Lucas Braathen vor Skiweltcup-Auftakt in Sölden im Eurosport-Interview: "Ich verspüre natürlich eine Menge Druck"

Neben Marcel Hirscher fiebert die Skiwelt dem Comeback eines zweiten Superstars entgegen: Lucas Braathen. Der extrovertierte Norweger startet nach seinem Rücktritt 2023 jetzt für Brasilien und hat viel vor, wie er im exklusiven Eurosport-Interview verrät. Zudem spricht der 24-jährige Slalom- und Riesenslalom-Spezialist über die Erwartungen von 200 Millionen Brasilianern und erklärt seine Mission.

Braathen exklusiv: "Privilegiert, wieder im Starthaus zu stehen"

Quelle: Eurosport

Im Oktober 2023 ließ Lucas Braathen die Bombe platzen.
Aufgrund eines Streits mit dem norwegischen Skiverband NSF über die Richtlinien des Sponsorings von Athleten beendete der 24-Jährige seine Karriere.
Ein Jahr später greift Braathen wieder an - unter der Flagge seiner zweiten Heimat Brasilien.
Braathen kehrt nicht zurück, um einfach nur mitzufahren. Er möchte weitere Weltcupsiege (bisher fünf) und Medaillen bei Großveranstaltungen einheimsen.
Im exklusiven Interview mit Eurosport-Expertin Viktoria Rebensburg spricht Braathen vor dem Weltcup-Auftakt in Sölden (26./27. Oktober live auf Eurosport 1 und bei discovery+) über seinen Weg zurück in den Rennsport, seine Inspiration und das Leben als "Einzelkämpfer".
Lucas, kannst du mit der Zahl 587 etwas anfangen?
Lucas Braathen: Ich nehme an, das ist die Anzahl von Tagen, seitdem irgendetwas gewesen ist.
Exakt. Beim Saison-Auftakt in Sölden wird es 587 Tage her sein, seitdem du dein letztes Weltcup-Rennen (2023 in Soldeu; Anm. d. Red.) bestritten hast.
Braathen: Ich hatte also jede Menge Zeit, um mich zu regenerieren (lacht).
Wie steht es um deine Gefühlswelt vor deinem Comeback?
Braathen: Nervosität, Aufregung - alles kommt auf einmal zurück. Ich fühle mich privilegiert, wieder im Starthaus zu stehen und diesen schönen Sport mit all den wunderbaren Menschen zu teilen, mit denen ich durch die Welt reise. Es gibt so viele schöne Aspekte, für die ich sehr dankbar bin.
Es versteht sich von selbst, dass ich zurückgekommen bin, um der Beste zu sein.
Wie waren dein Sommer und deine Vorbereitung auf die neue Saison?
Braathen: Es war ein langer und intensiver Sommer, was die körperliche Entwicklung angeht. Ich habe den Sommerurlaub in diesem Jahr ausgelassen, um wieder mehr zu trainieren und den körperlichen Zustand zu erreichen, den der Skirennsport erfordert. Es versteht sich von selbst, dass ich zurückgekommen bin, um der Beste zu sein. Also habe ich versucht, diesen Standard zu setzen. Wir sind dieses Jahr sehr früh nach Neuseeland gereist, um mehr vom Winter zu haben. Abgesehen von der Tatsache, dass das Wetter ein wenig unberechenbar war - was ein ständiger Kampf eines Skirennfahrers ist - waren die Trainingstage wirklich gut. Es ist schwierig, vorauszusagen, was kommt, aber als Sportler versuche ich, alles konstruktiv anzugehen. Anpassungsfähigkeit ist einer der wichtigsten Faktoren für einen Skirennläufer, der Erfolg haben will.
Fühlst du dich bereit für Sölden?
Braathen: Diese Frage stelle ich mir auch ständig. Wir sind kurz davor, es herauszufinden (lacht).
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Superstars unter sich: Lucas Braathen, Mikaela Shiffrin und Manuel Feller (v.l.)

Fotocredit: Getty Images

Du gibst in Sölden dein Weltcup-Debüt für eine neue Nation. Es muss ziemlich aufregend für dich sein, für Brasilien zu starten.
Braathen: Das versteht sich von selbst. Ich bin hier, um zu versuchen, den Skisport zu verändern und um zu zeigen, wer ich bin. Ein Land mit 200 Millionen Einwohnern zu vertreten, das in einer Sportart noch nicht präsent war, ist für mich eine Mission. Und ich nehme diese Mission mit viel Freude an, verspüre aber natürlich auch eine Menge Druck.
Welchen Stellenwert hat Skifahren in Brasilien?
Braathen: Skifahren existiert nicht in Brasilien, aber das Interesse am Skifahren existiert. Brasilianer sind überall auf der Welt vertreten und so findet man sie auch in der Skiwelt. In Europa, in den USA, in Chile, in Argentinien. Es ist großartig, dass wir die Möglichkeit haben, so vielen Menschen unseren schönen Sport näherzubringen. Mein Ansporn ist, die Menschen in Brasilien zu inspirieren. Ihnen zu zeigen, dass es keine Rolle spielt, woher du kommst, wie du aussiehst oder wie du bist. Eure Träume gehören euch und ihr müsst sie verfolgen, unabhängig davon, ob sie in eurer Gemeinschaft populär sind oder nicht. Ich hoffe, dass meine Errungenschaften andere inspirieren können, ihre Träume zu verfolgen.
Es gibt Norweger, die es besser fänden, wenn ich ihre Flagge repräsentieren würde. Das verstehe ich vollkommen.
Welche Reaktion erwartest du von den Menschen in Norwegen angesichts deiner Entscheidung, für Brasilien zu starten?
Braathen: Von allem etwas. Es gibt Norweger, die meine Entscheidung nicht gutheißen und die es besser fänden, wenn ich ihre Flagge repräsentieren würde. Das verstehe ich total. Und ich verstehe, dass Sport für manche ein patriotisches Gefühl ist. Es geht um das Land, das man repräsentiert. Ich bin fein damit. Aber es gibt auch andere Meinungen von Leuten, die eine Fortschrittlichkeit in unserem Sport unterstützen und etwas Neues auf den Tisch bringen wollen. Ich hoffe, dass ich die Leute inspirieren kann, die einzelne Sportler anfeuern.
Du bist lange mit dem norwegischen Team gereist, jetzt bist du quasi alleine unterwegs. Worin besteht der Unterschied?
Braathen: Es gibt Vor- und Nachteile - auf beiden Seiten. Ich habe es sehr genossen, im Kollektiv herumzureisen, mit einer tollen Kultur und tollen Teamkameraden. Was ich jetzt in meiner neuen Situation als Gegenleistung bekommen kann, ist eine größere Flexibilität und die Möglichkeit, ein individuelles Programm für meine Bedürfnisse zu erstellen. Ich bin ein Entdecker und Abenteurer und ich liebe die Reise, die ich als Skifahrer machen kann. Und ich genieße es immer, die Kulturen, die Landschaften und die Menschen an den Orten zu erforschen, an die ich gereist bin. Aber es gibt natürlich einen Teil von mir, der das Kollektiv vermisst, das ich in den norwegischen Teams hatte, und meine Liebe zu ihnen wird sich nie ändern.
Hattest du Trainingspartner über den Sommer?
Braathen: Ja. In Neuseeland bin ich viel mit den US-Boys gefahren. Auch mit den Japanern habe ich Zeit verbracht, das war beides super cool. Ich bin ein geselliger Typ und ich liebe den Vergleich und den Wettkampf mit anderen. Das ist eine der aufregendsten Seiten des Skirennsports. Ich genieße das sehr.
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Quelle: Eurosport

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