramm in der kommenden Saison?
Aleksander Aamodt Kilde: Es ist eine sehr gute Frage, ob ich diese Saison schon wieder ein "normales" Rennen fahren kann. Noch ist es früh im Jahr und es gibt noch viel Ungewissheit, aber ich fühle mich jetzt viel mehr bereit als vor ein paar Monaten. Ich sehe ein Licht am Ende des Tunnels, aber es ist aktuell sehr schwer, ein genaues Datum zu nennen. Aber natürlich werde ich alles tun, um so schnell wie möglich wieder dabei zu sein.
Was halten Sie vom Rennkalender für die kommende Saison?
Kilde: Ich denke, der Kalender ist schon gut so. Wir kennen ihn, er ist ähnlich wie in den vergangenen Jahren. Es wurden einige Rennen gestrichen, sodass nicht mehr so viele direkt hintereinander stattfinden. Das ist positiv für die Athleten und für die Sicherheit. Es werden noch weitere Änderungen anstehen müssen, aber es ist eine Verbesserung im Vergleich zum vergangenen Jahr. Zusätzlich müssen wir das noch besser kommunizieren. Aber es ist ein Schritt in die richtige Richtung.
Das ist mein großes Ziel: Ich will mir selbst zeigen, dass es noch nicht vorbei ist. Ich will noch Dinge erreichen und ich glaube dass ich das kann.
Wie geht es Ihnen mental und wie sind Sie in den vergangenen Monaten mit ihrer Verletzung umgegangen?
Kilde: Ich habe das Gefühl, dass diese Zeit wirklich ein Auf und Ab war. Es war eine unglaubliche Herausforderung, sowohl körperlich als auch mental. Jetzt geht es mir viel besser als vor einigen Monaten. Ich habe noch eine lange Reise vor mir, aber ich bin auf einem guten Weg, ich mache Fortschritte. Ich habe noch ein paar Monate Zeit, und die werde ich mir nehmen, um gesundheitlich so gut wie möglich aufgestellt zu sein. Das bedeutet nicht, dass ich Rennen gewinne, aber ich werde wettbewerbsfähig sein. Und das ist das Wichtigste.
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Aleksander Kilde stürzte in der Weltcup-Abfahrt von Wengen im Januar schwer
Fotocredit: Getty Images
Sie haben in den sozialen Medien mehrfach über Ihr Training und Ihren Weg zur Genesung berichtet. Können Sie uns ein Update zum aktuellen Stand geben und schon absehen, wann Sie wieder auf Skiern stehen werden?
Kilde: Ich muss das Ganze Stück für Stück angehen. Es läuft aktuell ungefähr so, wie ich es mir erhofft und bei einigen Dingen auch erwartet habe. Aber die Schulter hat mir deutlich länger Probleme bereitet, als ich dachte. Es fällt mir schwer, sie richtig zu bewegen und die gewohnten Abläufe durchzuziehen. Ich muss mir einfach etwas Zeit lassen. Das Gute daran ist, dass ich nicht mit der Schulter Skifahren muss. Das ist der aktuelle Stand. Ich werde wieder auf Skiern stehen, sobald es eben geht.
Die Angst ist in diesem Sport immer ein Thema. Sie ist immer da. Aber ich weiß auch, dass ich sie schon mal besiegt habe.
Sie haben einmal gesagt, dass diese Erfahrung mit einem Trauma verbunden war, dass Sie so noch nie erlebt haben. Sie waren am "Tiefpunkt" Ihres Lebens angekommen. Können Sie beschreiben, was diese Zeit so herausfordernd gemacht hat?
Kilde: Weil diese Erfahrung eine enorme Auswirkung auf mich hat. Zum ersten Mal habe ich wirklich die Konsequenzen dieses Sports und eines Sturzes mit so viel Wucht gespürt. Es fiel mir lange Zeit schwer, daran zu glauben, dass ich das alles wieder tun kann. Das war mental für mich sehr schwierig - und noch viel schwerer zu akzeptieren.
Ich hatte Angst und fühlte mich eine Minute lang sehr verletzlich, vielleicht sogar mehr als eine Minute. Das war auf jeden Fall hart.
Aber jetzt geht es mir viel besser. Ich glaube, die Zeit heilt fast alles. Das zeigt mir, dass es wichtig ist, realistisch zu sein, um zurückzukommen. Und das ist mein großes Ziel: Ich will mir selbst zeigen, dass es noch nicht vorbei ist. Ich will weiterhin Dinge erreichen und Erfolge haben und ich glaube, dass ich das kann. Also werde ich nicht aufhören, hart zu arbeiten, und dann sehen wir, was passiert.
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Horrorsturz im Zielhang: Kilde kracht brachial in Fangzaun
Quelle: Eurosport
Fürchten Sie, dass die Angst überhandnehmen könnte?
Kilde: Die Angst fährt in diesem Sport immer mit. Ich weiß, dass sie da ist. Wenn ich das erste Mal wieder auf der Piste bin, werde ich mir viele Fragen stellen. Aber ich weiß auch, dass ich die Angst schon einmal besiegt habe. Es geht also nur darum, mir Zeit zu geben, weiter zu arbeiten und nichts zu überstürzen. Das ist das Wichtigste: Ich muss geduldig sein.
Während Ihrer Reha-Phase gab es große News: Sie haben Mikaela Shiffrin einen Antrag gemacht. Herzlichen Glückwunsch! Wie viel hat sie dir während dieses Prozesses bedeutet?
Kilde: Wenn man dem wichtigsten Menschen in seinem Leben einen Heiratsantrag macht, ist das eine ziemlich einfache Sache. Mikaela ist unglaublich, und auch in solch schweren Zeiten spürt man ihre Fürsorge und wie sehr sie mich unterstützt und all die positiven Dinge, die sie in mein Leben gebracht hat. Der Antrag sollte klarstellen, dass ich mein restliches Leben mit dieser Frau verbringen möchte. Sie bedeutet mir alles. Das ist definitiv etwas, an das ich mich Zeit meines Lebens erinnern werde.
Nach Ihrem Unfall und den zahlreichen anderen Stürzen gab es vergangenen Winter viele Diskussionen über die Notwendigkeit, die Sicherheit im Skisport zu verbessern. In welchen Bereichen würden Sie konkret nachbessern?
Kilde: Die Sicherheit ist im Skisport immer eine große Frage. Es gibt ein paar einfache Dinge, die wir dazu beitragen können. Dazu zählt, was wir am Körper tragen: die Rennanzüge, Airbags, was auch immer. Ich weiß, dass diese Dinge funktionieren, also müssen wir daraus etwas machen. Wir haben das technische Know-how, um vieles möglich zu machen. Am Ende ist es eine Frage des Geldes und der Umsetzung. Mir ist vor allem wichtig, dass ich sehe, dass an diesem Problem gearbeitet wird, dass sich etwas tut. Der Skisport war stets von zahlreichen Verletzungen geprägt, aber diese Saison war es brutal. Also müssen wir etwas tun.
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Aleksander Kilde und Marcel Hirscher sehen sich in der kommenden Saison im Weltcup wieder
Fotocredit: Getty Images
Im Winter 2024/25 erwarten wir das Comeback einiger Athleten - Sie eingeschlossen, aber insbesondere Marcel Hirscher und Lucas Braathen. Inwiefern machen die beiden Ski Alpin attraktiver und was erwarten Sie von ihnen?
Kilde: Wir haben eine sehr interessante Saison vor uns. Einige kommen von Verletzungen zurück, und wir sehen das Comeback zweier Legenden, die ihre Nationalität gewechselt haben. Es tut mir im Herzen weh, vor allem im Fall von Lucas Braathen, denn er ist ein guter Freund und ein großartiger Skifahrer. Das norwegische Team hat einen Siegfahrer und einen tollen Mannschaftskameraden verloren. Es ist wirklich schade für uns, aber ich denke, für den Sport ist es gut. Er bringt eine Menge Aufmerksamkeit mit sich. Es macht so Spaß, ihn wieder Skifahren zu sehen. Ich schaue ihm einfach gerne zu. Das gilt für Hirscher natürlich genauso. Die Intensität, mit der er die Rennen angeht - das ist schlichtweg unglaublich. Wir müssen das genießen. Er hat zu früh aufgehört. Und ich denke, dass er das jetzt erkannt hat. Also ich freue mich sehr auf die Saison und hoffe, dass ich eine Rolle spielen kann.
Was halten Sie davon, dass Hirscher und Braathen zurückkommen und ihre "Nationalität" wechseln wollen?
Kilde: Zuallererst haben sie die Möglichkeit, die Nationalität zu wechseln, wegen ihrer Eltern. Das ist völlig legitim und das gab es schon öfter. Wir haben nur noch nie derart profilierte Athleten gesehen, die den Verband wechseln. Es ist eine Chance für die beiden. Sie können ihre Marke aufbauen, ohne Teil einer sehr großen Organisation zu sein. Ich kann es verstehen und irgendwie auch nicht, weil ich so gerne Mitglied dieses norwegischen Teams bin. Gerade Lucas Braathen wählt einen aus meiner Sicht eher speziellen Weg. Aber er hat seine Argumente und es ist wichtig, dass er glücklich damit ist. Er will zurückkommen und ich glaube, das ist für ihn das Richtige.
Wir sprechen hier im Trentino, wo Sie einen Teil Ihrer Saisonpause verbringen. Wie ist es dazu gekommen?
Kilde: Im Trentino zu sein, ist immer wunderbar. Ich denke, es ist ein hervorragender Start in die Sommerzeit und auch ein guter Ort, um die Grundlagen für den Winter zu schaffen. Für mich geht es aktuell vor allem darum, dass ich mich wieder als Komponente eines Teams fühle, nachdem ich viele zuletzt vor fünf Monaten gesehen habe. Es ist ein emotionales Gefühl und einfach schön, aufs Neue hier zu sein. Ich liebe diesen Ort. Es ist wundervoll.
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Sensation perfekt: Legende Hirscher kehrt in den Ski-Zirkus zurück
Quelle: SID
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