Es war nicht das Bild, dass viele erwartet hatten. Statt ganz oben auf dem Treppchen zu stehen - wie so oft zuvor - kauerte Mikaela Shiffrin lange am Pistenrand.
Was dem Topstar der Skirennläuferinnen dabei durch den Kopf ging, brauchte sie eigentlich gar nicht mehr zu erklären. Unter Tränen tat die 26-Jährige es dann im Ziel doch.
Es brach dabei wieder alles aus ihr heraus. Die Trauer über den Verlust ihres Vaters und Förderers Jeff, der vor zwei Jahren bei Arbeiten am Hausdach stürzte und tödlich verunglückt war.
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UPDATE 26/07/2022 UM 16:53 UHR
Dazu die Erwartungshaltung von außen, vor allem die eigenen Ansprüche. Es sei sehr schwierig, erzählt sie offen, mit der drohenden Gefahr umzugehen, "ein ganzes Land im Stich zu lassen".

Drama um Shiffrin: Doppelter Olympia-Tiefschlag für Seriensiegerin

"Ich habe Gas gegeben, vielleicht zu viel", sagte sie, "vielleicht wegen des Drucks, aber da fragt man besser einen Psychologen". Ihre beiden besten Chancen auf Gold in China sind jedenfalls vertan: "Es fühlt sich an wie viel Arbeit für nichts."

Shiffrin auf außergewöhnlichem Level

Wer sportinteressiert ist, kann eventuell erahnen, wie intensiv trainiert werden muss, um auf solch ein Level wie Shiffrin es hat, zu kommen. Talent allein reicht irgendwann nicht mehr, die Mentalität, das Streben nach Exzellenz muss unermüdlich sein. Und wahrscheinlich ist niemand eine härtere Kritikerin für sie als sie selbst.
Shiffrin hörte nie auf, nach Wegen zu suchen, um einen Vorteil gegenüber der Konkurrenz zu finden und versuchte, jeden Tropfen Qualität herauszufiltern. Das hat sie auf ein beispielloses Niveau gebracht. Sie ist bereits Dritte in der ewigen Weltcupsiegerliste. Sie hat mehr Siege in einer einzelnen Disziplin (47 Slalomsiege) als jede andere in der Geschichte. Nur fünf Frauen in der Historie haben mehr als ihre beiden olympischen alpinen Goldmedaillen gewonnen (2014 im Slalom, 2018 im Riesenslalom).

"Komplett aus dem Konzept": Shiffrin scheitert auch im Slalom

Noch vor den Spielen in Peking wirkte sie enorm fokussiert. Shiffrin fährt ja sogar aufs "Stockerl", wenn es ihr schlecht geht, dachten alle. Den ersten Riesenslalom der Saison gewann sie trotz Rückenschmerzen. In den folgenden Slaloms plagte sie "der schlimmste Jetlag meines Lebens" - sie wurde zweimal Zweite. "Nichts, was bei Olympia wartet, wird so schwierig", sagte sie.

Der Verlust des Vaters wiegt immens schwer

Wie sehr allerdings der Verlust ihres Vaters weiter an ihr nagt, wurde wieder deutlich. Ihre Welt geriet durch den Unfalltod völlig aus den Fugen. "Es ist schwierig, nicht daran zu denken", gab sie schon öfter zu. Jetzt schluchzte sie: "Ich würde ihn gerne anrufen. Er würde mir wahrscheinlich sagen: Komm darüber hinweg", erzählte Shiffrin und lachte verzweifelt, "aber er ist nicht hier, um mir das zu sagen". Das mache alles noch viel schlimmer. Wie konnte er sie nur so im Stich lassen? "Ich bin ziemlich sauer auf ihn", fügte sie an.
Emotionen gehören bei Shiffrin einfach dazu. Sie ist alles andere als eine kühle, unnahbare Siegerin, sie erzählt bei "Instagram" offen von ihren Zweifeln und lässt tiefe Blicke in ihre Seele zu. Dieser neue Ausbruch überraschte dann aber doch etwas. Denn eigentlich schien sie einen Weg zwischen Trauerbewältigung und eigenen sportlichen Leistungen gefunden zu haben.
Allerdings zwickte im vergangenen Jahr der Rücken, die Reiserei schlauchte, vielleicht war ihr auch der Wirbel um ihre neue Liebe zu Abfahrtsstar Aleksander Aamodt Kilde zu viel. Als Corona sie kurz nach Weihnachten ausbremste, fiel sie in ein tiefes Loch. Im Januar schied Shiffrin zum ersten Mal seit vier Jahren in einem Slalom aus.
Als sie das folgende Rennen gewann, weinte sie hemmungslos.

Slalom-Reaktionen: Shiffrin den Tränen nahe - Holdener auch

Alles zusammen wirkt wild. Vielleicht zu wild für eine einzelne Person, sind Sorgen über ihre psychische Gesundheit mittlerweile angebracht? Bei "Instagram" nannte sie ihren Zustand "Selbstmitleid". Aus diesem könne sie durchaus kurz heraus, schrieb sie, um die starke Leistung von der Slowenin Petra Vlhova anzuerkennen. Sie gratulierte der Goldmedaillen-Gewinnerin.
Fallen lassen kann sich Shiffrin auf jeden Fall in die Arme ihrer Mutter Eileen, und natürlich ist ihr die Liebe ihres Partners gewiss. Derweil flogen ihr auch andere Herzen zu. Unter anderem posteten Lindsey Vonn, Simone Biles und Gabby Thomas ihr Zuspruch bei "Twitter". Das könnte neue mentale Kraft erzeugen.
Am Freitag im Super-G hat Shiffrin die nächste von noch bis zu vier Chancen auf eine Medaille. Schafft sie die Wende oder nicht? "Ich bin hier nur ein kleiner Tropfen in einem großen Eimer", sagte sie, "es fühlt sich an, als wäre es alles, aber das ist es nicht". Schon gar "nicht das Ende der Welt".
Und selbst wenn sie wieder keine Medaille holen sollte, an Menschlichkeit hat sie in diesen Tagen einmal mehr gewonnen.

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