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Thomas Dreßen - bald auch im Abfahrts-Weltcup ganz vorn?

Thomas Dreßen - bald auch im Abfahrts-Weltcup ganz vorn?

04/02/2020 um 13:18Aktualisiert 04/02/2020 um 16:39

Eurosport-Experte Sigi Heinrich widmet sich in seinem Blog diesmal Thomas Dreßen, der mit seinen Siegen in dieser Saison die Hoffnung weckt, endlich einmal die Kristallkugel in der Abfahrt für den deutschen Skiverband zu gewinnen. Denn die Männer des DSV haben überhaupt erst drei Disziplinwertungen in der Weltcup-Geschichte für sich entscheiden können. Dreßen wäre in der Lage, das zu ändern.

Es gibt Statistiken, die lassen einen schaudern. Erdrückend sind sie, man neigt nach ihrer Ansicht dazu, leicht depressive Schübe zu bekommen. Zum Beispiel der Blick auf die bisherigen Sieger der verschiedenen Disziplinen im Ski-Weltcup der Männer.

Gemeinerweise sind neben den Namen auch noch die Nationalflaggen zu sehen. Vor lauter rot-weiß-rot für Österreich wird einem ganz schwindelig. Das Schweizer Kreuz taucht auch oft auf. Norwegen ist natürlich häufig vertreten. Auch Italien geizt nicht. Und irgendwo in der Mitte etwa der statistischen Erfassung entdecke ich dann doch tatsächlich dreimal die deutsche Fahne.

Ganz bescheiden lässt sie sich dreimal sehen. Einmal für die erste Super-G-Wertung in der Geschichte 1985/86, verbunden mit Markus Wasmeier. Und danach noch zweimal, in der Spalte ein bisschen weiter rechts für Armin Bittner, der die Slalomwertung 1988/89 und 1989/90 gewann. Ansonsten Fehlanzeige. Gänzlich sogar in der ersten Spalte links, wo die Abfahrtshelden notiert sind.

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Dreßen - ein moderner Naturbursche

Aber das soll, das kann sich ändern, denn nun mischt Thomas Dreßen die Elite der Schussfahrer auf. Obwohl: Genau einen solchen Satz würde der neue deutsche Winterstar gar nicht gerne lesen wollen. Er entspricht nicht seinem Naturell, denn Dreßen ist kein Typ für die Hochglanz-Magazine. Er ist bodenständig, bescheiden und äußert sich bei Interviews wie selbstverständlich mit bayerischem Idiom.

Und genau diese Mixtur macht ihn landauf und landab so beliebt. So, ja genau so, soll und muss einer sein, der die Berge mutig und kompromisslos mit nur ein paar Schwüngen in seinen Besitz nimmt. Ein Unerschrockener. Ein Kerl auch, ein kleiner Schrank mit charmantem Lächeln zudem und ruhiger Ausdrucksweise. Er könnte auch gerade eben auf der Alm die schweren Milchkübel auf die Seite gestellt haben, um dann schnell mal mit seinen Skiern ins Tal zu rasen. Ein Naturbursch in einem Hightech-Sportbetrieb. Eine perfekte Verwandlung.

Die Zukunft gehört Dreßen

Und er ist ja noch so jung. 26 Jahre. Als Abfahrer gilt man Mitte Zwanzig noch als Embryo.

Dreßen selbst sagt dazu, dass wohl das beste Alter so Dreißig sei. Dann würde man alle Strecken kennen bei unterschiedlichen Bedingungen. Tatsächlich bestätigt ein Blick auf die Statistiken, dass diese Annahme einen hohen Wahrheitsgehalt in sich birgt. Im Umkehrschluss heißt das ganz einfach, dass die beste Zeit des Thomas Dreßen vermutlich noch kommen wird. Vier Abfahrten hat er bislang gewonnen. Kitzbühel, Kvitfjell, Lake Louise und nun Garmisch-Partenkirchen.

Es könnte also durchaus sein, dass der vierte Disziplinsieger im alpinen Ski-Weltcup aus Deutschland Thomas Dreßen heißen wird, denn die direkten Kontrahenten um die kleine Kristallkugel, die im bayerischen Wald in einem traditionellen Glasbläserbetreib hergestellt wird, sind bereits über 30 Jahre alt und plagen sich jetzt, wie Dominik Paris aus Südtirol, mit schweren Verletzungen herum.

Das Knie muss halten

Um dieses Ziel zu erreichen, müssen freilich auch weiterhin Bänder und Sehnen vor allem im Knie die grenzwertigen Belastungen aushalten. Vielleicht ist es, so verrückt es klingen mag, ein Vorteil, dass Dreßen jetzt schon seinen Kreuzbandriss hinter sich hat, mit Mitte Zwanzig. Dieses Jahr mit bereits zwei Weltcupsiegen betrachtet er als Comeback-Jahr. Die Leistungsschwankungen sind deshalb normal. Seine Platzierungsserie lautet: 1-19-9-3-26-1.

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In Bormio nahm er nicht teil, weil ein immer noch vorhandener Knorpelschaden unterhalb des Kniegelenks für eine intensive Schwellung nach dem Training sorgte. Das ist nicht dramatisch, zeigt aber trotzdem, dass in diesem Metier nichts als selbstverständlich hingenommen werden kann. Das weiß auch trotz seiner Jugend jetzt schon keiner besser als Thomas Dreßen, den Statistiken nicht einmal am Rande interessieren. Gute Rennen schon, so wie zuletzt als er frech die Nummer eins wählte für die Kandahar-Abfahrt. Ich werte das mal als perfektes Omen.

Zur Person Sigi Heinrich:

Der renommierte Sportjournalist, Buchautor und vielfach ausgezeichnete Eurosport-Kommentator Sigi Heinrich widmet sind in seinen Blogs der gesamten Vielfalt des Sports inklusive der komplizierten Mechanismen der Sportpolitik. Mal sehr ernsthaft, mal mit einem verschmitzten Augenzwinkern und manchmal auch bewusst provozierend. Es soll ja für alle was dabei sein.

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