Ski Alpin - Ex-Abfahrer Josef Ferstl im Interview mit Eurosport: "Der Sport entwickelt sich ins Extreme"
Josef Ferstl hat vor wenigen Wochen überraschend seine Karriere als Ski-Rennläufer beendet. Der Kitzbühelsieger von 2019 spricht im Exklusiv-Interview über die Beweggründe für seinen Rücktritt aus dem Skisport. Der 35-Jährige erläutert die extremen Veränderungen in den Speed-Disziplinen in den vergangenen Jahren, die seiner Meinung nach unter anderem die schweren Stürze in diesem Winter erklären.
"Danke für die schöne Zeit": Ferstl nimmt Abschied in Garmisch
Quelle: Eurosport
Für viele überraschend stellte Josef Ferstl seine Ski am 25. Januar 2024 beim Heim-Weltcup in Garmisch-Partenkirchen offiziell in die Ecke.
Der zweifache Weltcupsieger musste sich nach zähem Ringen eingestehen, nicht mehr mit der absoluten Weltspitze mithalten zu können.
Im Exklusiv-Interview mit Eurosport.de nennt der Speed-Spezialist, der 2019 als erster deutscher Rennläufer den Super-G in Kitzbühel für sich entscheiden konnte, die Gründe für seinen Rücktritt. "Mein Kopf konnte und wollte nicht alles geben", sagt Ferstl, der positiv in die Saison startete.
Die schweren Stürze von Aleksander Aamodt Kilde und Alexis Pinturault brachten den Oberbayern zum Nachdenken.
Herr Ferstl, wann kam bei Ihnen der Zeitpunkt, in einem Skirennen nicht mehr Ihr Leben riskieren zu wollen und zu können?
Josef "Pepi" Ferstl: Ich habe mich voll motiviert sowie bestens auf die neue Saison vorbereitet und habe nie einen Gedanken an einen schweren Sturz verschwendet. Im Gegenteil: Ich wollte mit voller Risikobereitschaft vorne ums Podium mitfahren. Stürze von anderen Athleten und das Drumherum haben mich nie wirklich berührt oder sind mir nahegegangen.Wann kam das Umdenken?
Ferstl: Nach der Abfahrt in Gröden, in der es vom Zeitrückstand recht eng zuging. Meines Erachtens ist mir dort eine super Fahrt gelungen. Ich hatte meine besten Skier an, bin volles Risiko gegangen, habe alles reingelegt und bin auf Platz 15 gelandet. Da kamen erste Gedanken: Wie soll ich noch vorne mitfahren können, wenn ich alles gegeben habe? Dasselbe am Tag darauf, als ich 25. geworden bin. Dann kamen die Rennen in Bormio und Wengen. Und diesmal sind die schweren Stürze nicht spurlos an mir vorüber gegangen. Insbesondere bei den Crashs von Alexis Pinturault und Aleksander Aamodt Kilde.
Was war diesmal anders?
Ferstl: Beide sind Weltklasse-Rennläufer, die voll ans Limit gehen: "Podium oder Helikopter." In Bormio und Wengen war ich nicht mehr bereit, hundert Prozent zu geben. Ich habe es zwar probiert, aber es ist mir nicht gelungen. Am Start sind mir Gedanken wie "heute nicht das letzte Risiko gehen zu wollen" durch den Kopf geschwirrt.
Und dann kam Kitzbühel…
Ferstl: Ich liebe diese Strecke und verbinde tolle Erinnerungen mit der Streif. Im Vorfeld habe ich mich super gefühlt und war extrem gut vorbereitet. Und bei den Rennen habe ich wieder gemerkt, mein Kopf konnte und wollte nicht alles geben, das Feuer hat nicht mehr gebrannt. Nachdem ich mich in Kitzbühel zweimal nicht in den Top 30 platzieren konnte, wurde mir bewusst: Der Vollblut-Rennläufer Josef "Pepi" Ferstl ist Geschichte. Bevor noch etwas Schlimmes passiert, habe ich danach den Beschluss gefasst, meinem engsten Umfeld - Familie, Deutscher Skiverband (DSV), Trainerteam, Servicemann, Sponsoren, Ausrüster und Zoll - meinen Schlussstrich klar zu kommunizieren. Ich habe den Sport 17 Jahre mit Leib und Seele betrieben und jetzt geht es einfach nicht mehr.
Die Liste der Schwerverletzten in dieser Saison ist lang. Worin liegen die Gründe für die zahlreichen Unfälle?
Ferstl: Es ist wichtig, das Gesamtbild zu sehen. Es gibt mehrere Gründe für die schweren Stürze: Einerseits der Rennkalender, der pickepacke voll ist. Zusätzlich mussten Rennen nachgeholt werden. Die Athleten sind hundert Prozent gefordert. Schließlich muss der Kopf bei der Abfahrt trotz des immensen Drucks voll dabei sein. Kommt es zu einem Sturz, sind die Folgen meistens verheerend. Andererseits waren auch Fahrfehler dabei. Zusätzlich entwickelt sich der Sport in das Extreme. Marco Odermatt und Cyprien Sarrazin zeigen momentan, was in Abfahrt und Super-G möglich ist. Beide gehen an ihre Grenzen. Auch vom Material her passt alles zusammen. Man merkt, die fahren Ski und jeder will mithalten. Liegt man zwei Sekunden dahinter, dreht man alle Stellschrauben.
Wie kann man die Speed-Disziplinen sicherer machen?
Ferstl: Der Abfahrtslauf wird stets gefährlich bleiben. Das war schon immer so. Wenn du mit 120 km/h abfliegst, geht das in den wenigsten Fällen glimpflich aus. Es ist die gefährlichste Disziplin im alpinen Skisport. Es ist schwierig, den hohen Geschwindigkeiten entgegenzuwirken. Ob mit engerer Kurssetzung, anderer Pistenpräparierung, verändertem Material oder einheitlichen Rennanzügen, die langsamer sind - da reden wir über zwei bis fünf km/h, die bei 140 km/h keine Rolle spielen. Hinzu kommt, dass man bei Veränderungen erst mal Erfahrungswerte sammeln muss, wie beispielsweise beim Airbag. Den will man jetzt verpflichtend machen. Es stimmt, dass der Airbag den Athleten in erster Linie schützt. Aber vielleicht ist dieser in gewissen Situationen kontraproduktiv, wenn er auslöst.
Odermatt und Sarrazin haben einen anderen Körperbau als die klassischen Abfahrer. Sie sind drahtiger, athletischer und schnellkräftiger als Kraftpakete wie Ferstl, Kilde, Kriechmayr oder Paris. Dadurch können sie engere Radien fahren. Stehen die beiden für die Zukunft des Abfahrts-Sports oder ist das nur eine Momentaufnahme?
Ferstl: Das haben Sie richtig erkannt. Darüber sind wir Kraftpakete à la "Masse ist Klasse" auch ins Grübeln gekommen. In Zusammenhang mit dem Thema Sicherheit hat der Internationale Skiverband (FIS) die Abfahrt im Laufe der Jahre verändert. Früher ging es fast nur geradeaus mit hoher Geschwindigkeit, viel Masse, möglichst oft in der Hocke. Mittlerweile sind die Abfahrten wesentlich kurviger und damit technisch anspruchsvoller geworden. Das spielt sowohl Odermatt als auch Sarrazin in die Karten. Beide kommen aus dem Riesenslalom, sind Top-Techniker, drahtig und austrainiert.
Zusätzlich hat sich das Material verändert. Inzwischen beschleunigen wir in den Kurven, statt zu bremsen. Da werden Materialabstimmungen aus dem Riesenslalom gefahren, denen der klassische Abfahrer nicht mehr Herr wird. Die junge Generation kann das umsetzen, weil sie damit aufgewachsen ist. Meiner Meinung nach muss man in Zukunft in diese Richtung umdenken. Ich, speziell in dieser Saison, war sehr überrascht, wie rasant sich die Speed-Disziplinen weiter entwickelt haben.
Inwiefern haben sich die Skier in den letzten zehn Jahren in der Abfahrt verändert?
Ferstl: Die Skier sind härter, steifer und schwerer. Das bedeutet höhere Energiegewinnung in den Kurven. Die Bretter flattern nicht mehr, sie liegen ruhiger. Auch die Abstimmung hat sich stark verändert. Man arbeitet mit Platten aus Alu, die härter sind. Zusätzlich werden die Kanten von der Belagseite nicht mehr so stark abgehängt und greifen sofort, wenn man den Ski aufkantet. Dieses Paket ist extrem, es packt an und ist aggressiv. Es entsteht mehr Druck und Energie auf dem Schnee. Und ich vermute, dass mit dem extremen Material auch Stürze zustande kommen, wie wir sie diesen Winter gesehen haben.
Mit Thomas Dreßen und Ihnen sind zwei Säulen aus dem Speed-Team des DSV weggefallen. Andreas Sander ist 34 Jahre alt, Romed Baumann mit 38 über dem Zenit. Wie lautet Ihr Ausblick für die Zukunft des deutschen Rennsports?
Ferstl: Grundsätzlich geht eine Ära mit großen Erfolgen zu Ende. Ich glaube, es war eine lässige Zeit, in der die Fans an den Bildschirmen mit uns mitgefiebert haben, weil wir alle immer konkurrenzfähig waren. Andi und Romed sind beide topfit und können definitiv wieder vorne mitfahren, wenn alles passt. Beide sind sehr wichtig für das Team, weil sie ihre Erfahrungen an die Jungen weitergeben können. Simon Jocher ist der Mann der Zukunft. Er zeigt bereits im Training, was er draufhat. Auch wenn nicht gleich wieder eine Mannschaft mit drei, vier Läufern gibt, die ums Podium mitfahren können, bekommen junge Rennläufer wie Luis Vogt, Maximilian Schwarz, Felix Rösle und Jacob Schramm die Bühne von uns übergeben. Sie müssen zusammen etwas aufbauen und sich nach vorne ziehen.
/origin-imgresizer.eurosport.com/2022/03/05/3331779-68115848-2560-1440.jpg)
Starker Ferstl fährt nächstes Top-Ten-Ergebnis ein
Quelle: Eurosport
Wie wird sich das in den kommenden Jahren darstellen?
Ferstl: In den nächsten zwei bis drei Jahren geht es bei den Jungen nicht um Podiumsplätze, sondern um Platzierungen in den Top 30 und den Aufbau eines neuen Teams. Dann wird sich eine Eigendynamik einstellen, so wie es auch bei uns war. Auch wir mussten uns den Erfolg Schritt für Schritt zusammen mit den Trainern, dem Team und den Ausrüstern aufbauen. Der Erfolg wird sich wieder einstellen, aber das braucht seine Zeit.
Wie lautet Ihr Lebensplan im Anschluss an die aktive Karriere als Ski-Rennläufer?Ferstl: Ich bin dem Skisport mit großer Leidenschaft und viel Herz verbunden. Ich lebe diesen Sport, seit ich denken kann. Es wäre schön, wenn ich meine Erfahrungen an jüngere Leute oder die Zuschauer an den Bildschirmen weitergeben könnte. In diesem Zusammenhang herzlichen Dank an Eurosport für die Chance, den Weltcup in Kvitfjell neben Guido Heuber und Alex Köll am Mikrofon begleiten und in die Medienwelt einsteigen zu dürfen. Ich habe das Gefühl, das eine oder andere aus dem Skisport könnte man den Menschen noch leidenschaftlicher nahebringen. Ein Job in den Medien oder als Trainer wäre ein großes Ziel.
Das könnte Dich auch interessieren: Lustiges Video: Kilde und Shiffrin verraten ihre Spitznamen
Ähnliche Themen
Werbung
Werbung
/origin-imgresizer.eurosport.com/2024/12/18/image-a154d4c2-a601-4d33-bb01-6dd90ed6bea9-68-310-310.jpeg)