Fritz Dopfer im Interview: "Linus Straßer kann um die kleine Kristallkugel im Slalom-Weltcup mitfahren"

"Gefühlsmäßig kommt Sölden immer ein Stück weit zu früh", schildert Eurosport-Experte Fritz Dopfer den Eindruck der alpinen Ski-Rennläufer:innen vor dem Saisonstart am kommenden Wochenende. Im exklusiven Interview sieht der Vize-Weltmeister von 2015 im Slalom das deutsche Team gut für die neue Saison gerüstet und traut einem stabilen Linus Straßer sogar den Griff nach der Slalom-Kugel zu.

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Quelle: Eurosport

Dopfer bescheinigt dem deutsche Speed-Team "Qualitäten, die es selten im Skiweltcup gibt" und lobt Rückkehrer Thomas Dreßen als "Athlet, an dem sich die anderen um ihn herum orientieren können und sich dadurch auch weiterentwickeln".
Abseits des sportlichen Geschehens bedarf es in Dopfers Augen einer "ständigen Anpassung von Strukturen und Prozessen an sich wandelnde Umweltbedingungen", um das System Wintersport nachhaltig zu entwickeln. In Sachen Energiekrisen warnt er vor einem "Blame Game, wo jeder auf den anderen zeigt, um die Herausforderungen zu lösen". Jeder Weltcup werde seinen Beitrag leisten, "um Energie zu sparen und gleichzeitig emotional mitreißende Events zu organisieren".
Das Interview führte Fabian Kunze
Sölden bildet schon traditionell den Weltcup-Auftakt (live im TV und im Livestream bei discovery+ am kommenden Wochenende). Wie wichtig ist es für einen Athleten, schon zum Saisonstart topfit zu sein, um mit einer guten Leistung in den Winter zu starten?
Fritz Dopfer: Sölden ist speziell. Es ist für die Athleten wie ein Sprung ins kalte Wasser. Einerseits erfrischend, weil die Gedanken an den Weltcupauftakt eine große Vorfreude auslösen – andererseits schwingt eine besondere Spannung und ein Stück weit Nervosität vor dem Neuen mit. Vorfreude darauf, weil Athleten Rennfahrer sind und sich in Wettkämpfen untereinander messen wollen. Vorfreude darauf, dass die unzähligen Stunden an Training vorbei sind und endlich wieder tausende enthusiastische Fans vor Ort mitfiebern.
Besondere Spannung, weil dieses Rennen in Sölden gefühlsmäßig immer ein Stück weit zu früh kommt. Die Athleten stecken noch mitten im Trainingsprozess und in der Materialabstimmung für die neue Saison. Die individuellen Routinen und Abläufe müssen erst wieder eingeschliffen werden. Zusätzlich zählt der Hang zu den steilsten und anspruchsvollsten im gesamten Weltcup-Kalender. Kurz gesagt: Sölden zählt für mich zu den schwierigsten Rennen im gesamten Rennkalender.
Verletzungen quer durch alle Bereiche haben die deutsche Mannschaft im letzten Jahr immer wieder zurückgeworfen. Wie siehst du die Situation im Team aktuell?
Dopfer: Verletzungen und Rückschläge sind Teil des Leistungssports – so bitter das klingt. Es ist die Frage, wie die Athletin oder der Athlet diese Herausforderung annimmt und wieder aufsteht. Im letzten Winter gab es verletzungsbedingte Ausfälle im deutschen Lager und auch aktuell hat es mit Manuel Schmid und Nadine Kapfer leider bereits zwei hoffnungsvolle Weltcup-Athleten erwischt. Ich bin überzeugt, dass beide wieder stärker zurückkommen werden. Im Großen und Ganzen herrscht Zuversicht und Freude auf die neue Saison, die wieder viele Highlights bereithalten wird. Höhepunkt sind die Weltmeisterschaften in Courchevel und Meribel im Februar.
Mit welchen Chancen gehen die deutschen Fahrerinnen und Fahrer in die Saison 2022/23?
Dopfer: Ich bin sehr optimistisch! Die gemeinsamen Speed-Trainings von Kira Weidle mit den DSV-Herren in Chile verliefen sehr gut. Wir dürfen nicht vergessen, dass Kira im letzten Winter bei den Olympischen Spielen ganz knapp an einer Medaille in der Abfahrt vorbeigeschrammt ist. Sie ist eine Top-Athletin mit einem gefühlvollen und technisch sauberen Fahrstil, die in diesem Jahr den nächsten Schritt hin zu einer konstanten Podest-Fahrerin im Super-G und in der Abfahrt machen kann.
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Eurosport-Experte Fritz Dopfer

Fotocredit: Eurosport

Ich traue der Speed-Truppe der Herren um Andi Sander, Romed Baumann, Josef Ferstl, Simon Jocher, Dominik Schwaiger und Thomas Dreßen sehr viel zu. Jeder einzelne von den Jungs besitzt Qualitäten, die es selten im Skiweltcup gibt. Die Luft ganz oben ist dünn – sprich die internationale Konkurrenz um die Podestplatzierungen ist stark. Aber genau diese Breite innerhalb der deutschen Mannschaft ist eine Stärke, die dazu führen kann, dass aus deutscher Sicht bei vielen Speed-Rennen ausgezeichnete Resultate eingefahren werden können.
Du sprichst ihn an - Thomas Dreßen sagt, er sei "so nah an hundert Prozent" wie seit Jahren nicht mehr. Wie wichtig ist seine Rückkehr für die ohnehin starke deutsche Speedfraktion?
Dopfer: Thomas kann den Unterschied machen! Wenn er am Start steht, kann er aus der deutschen Speed-Mannschaft herausragen. Er weiß ganz genau, was er will und wie er dort hinkommt. Er ist ein Athlet, an dem sich die anderen um ihn herum orientieren können und sich dadurch auch weiterentwickeln. Es herrscht ein toller Spirit innerhalb der gesamten Truppe.
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Thomas Dreßen freut sich auf seine Rückkehr

Fotocredit: Getty Images

Du warst selbst eher technisch unterwegs, was dürfen wir im Bereich Slalom/Riesenslalom von der Truppe um Lena Dürr, Stefan Luitz, Alexander Schmid und Linus Straßer erwarten?
Dopfer: Lena hatte eine geniale letzte Weltcup-Saison, die ihr sehr viel Rückenwind und Bestätigung gegeben hat. Sie ist auch in der Vorbereitung auf die kommende Saison ihren Weg konsequent weitergegangen und kann auf ein bewährtes Trainer- und Betreuerteam zählen - optimale Voraussetzungen für eine weitere Top-Saison.
Wie sieht es bei den Herren aus?
Dopfer: Stefan kommt aus einer Verletzung zurück. Bei ihm geht’s in erster Linie darum, sich nach seiner Bandscheiben-OP wieder Schritt für Schritt Vertrauen über gute Leistungen zurückzuholen. Wenn alles passt, ist Stefan einer der Besten seiner Zunft. Alex hatte eine sehr gute letzte Saison, die ihn in die Weltspitze im Riesenslalom katapultiert hat. Die Vorbereitung verlief ausgezeichnet und seine letzten Trainingsleistungen zeigen, dass er mehr als bereit für den Auftakt in Sölden ist.
Und Linus Straßer?
Dopfer: Linus hat sich im letzten Jahr zum Siegfahrer entwickelt – davon gibt es trotz einer enormen Dichte im Slalom-Weltcup nicht so viele. Ich traue ihm zu, dass er in der kommenden Saison mit seinem Speed und mit einem Tick mehr Konstanz als im letzten Jahr, um die kleine Kristall-Kugel im Slalom-Weltcup mitfahren kann.
Gibt es in deinen Augen jemanden aus dem deutschen Nachwuchs, der in dieser Saison den Durchbruch schaffen kann?
Dopfer: Auf der Damen-Seite freue ich mich auf die Auftritte von Emma Aicher. Trotz ihres jungen Alters hat sie den Durchbruch bereits im letzten Jahr geschafft. Es wird spannend zu beobachten sein, wie sie die letzten Jahre des schnellen Aufstiegs verarbeitet hat und den nächsten Schritt hin zu einer erfolgreichen Weltcup-Athletin schaffen wird. Da sie in nahezu jeder Disziplin schnell sein kann, wird es interessant sein, welche Prioritäten sie hinsichtlich der Disziplinen und Rennen mit ihrem Trainer-Team setzen wird.
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Emma Aicher

Fotocredit: Imago

Wie ist die Lage im männlichen Nachwuchs?
Dopfer: Eine sehr heiße Zukunftsaktie im Speed-Bereich ist Luis Vogt vom SC Garmisch. Trotz seines jungen Alters durfte er bereits in der Vorbereitung mit der Weltcup Speed-Mannschaft mittrainieren. Er hat sich sehr gut in die Mannschaft integriert, ist wissbegierig und offen. Gleichzeitig hat er bereits klare Ziele im Kopf und wird diese gemeinsam mit dem Team angehen. Mittelfristig traue ich ihm im Weltcup Top-Leistungen zu!
Nach dem heißen Sommer wird von allen Seiten auch mit Bedenken auf den Winter geschaut. Welche Auswirkungen hat die Klimakrise auf den Wintersport allgemein und den Ski-Weltcup im Speziellen?
Dopfer: Der Leistungs- wie der Breitensport sind davon gleichermaßen betroffen. Es gibt vonseiten der FIS und auch vonseiten des DSV veröffentlichte Nachhaltigkeitskonzepte. Die Ziele hinsichtlich Klima und Nachhaltigkeit sind gesetzt und die Maßnahmen in unterschiedlichen Arbeitsbereichen definiert.
Eines muss aber klar sein: Wir bewegen uns innerhalb des Wintersports in einem großen Netzwerk: Es gibt die Wintersportler:innen, die Vereine und Verbände; die Unternehmen wie die Bergbahnen und die Wintersportsportindustrie sowie die einzelnen Tourismusdestinationen und -orte. Jeder dieser Partner hat unterschiedliche Interessen, aber ein gemeinsames Ziel: Den Wintersport in dieser Form noch so lange wie möglich zu erhalten.
Wie kann das funktionieren?
Dopfer: Prof. Dr. Ralf Roth hat im Rahmen einer Sonderbefragung des Sportentwicklungsbericht 2022 folgendes passendes Statement formuliert: 'Wintersport in die Zukunft denken' – nur die ständige Anpassung von Strukturen und Prozessen an sich wandelnde Umweltbedingungen sichert die nachhaltige Entwicklung des Systems 'Wintersport'.
Eins ist klar, es gibt bereits tolle Initiativen von vielen Weltcupveranstaltern. Diese gehören meiner Ansicht nach noch viel mehr - auch medial - in den Vordergrund gestellt: Beispielsweise werden im Bereich nachhaltiges Mobilitätsmanagement Möglichkeiten von Kombitickets geschaffen. Im Bereich verbindliches Nachhaltigkeitsmanagement kooperieren bereits einige Weltcupveranstalter mit Nachhaltigkeitsinitiativen. Viele Veranstalter konzentrieren sich im Bereich Ehrenamt und regionale Wertschöpfung zum Beispiel bereits auf regionale Caterer.
Neben dem Klima ist auch Energie derzeit ein großes Thema. Wo gäbe es in deinen Augen im Weltcupgeschehen Möglichkeiten, Energie zu sparen, ohne den Weltcup an sich infrage zu stellen?
Dopfer: Es darf zu keinem 'Blame Game' kommen, wo jeder auf den anderen zeigt, um die Herausforderungen zu lösen. Jeder für sich und jede Organisation sollten selbst schauen, welchen Beitrag sie zur Lösung liefern können. In Deutschland werden beispielsweise im kommenden Winter 2022/23 wieder über 30 Weltcups an zehn Orten in allen Disziplinen ausgetragen. Das Wichtigste für den gesamten Wintersport ist, dass jede einzelne Veranstaltung durchgeführt werden kann.
Wie kann das konkret aussehen?
Dopfer: Die Weltcupveranstaltungen finden in verschiedenen Regionen mit unterschiedlichen Voraussetzungen statt. Deswegen kann nicht pauschalisiert werden, was über alle Weltcuporte gemacht werden muss. Ich bin mir sicher, dass jeder Veranstalter bereit dazu ist, seinen individuellen Beitrag zu leisten, um Energie zu sparen und gleichzeitig emotional mitreißende Events zu organisieren. Ich bin überzeugt, dass wir im April 2023 ein positives Fazit zur abgelaufenen Wintersaison 2022/23 ziehen werden - jede Krise bietet auch Chancen!
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Quelle: Eurosport

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