Das Thema mentale Gesundheit beschäftigte Shiffrin bereits im Vorfeld der Winterspiele. "Es ist niemals leicht zu gewinnen", antwortete sie auf die Frage nach dem ungeheuren Erfolgsdruck, der auf ihr lastete. Als zweite Skifahrerin überhaupt trat die Überfliegerin der vergangenen Jahre bei allen sechs Disziplinen an. Die Ausbeute: null Medaillen und eine Achterbahnfahrt der Emotionen.
Was in Peking passiert ist? "Ich weiß es nicht", schrieb Shiffrin in ihrem persönlichen Beitrag bei "The Players' Tribune". "Ich könnte Euch hier dieselbe Antwort geben, wie den Medien. Ich könnte ein tapferes Gesicht aufsetzen und Euch einfach etwas Generisches erzählen. Aber die Wahrheit ist... Ich weiß es nicht." Eine mögliche Ursache würde sich aber in der jüngsten Vergangenheit finden.
Der Tod ihres Vaters sei ihr gerade während der Wochen in Peking immer wieder präsent gewesen. Es hätte Tage gegeben, an welchen sie sich von der Trauer, die sie seit nunmehr zwei Jahren begleitet, befreien konnte. "Dann vergesse ich den Schmerz. Wenn ich am Berg bin, fühlt es sich nach dem einzigen Ort an, an dem ich frei atmen kann."
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Zwischendurch hätte aber wiederum gar nichts funktioniert. "Manchmal ist es schwierig, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Das ist Trauer. Das ist Menschsein", erklärte sie.
Dass sie sich mit dem nachfolgenden Gewinn des Gesamtweltcups wieder rehabilitiert hätte, verneinte Shiffrin vehement. Viel zu oft würde Erfolg mit Wohlbefinden gleichgesetzt. "Die ganze Wahrheit ist: Ich fühle mich weder gut noch schlecht. Es hängt allein vom Tag ab." Wie schnell sie dabei irgendeine Piste runterfährt, sei dabei völlig irrelevant.

Nach Todesfall: Shiffrin dachte an Karriereende

Als sie Anfang Februar 2020 vom Tod ihres Vaters erfuhr, wurde Shiffrin der Boden unter den Füßen weggezogen. Für einen Moment hörte ihre Welt auf, sich zu drehen. Sogar ein mögliches Karriereende stand zu diesem Zeitpunkt zur Diskussion. "Ich wollte nicht mehr Skifahren. Ich wollte nichts essen. Ich wollte nicht mehr schlafen", beschrieb sie das emotionale Tief, welches sie damals durchschritt.
Für einige Wochen verspürte sie eine gewisse Schuld, wenn sie ihrer Leidenschaft nachzugehen versuchte. Der Leidenschaft, die sie mit ihrem Vater über ihr ganzes Leben hinweg geteilt hatte. Daher entschied sie im Frühjahr 2020, sich vorübergehend aus dem Weltcup zurückzuziehen.
Im folgenden Winter kehrte sie von ihrer Wettkampfpause wieder auf die Piste zurück. Ihr Ansporn: Die Erinnerung an Vater Jeff am Leben zu erhalten. "Meine größte Angst ist, dass ich ihn ein weiteres Mal verlieren würde, wenn ich seine Erinnerung sterben ließe." Am 14. Dezember feierte sie im französischen Courchevel schließlich ihren ersten Weltcupsieg seit ihrem Comeback.

Mikaela Shiffrin erinnerte sich nach ihrem Sieg in Courchevel an ihren Vater

Fotocredit: Getty Images

Kurz vor ihrem Triumph seien ihr zahlreiche Gedanken durch den Kopf gegangen. "Ich wusste, wenn ich einen guten Lauf abliefere, würde ich gewinnen. Aber wenn ich gewinne, dann würde ich in einer Realität siegen, in der mein Vater nicht hier ist, um es mitzuerleben. Und ich fragte mich: 'Möchte ich in einer solchen Realität überhaupt existieren?'", führte sie aus.

Shiffrin: "Meine Wahrheit ist viel komplizierter"

Ein Beweis dafür, dass sie ihre mentale Belastung durchaus in den Hintergrund verschieben kann. "Ich habe seine Stimme gehört. Und dann habe ich meine Ski einfach den Berg runterfahren lassen. Ich ließ mich den Sieg holen - ohne meinen Vater." Es sei ein besonders harter Moment gewesen, der sie viel Kraft kostete.
Eine Situation, die man laut Shiffrin über den TV-Bildschirm kaum begreifen könne. "Momentan ist meine Wahrheit viel komplizierter, als man im TV mitbekommt", unterstrich sie. Mit ihrem Beitrag hat sich die 27-Jährige nun geöffnet - und ihre Gefühle mit der Welt geteilt.
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