Riesenslalom-Olympia-Hoffnung Fabian Gratz im Exklusiv-Interview: "Besser spät als nie" zum Durchbruch in Weltspitze
Fabian Gratz ist in der Saison 2025/26 der beste deutsche Riesenslalom-Fahrer. Mit 28 Jahren hat er sich in diesem Jahr im Weltcup etabliert und steht vor seinen ersten Olympischen Spielen. Im Exklusiv-Interview sprach er über seine Entwicklung hin zu einem Top-Ten-Fahrer, die besondere Situation, als Podiumskandidat in einen zweiten Lauf zu gehen und seine Aussichten für Olympia in Bormio.
Zu vorsichtig: Gratz verpasst Premieren-Podium
Quelle: Eurosport
Nach dem ersten Durchgang beim Night-Race-Riesenslalom in Schladming rieben sich einige Experten verwundert die Augen: Fabian Gratz vor Marco Odermatt? Vor McGrath, Haugan, Schwarz, Kristoffersen?
Dritter war der 28-Jährige nach dem ersten Durchgang - eine Überraschung, aber keine Sensation. Schon beim Riesenslalom in Alta Badia fuhr er mit Laufbestzeit im zweiten Durchgang noch bis auf Platz fünf vor.
In der Disziplinen-Wertung führt Gratz ein starkes DSV-Team als Zwölfter an - sein mit Abstand bestes Ergebnis. Zweimal landete er in diesem Winter in den Top Ten, in Schladming fiel er im zweiten Lauf noch auf Platz elf zurück.
Im exklusiven Eurosport-Interview sprach der Deutsche über die besondere Situation, so lange auf den eigenen zweiten Lauf warten zu müssen, die Gründe für seinen Durchbruch und Ambitionen bei seinen ersten Olympischen Spielen.
/origin-imgresizer.eurosport.com/2026/01/27/image-7d24ef72-4096-493e-ac7f-2fcea0620baa-85-2560-1440.png)
Highlights: Braathen zieht auf dem blanken Eis den Kürzeren
Quelle: Eurosport
Lassen wir den Riesenslalom in Schladming noch einmal Revue passieren. Wie war es, im zweiten Lauf vor den Superstars Marco Odermatt und Marco Schwarz an den Start zu gehen?
Fabian Gratz: Es war eine neue Situation für mich. In Beaver Creek war ich nach dem ersten Durchgang Siebter, da konnte ich das schon ein bisschen kennenlernen, aber als Dritter war es noch einmal etwas anderes. Es dauert sehr lange von der Besichtigung bis zum Start, das muss man berücksichtigen und sich entsprechend Zeit lassen.
Ich habe versucht, das ganze Drumherum so gut wie möglich auszublenden. Natürlich kann man das nicht eins zu eins simulieren, wie wenn man als Fünfter oder Sechster in den zweiten Durchgang geht. Ich habe versucht, mich darauf zu fokussieren, dass es genau so ein Lauf sein muss wie im ersten Durchgang - unabhängig vom Zwischenrang. Es wäre ja der völlig falsche Ansatz, diesen Vorsprung verwalten zu wollen. Man hat zu diesem Zeitpunkt noch nichts gewonnen, aber auch noch nichts verloren. Es war eine coole, aber keine leichte Ausgangssituation. Ich habe auch gemerkt, dass sich die Fahrt anders angefühlt hat. Die Piste ist vielleicht ein wenig glatter geworden, aber ich bin auch einfach ein wenig passiver gefahren - und da ist so eine Eispiste gnadenlos. Dann muss man kämpfen.
Inwiefern war das mental eine gute Übung für das nächste Rennen? Das nächste Rennen ist in Bormio bei den Olympischen Spielen - und auch mit Blick auf den weiteren Saisonverlauf, wenn man einen zweiten Lauf mit Podiumsperspektive in Angriff nimmt?
Gratz: Ich glaube, von dem Blick aufs Podium muss man sich ein Stück weit lösen. Ich sollte in den zweiten Durchgang immer so hineingehen wie in Alta Badia und Adelboden. Da habe ich im ersten Lauf blöde Fehler gemacht und bin dann mit mehr Aktivität und Power in den zweiten gegangen. Diese Läufe waren dann sehr gut.
Grundsätzlich habe ich gemerkt, dass im zweiten Lauf noch einiges drin ist. Ich muss einen Weg finden, mit so einer Situation wie in Schladming umzugehen, wenn beispielsweise auch nach dem ersten Lauf gleich mehrere Interviewanfragen aufpoppen. Diese Erfahrung habe ich jetzt gemacht, und wenn das erneut passiert, bin ich automatisch besser darauf vorbereitet. Dann kann ich besser einschätzen, was das bedeutet und was es in diesem Moment braucht. Die Bedingungen waren in Schladming vielleicht auch nicht die einfachsten, um diesem Druck standzuhalten. Aber irgendwann kommt das, wenn man wirklich daran arbeitet und die richtige Einstellung hat.
In dieser Saison gab es schon sehr unterschiedliche Bedingungen. In Adelboden war Schneefall, in Alta Badia war die Piste eher weich, in Schladming war es so eisig wie selten zuvor - haben Sie bestimmte Vorlieben, was die Verhältnisse angeht?
Gratz: Ich habe es schon lieber, wenn die Piste eher auf der aggressiven Seite ist. Meine Vorlieben liegen bei einer kompakten, harten Piste, wenn man etwas mehr Grip hat. So ähnlich wie die Verhältnisse in Alta Badia: kompakt, aber längst nicht eine derartige Eisplatte wie in Schladming. Da fühle ich mich am wohlsten. Umso schöner war es zu sehen, dass es auch bei Bedingungen wie in Schladming funktionieren kann. Mit meinem Material bin ich relativ flexibel aufgestellt, es läuft bei allen Verhältnissen gut. Das ist auch eine Erleichterung zu wissen, dass man diesen Bereich im Griff hat. Würde es nur bei manchen Bedingungen funktionieren, gäbe es wieder zusätzliche Einflussfaktoren von außen. In der aktuellen Situation fühle ich mich sehr wohl: Es waren unterschiedliche Pistenverhältnisse, und meine Ergebnisse waren ziemlich konstant. Das lässt mich positiv auf die nächsten Rennen blicken.
/origin-imgresizer.eurosport.com/2026/01/27/image-7ed842b9-1f8f-4622-9652-7df933a9328b-85-2560-1440.jpeg)
"Geniale Fahrt": Gratz haut einen raus
Quelle: Eurosport
Wie würden Sie sich selbst als Skifahrer beschreiben?
Gratz: Ich bin schon eher ein sehr genauer Athlet. Ich versuche, alles sehr strukturiert und zielstrebig zu machen. Ich beschäftige mich viel mit meinen Aufgaben als Rennläufer und will alles erfüllen. Manchmal ist das vielleicht etwas zu viel. Ich muss aufpassen, dass ich mir vor dem Start nicht zu viele Informationen einhole und einen zu genauen Plan für alles aufstelle. Wenn man zu kontrolliert und zu sauber Ski fährt, ist das oft nicht so schnell - das wurde mir in der Vergangenheit öfter zum Verhängnis. Inzwischen vertraue ich häufiger auf mein Bauchgefühl und fahre einfach drauflos.
In dieser Saison erleben Sie Ihren Durchbruch im Weltcup - mit 28 Jahren sind Sie damit eher ein Spätzünder - im besten Wortsinn. Wie erklären Sie sich das?
Gratz: Die letzten ein, zwei Jahre haben viele neue Erkenntnisse gebracht, was Linienwahl,
Material und ähnliche Themen angeht. Ich habe gemerkt, dass das mit diesen neuen Aspekten
für mich gut funktionieren kann. Aber wie immer, wenn man nach vielen Jahren etwas
grundlegend Neues macht, fällt die Umstellung zunächst schwer. Das musste über das letzte
Jahr hinweg einfach reifen, und jetzt kann ich diese Anpassungen unbewusster abrufen.
Es laufen mehr Automatismen - bei technischen Dingen oder bei der Linienwahl. In
Kombination mit einem verbesserten Material, das besser zu meinem Skifahren passt, hat mir
das in dieser Saison sehr geholfen. So kann ich mich auf das Wesentliche konzentrieren: aufs
Skifahren. Besser spät als nie.
Material und ähnliche Themen angeht. Ich habe gemerkt, dass das mit diesen neuen Aspekten
für mich gut funktionieren kann. Aber wie immer, wenn man nach vielen Jahren etwas
grundlegend Neues macht, fällt die Umstellung zunächst schwer. Das musste über das letzte
Jahr hinweg einfach reifen, und jetzt kann ich diese Anpassungen unbewusster abrufen.
Es laufen mehr Automatismen - bei technischen Dingen oder bei der Linienwahl. In
Kombination mit einem verbesserten Material, das besser zu meinem Skifahren passt, hat mir
das in dieser Saison sehr geholfen. So kann ich mich auf das Wesentliche konzentrieren: aufs
Skifahren. Besser spät als nie.
Das DSV-Riesenslalom-Team hat vier Läufer in den Top 30. Wie läuft das im Training? Wie ist dieser "positive" Konkurrenzkampf untereinander?
Gratz: Das ist extrem cool. Bei meinen ersten Weltcup-Starts waren wir teilweise nur drei Athleten. Zwei waren vorne mit dabei, und ein jüngerer oder unerfahrener Rennläufer, der mitgeschickt wurde, in der Hoffnung, mehr Startplätze zu sichern. Jetzt haben wir ein wirklich starkes Team, das macht Spaß. Der Fokus liegt nicht nur auf einer Person, die den Druck hat, für die Mannschaft ein gutes oder schlechtes Resultat einzufahren. Im Training "battlen" wir uns schon ganz gut. Es ist nicht immer derselbe, der die Bestzeiten aufstellt. Das zeigt, dass jeder das Potenzial hat, im Weltcup vorne reinzufahren. Das pusht extrem - und gleichzeitig wissen wir, dass das Niveau im Training konkurrenzfähig ist. Wir sind da in einer sehr coolen Situation.
/origin-imgresizer.eurosport.com/2026/01/27/image-ab4dbc94-5b22-49e1-b5b5-0bc67b3066a4-85-2560-1440.jpeg)
Gratz: "Muss mich zur direkten Fahrweise zwingen"
Quelle: Eurosport
Wie ist das, wenn man mit "nur" einer Disziplin im Weltcup vertreten ist? Die Riesenslalom-Saison ist ja gerade zu Beginn sehr auseinandergerissen - denken Sie manchmal darüber nach, weitere Disziplinen hinzuzunehmen?
Gratz: Wenn ich jemandem erzähle, dass ich nur Riesenslalom fahre, klingt das immer nach sehr wenig. Dann frage ich mich auch: "Was mache ich eigentlich das ganze Jahr über?". Zeit zum Langweilen habe ich aber nicht. Durch den Weltcup-Start im Oktober in Sölden hat man als Riesenslalom-Fahrer in der Vorbereitung sogar mehr Stress als andere, weil man früher in Topform sein muss. Man muss vor dem ersten Weltcup-Rennen mit dem Material klarkommen, das Set-up finden, unterschiedliche Untergründe und Hänge trainieren. Da investiert man sehr viel Zeit. Wir haben einen vollen Trainingsplan. Trotzdem streut man immer mal wieder eine andere Disziplin ein. Aber gerade November und Dezember waren im Riesenslalom sehr eng getaktet.
Ist es von Vorteil, ein sogenannter Spezialist in einer Disziplin zu sein?
Gratz: Definitiv. Als Spezialist kann man gezielte Trainingsblöcke einbauen. Nach Adelboden war etwas mehr Zeit, und ich bin dann Rennen in Slalom- und Super-G auf FIS-Ebene gefahren, um Rennpraxis zu sammeln und einfach mal einen anderen Schwung zu spüren. Das finde ich gut, aber es ist nicht leicht, einfach eine zweite Disziplin aufzubauen. Man braucht Konstanz und muss sich langsam in der Startreihenfolge nach vorne arbeiten - das dauert. Daher ist aktuell nicht geplant, eine weitere Disziplin auf Weltcup-Niveau aufzubauen.
Kommen wir zu Olympia. Mit welchem Mindset reisen Sie nach Bormio? Eigentlich müssten Sie ja den ersten Durchgang von Schladming einfach mit dem zweiten von Alta Badia kombinieren, oder?
Gratz: Wenn mir das gelingt, dann fahre ich sehr glücklich wieder nach Hause aus Bormio. Es ist erst einmal extrem cool, bei den Olympischen Spielen dabei zu sein. Für einen Wintersportler ist es das größte Ereignis, bei dem man dabei sein kann. Es ist sehr schön, dass ich überhaupt dabei sein darf. Mit den letzten Ergebnissen kann ich mit großem Selbstbewusstsein anreisen. Ich habe gemerkt, dass es für mich bei unterschiedlichen Bedingungen funktioniert. Ich muss nicht auf spezielle Verhältnisse hoffen. Wenn ich es schaffe, mein bestes Skifahren zu zeigen, dann kann das sehr schnell sein. Es war zuletzt immer ein Durchgang nicht ganz optimal, was die Ergebnisse etwas getrübt hat. Aber allein die Tatsache, dass ich im Riesenslalom sehr schnell sein kann, ist ein extrem beruhigender Gedanke. Ein Top-Resultat ist auf jeden Fall möglich - und mit diesem Rückenwind muss ich das angehen.
Das könnte Dich auch interessieren: Kristoffersen poltert weiter: "Das ist nicht Skifahren, sondern Eishockey"
/origin-imgresizer.eurosport.com/2026/01/27/image-7d24ef72-4096-493e-ac7f-2fcea0620baa-85-2560-1440.png)
Highlights: Braathen zieht auf dem blanken Eis den Kürzeren
Quelle: Eurosport
Ähnliche Themen
Werbung
Werbung
/origin-imgresizer.eurosport.com/2024/12/18/image-a154d4c2-a601-4d33-bb01-6dd90ed6bea9-68-310-310.jpeg)