Viktoria Rebensburg exklusiv über Shiffrins Sturz in Cortina: "Hatte das Gefühl, Mikaela war verunsichert"
Viktoria Rebensburg hat die Chaos-Abfahrt von Cortina am Eurosport-Mikrofon begleitet. Mikaela Shiffrin war das prominenteste Opfer eines Rennens, das von zahlreichen Stürzen geprägt war. Die Olympiasiegerin erklärt, warum die Tofana diesmal anders ist als in den letzten zehn Jahren und nimmt Stellung zu den vielen Verletzungen im Ski-Weltcup von Aleksander Kilde bis Petra Vlhova.
Böser Crash in der Abfahrt! Shiffrin humpelt verletzt von der Piste
Quelle: Eurosport
Mikaela Shiffrin ist bei der ersten Abfahrt in Cortina d' Ampezzo schwer gestürzt. Dabei zog sich die US-Amerikanerin eine Verletzung am linken Bein zu. Neben der 28-Jährigen kamen noch zahlreiche weitere Läuferinnen wie die Schweizerinnen Corinne Suter, Michelle Gisin und Priska Nufer zu Fall.
Auch die Hoffnung des Deutschen Skiverbandes (DSV), Emma Aicher, crashte. 24 Stunden später kam es im zweiten Anlauf auf der klassischen Damen-Abfahrt zu weiteren schweren Stürzen.
Olympiasiegerin Viktoria Rebensburg verfolgte das Rennen live am Eurosport-Mikrofon. Die ehemalige Riesenslalom-Spezialistin, die 2020 bei der Abfahrt von Garmisch-Partenkirchen triumphierte, hatte schon nach dem Training kein gutes Gefühl, als sie einen Instagram-Post von Mikaela Shiffrin las.
Die Rekord-Weltcupsiegerin berichtete über ein paar "beängstigende Momente" auf der Strecke und gestand, sie sei wohl generell eine Person, die gerne mal "überbesorgt" sei.
Angst ist kein guter Begleiter im Rennsport. 24 Stunden später verunfallte Shiffrin. Rebensburg spricht im exklusiven Interview mit Eurosport über die Bedingungen in Cortina d'Ampezzo, ordnet den Sturz von Shiffrin ein und erklärt, warum sowohl schwere Stürze als auch Verletzungen Teil des Skisports sind und immer sein werden.
Die Zuschauer haben in der Abfahrt in Cortina ein Sturzfestival erlebt. Was ist da schief gelaufen?
Viktoria Rebensburg: Man kann aufgrund der Zeiten erahnen, dass es vom Training hin zum Rennen schneller geworden ist. Und was sich definitiv auch verändert hat, ist das Gelände in Cortina. Heuer gibt es viel mehr unangenehme Wellen als in den letzten Jahren, sodass die Athletinnen von oben bis unten gefordert sind. Ich nehme mal die zwei Passagen heraus, an denen die Stürze passiert sind. Zum einen gleich oben am Start kurz vor der ersten Zwischenzeit der Schwung über die Welle, an der Mikaela Shiffrin gestürzt ist. Da musste man sich von der Linie her extrem anpassen. Für mich hat es den Eindruck gemacht, als wären dort viele Läuferinnen überrascht gewesen. Das ist dann möglicherweise in der Summe zu viel. Es sollte nicht sein, dass der Grat zwischen Durchkommen und Sturz so schmal ist. Der zweite knifflige Abschnitt war die Delta-Kurve nach dem Duca d’Aosta-Sprung, die nicht ohne und technisch sehr anspruchsvoll ist. Viele Rennläuferinnen sind da zu direkt in den Sprung hineingefahren und haben dadurch zu viel Luft unter die Skier bekommen. Dementsprechend sind sie oft zu weit hinuntergesegelt.
Wie sind die Veränderung am Gelände der klassischen Abfahrtspiste Olimpia delle Tofana in Cortina zu erklären?
Rebensburg: Das Gelände hat sich nicht maßgeblich verändert. Es sind nur die Wellen, die prägnanter geworden sind. Das kann beispielsweise entstehen, wenn wenig Schnee liegt. In diesem Fall wird das Gelände noch ausgeprägter, wie wenn es viel geschneit hat. Oder es werden auf manchen Strecken auch gelegentlich zusätzliche Wellen eingebaut, um die Abfahrt anspruchsvoller zu gestallten. Das ist in Cortina aber sicher nicht notwendig, daher kann ich hier nur mutmaßen, weil ich nicht vor Ort bin und aus der Ferne kein Urteil treffen kann.
War ein Trainingslauf bei den schwierigen Bedingungen ausreichend?Rebensburg: Es ist schon öfter vorgekommen, dass bei neuen Abfahrten oder welchen, die man nicht so oft fährt, nur ein Training stattgefunden hat. Es ist mir zu einfach, es nur darauf zu beschränken. Es ist ja trotzdem jede Läuferin einmal heruntergefahren. Von meinen Beobachtungen her waren die Bedingungen anders als in den letzten zehn Jahren in Cortina. Man musste sich vom Kopf her auf das Gelände einstellen und umstellen: Hier muss ich einen Meter mehr Luft lassen und bessere Sprungbewegungen machen. Das waren meines Erachtens die maßgeblichen Punkte und da waren die ersten Athletinnen offensichtlich überrascht. Und nach all den Stürzen und Unterbrechungen war dann irgendwann generell der Wurm drin.
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Shiffrin exklusiv über Stürze und belastenden Rennkalender
Quelle: Eurosport
Unter anderem hat es Mikaela Shiffrin erwischt. War der Sturz der Rekord-Weltcupsiegerin ein Fahrfehler oder wie haben Sie den Crash wahrgenommen?
Rebensburg: Ich hatte schon nach ihrem Instagram-Post nach dem Abfahrtstraining das Gefühl, Mikaela ist verunsichert. Diese Unsicherheit hat sich in den ersten Schwüngen des Rennens widergespiegelt und so auch bei der Fahrt über die erste Welle. Mikaela sieht man sehr selten stürzen, geschweige denn sich verletzen. Deshalb war es eher ungewöhnlich, dass ausgerechnet ihr so etwas passiert.
Waren die Strapazen der letzten Wochen mit Reisen, Rennen und vor allem dem Sturz ihres Lebensgefährten Aleksander Aamodt Kilde zu viel?
Rebensburg: Das mag sein und es zeigt vor allem, dass Mikaela nicht nur die Ausnahmeathletin ist, sondern auch ein Mensch. Ihre letzten Wochen waren sehr bewegt. Es ist viel passiert: Der Sturz von Aleksander und auch sie war zwischenzeitlich krank. Da ist einiges emotional auf sie eingeprasselt. So zumindest habe ich das aus der Ferne wahrgenommen.
Die Serie von Stürzen und schweren Verletzungen im Ski-Weltcup ist alarmierend: Kilde, Marco Schwarz, Alexis Pinturault und nun auch Shiffrin - die Saison hat zahlreiche Opfer gefordert. Kann man diesen Zustand wirklich noch als normal in diesem Sport bezeichnen oder müssen der Internationale Skiverband (FIS), die Landesverbände sowie die Ski-Industrie jetzt gemeinsam reagieren?
Rebensburg: So lange ich im Weltcup bin, sind Verletzungen ein großes Thema. Man neigt dazu, alles schnell über einen Kamm zu scheren, dabei gilt es die Ursachen im Detail zu betrachten. Beispielsweise hat es Blacky Schwarz in Bormio an einem Tor unglücklich hinten reingedrückt. Das ist dann genau die Situation, bei der die Kreuzbänder überbeansprucht werden und öfters Schaden nehmen. Aleksander Kilde war in der extrem anstrengenden Woche in Wengen krank. Am dritten Tag fährt man dann nochmals die Lauberhorn-Abfahrt von ganz oben, da kann es passieren, dass einem kurz vor dem Ziel die Kraft ausgeht und man stürzt. Und Alexis Pinturault ist ein für ihn ungewöhnlicher Fahrfehler unterlaufen. Kurz zuvor ist er Vater geworden und bei den ganzen Emotionen weiß man nicht, was das für einen Einfluss auf die Konzentration und den Athleten hat.
Und dann war da noch der Crash von Petra Vlhova im Heimrennen…
Rebensburg: Das war ein sehr schwieriges Rennen. In Jasna wurde die Piste mit enorm viel Wasser präpariert und über Nacht wurde es extrem kalt. Beim Vorbereiten der Strecken ist man oftmals machtlos, weil man von den Temperaturen abhängig ist. Über solche Verhältnisse kann man diskutieren, weil gerade bei den Damen mit der Vereisung der Pisten gerne übertrieben wird.
Und jetzt?Rebensburg: Selbst die Athleten sind sich untereinander oftmals nicht einig. Dominik Paris sagt in Bormio, ihm komme es vor, als würden die Abfahrten nur noch entschärft und es wäre nicht mehr wie früher. Andererseits höre ich aus dem deutschen Lager von Wolfgang Maier, dass gewisse Sprünge wie am Hundschopf zu weit gehen. Dann wird der Riesenslalom in Adelboden aufgrund von Verletzungsgefahr so drehend gesteckt, dass die Rennläufer fast kein Tempo mehr aufbauen können. Nicht zuletzt aufgrund dieser Gemengelage tut sich die FIS schwer, eine Linie zu finden. Es ist tatsächlich so, dass Stürze immer passieren können und es ein Stück weit zu diesem Sport dazugehört. Meiner Meinung nach wäre wichtig, dass man bei Themen wie Pistenpräparation, Kurssetzung, Rennprogramm und Reisestress ansetzt, um so im Vorfeld ein Verletzungsrisiko zu minimieren.
Welche Möglichkeiten sehen Sie, Verletzungen einzudämmen?Rebensburg: Da gibt es eine Vielzahl von Möglichkeiten. Nehmen wir beispielsweise den Sturz von Aleksander Kilde: Vor Jahren, als ich noch aktiv gefahren bin, war schnittsichere Unterwäsche ein Thema gegen entsprechende Verletzungen. Darüber sollte man sich einmal Gedanken machen. Schließlich ist man mit messerscharfen Skiern unterwegs. Auch die Rennanzüge könnte man etwas wärmer gestalten, um den Körper nicht so schnell auszukühlen. Da gibt es sicher einige innovative Ansätze, den Skisport ein wenig sicherer zu machen.
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Shiffrin über Training mit Kilde: "Wenn ich schneller bin..."
Quelle: Eurosport
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