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Ski Alpin Wengen: Hilde Gerg exklusiv über Horror-Stürze und das Formtief der deutschen Abfahrer um Thomas Dreßen
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Publiziert 15/01/2024 um 17:56 GMT+1 Uhr
Die "Hölle" von Wengen hat in den vergangenen Tagen für viel Zündstoff gesorgt. Schwere Stürze am Lauberhorn stießen eine Debatte um eine zu hohe Belastung durch den Rennkalender an. Im exklusiven Interview ordnet Olympiasiegerin Hilde Gerg das Geschehen ein, spricht über das Formtief der deutschen Abfahrer und zieht einen Vergleich zwischen Legende Pirmin Zurbriggen und Dominator Marco Odermatt.
"Richtig brutal": Verzweifelter Dreßen fährt aufrecht ins Ziel
Quelle: Eurosport
Die ersten beiden Weltcuperfolge von Marco Odermatt in der Königsdisziplin gingen nach den schlimmen Stürzen von Aleksander Aamodt Kilde, Alexis Pinturault und Marco Kohler am Wochenende fast ein bisschen unter. Der Schweizer jubelte am Donnerstag in der verkürzten Abfahrt in Wengen sowie am Samstag auf der traditionellen Strecke am Lauberhorn.
"Die Erfahrung, die er in den letzten Jahren in der Abfahrt gesammelt hat, kann er jetzt in Siege ummünzen", sagte Hilde Gerg im exklusiven Eurosport-Interview. "Mit welcher Vehemenz er die Abfahrten bestreitet, ist faszinierend", so die Slalom-Olympiasiegerin von 1998.
Die deutschen Abfahrer erlebten dementgegen ein schwarzes Wochenende. Rang 18 von Romed Baumann in der verkürzten Abfahrt am Donnerstag war das beste Resultat der deutschen Speed-Herren am Lauberhorn. Thomas Dreßen kämpfte am Samstag darüber hinaus sichtbar mit körperlichen Problemen. "Man haut sich voll rein und ich probiere wirklich alles, aber es ist bitter, wenn der Körper nicht mehr so mitspielt", sagte der DSV-Star nach dem Rennen beim "BR".
Im exklusiven Interview ordnet die 20-fache Weltcupsiegerin Hilde Gerg das Geschehen am verlängerten Lauberhorn-Wochenende ein. Außerdem blickt die 48-Jährige auf den Weltcup der Damen in Altenmarkt-Zauchensee.
Die Speed-Wettbewerbe in Wengen haben am Wochenende für viel Wirbel gesorgt. Zwölf Athleten schieden in der Klassiker-Abfahrt am Samstag aus. Hinzu kamen schwere Stürze der Routiniers Aleksander Aamodt Kilde und Alexis Pinturault, die eine Diskussion über das dichte Rennprogramm auslösten. Waren drei Rennen in drei Tagen auf der längsten Strecke des Weltcups zu viel?
Hilde Gerg: Es ist schwierig zu beurteilen. Wenn am Freitag kein Rennen gewesen wäre, hätte ein Training stattgefunden. Aber natürlich fahre ich die entscheidende S-Kurve als Athlet im Trainingslauf nur mit 80 Prozent oder nehme vorher ein bisschen raus. Man geht einfach nicht komplett ans Limit, die mentale Belastung eines Rennens ist nicht so gegeben. Es ist schwierig, schließlich möchte man Rennen, die ausgefallen sind, nachholen. Die Saison hat bei den Herren gerade im Speed-Bereich mit vielen Ausfällen begonnen. Es war fast klar, dass sich im Januar und Februar alles bündelt. Da muss man nachdenken: An welchen Orten kann ich Rennen nachholen und wo nicht. Oder lasse ich gegebenenfalls welche ausfallen. Natürlich ist es gerade in Wengen nicht zu unterschätzen, wie viel Kraft die Athleten mitbringen.
In Kitzbühel steht für die Herren erneut eine Doppelabfahrt auf dem Programm - ein Mammutprogramm innerhalb von 24 Stunden. Sie haben den Aspekt gerade schon angesprochen: Man muss überlegen, wo man Rennen nachholen kann und wo nicht. Hat die FIS hier einen Fehler gemacht?
Gerg: Nein, das würde ich nicht sagen. Das war in den letzten Jahren bereits gang und gäbe. Wenn für reine Speed-Fahrer sechs Rennen ausfallen, gehen sechs Möglichkeiten verloren, sich zu präsentieren, ihr Können zu zeigen, ihre Sponsoren zu repräsentieren und letztendlich auch Geld zu verdienen. Es ist nicht einfach, den Rennkalender aufrechtzuerhalten. Ich glaube, da müssen die Athleten mehr mitsprechen. Man darf nicht nur zum Internationalen Skiverband sagen, Rennläufer brauchen mehr Mitspracherecht, sondern sie müssen es einfach machen. Die Athleten müssen sich zusammentun. Es geht um ihren Körper. Sie sind diejenigen, die riskieren und runterfahren. Wenn sich die Sportler dahingehend äußern, die Abfahrten nicht da und dort nachholen zu wollen, dann werden die Verantwortlichen reagieren. Diese Thematik würde ich jetzt ausnahmsweise nicht der FIS zuschieben. Es sind viele Dinge im Wandel - Strukturen, die aufbrechen, wie: 'Ich schaffe an, ich habe die Macht und ihr führt aus'. Hier sind die Athleten gefragt, sich konstruktiv und positiv einzubringen.
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Aleksander Aamodt Kilde
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FIS-Renndirekor Markus Waldner hat am Sonntag gesagt, dass es unter ihm als Rennleiter keine Nachholrennen mehr geben wird. Wie stehen Sie zu dieser Aussage?
Gerg: Ich weiß nicht, ob das als Athletin in meinem Sinne gewesen wäre. In der Abfahrt und im Super-G kann es schneller passieren als im Slalom und Riesenslalom, dass ein Rennen nicht gefahren werden kann. Wenn der Wind nur ansatzweise von der falschen Seite weht und ein Sprung im Abfahrtslauf vorhanden ist, kann man aus Sicherheitsgründen nicht starten. Das ist im Riesenslalom nicht so schlimm - es ist zwar unfair, aber nicht gefährlich. Waldner fühlt sich angegriffen, äußert sich und das ist in Ordnung. Jetzt gibt es aber zwei Aussagen und dann muss man sich auf eine Linie einigen.
Welche zweite Aussage meinen Sie?
Gerg: Einige Aktive haben sich geäußert, es sei zu viel gewesen und man müsse überlegen, ob man Rennen nachholt und wo man diese durchführt. Waldner hat sich eventuell angegriffen gefühlt und deshalb gesagt: 'Nein, unter mir als Renndirektor werden keine Nachholrennen mehr durchgeführt.' Das hört sich ein bisschen kindisch an. Schauen wir einmal auf den Sturz von Alexis Pinturault. Er fährt nach Hause, weil seine Frau ein Kind bekommt, geht aus dem Rennrhythmus raus, um dann wieder anzureisen. Warum bleibe ich nicht gleich zwei Wochen daheim, wenn der Nachwuchs kommt? Vielleicht wäre er lieber bei seiner Familie gewesen. Man ist als Athlet manchmal ein wenig zu unehrlich zu sich selbst. Aleksander Aamodt Kilde war mit einer Erkältung angeschlagen. Da darf man auch mal sagen: 'Okay, es funktioniert einfach nicht, dort noch einmal anzutreten'. Natürlich muss er das selbst aushalten, aber eine Entscheidung wie diese zieht stets große Kreise. Manchmal kommt man als Athlet in einen Zwiespalt, aber man sollte immer ehrlich mit sich sein und sagen: 'Dann bin ich eben mal nicht dabei.' Mikaela Shiffrin hat es ganz gut vorgemacht, indem sie das Wochenende in Altenmarkt-Zauchensee komplett ausgelassen hat. Mikaela ist da oftmals etwas entspannter als andere.
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"Richtig brutal": Verzweifelter Dreßen fährt aufrecht ins Ziel
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Bei den deutschen Abfahrern läuft es derzeit alles andere als gut. Thomas Dreßen war nach der Klassiker-Abfahrt gar den Tränen nahe aufgrund seiner anhaltenden körperlichen Probleme. Was läuft in der Speed-Abteilung der Herren beim DSV derzeit schief?
Gerg: Andreas Sander wurde in der Abfahrt am Samstag abgewunken. Er wäre echt schnell unterwegs gewesen, hat aber die erste Flagge nicht gesehen und hat dann schon die gesamte Strecke absolviert, bevor er aufgehalten wurde. Das ist typisch, wenn es gerade nicht läuft. Er hat im zweiten Anlauf noch ganz okay nachgelegt. Aber wenn wir gerade beim Thema Müdigkeit sind: Es ist natürlich schwierig, auch der Ski ist nicht mehr top - und dann musst du da ein weiteres Mal runterfahren. Thomas bekommt offenbar seine Verletzung im Knie nicht in den Griff. Fakt ist, dass sich das schon seit einigen Jahre hinzieht. Er hat mir tatsächlich ein bisschen leidgetan, als ich das Interview am Samstag gesehen habe, weil es sehr bitter ist, wenn der Körper nicht mitspielt. Auf der anderen Seite kann das fast nicht sein, also irgendwo muss es eine Lösung geben. Bei Romed sieht es zumindest von außen sehr unsicher aus. Ich weiß nicht, ob die Abstimmung nicht passt oder ob er nicht ganz fit ist. Es ist schade, weil die deutschen Abfahrer einige Jahre sehr erfolgreich waren. Es hat viel Spaß gemacht, unsere Männer zu beobachten und mit ihnen zu jubeln. In dieser Saison sind sie einfach nicht gut gestartet. Vielleicht waren Vorbereitung und Trainingstage nicht überzeugend. Das können aber nur sie selbst beantworten.
Marco Odermatt ist der Überflieger dieser Saison. Nach diesem Wochenende ist er nun auch im Abfahrts-Weltcup der Führende. Warum ist er in diesem Winter noch stärker als in den Jahren zuvor?
Gerg: Es sieht so schön aus, wenn man Marco Odermatt beim Skifahren zuschaut, es geht alles so leicht. Diese Leichtigkeit ist natürlich hart erarbeitet, das ist klar. Er bewegt sich irrsinnig viel und hat zwischen den Toren zum richtigen Zeitpunkt immer eine Bewegung nach vorne und ist perfekt über dem Außenski positioniert. Er hat eine tolle Abstimmung von Material und Fahrstil. Auch seine Technik ist sensationell. Die Erfahrung, die er in den letzten Jahren auf der Abfahrt gesammelt hat, kann er jetzt in Siege ummünzen. Es ist faszinierend, mit welcher Vehemenz er die Abfahrtsläufe bestreitet. Momentan hat er einen Lauf und bringt alles zusammen. Das System scheint super zu funktionieren.
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Husarenritt am Lauberhorn! Odermatt verwandelt Wengen in Tollhaus
Quelle: Eurosport
Welche Dimensionen ordnen Sie ihm zu?
Gerg: Mich erinnert er immer ein wenig an Pirmin Zurbriggen, wenn ich ihm beim Skifahren zu schaue. Ich weiß nicht, ob das nur am Rennanzug liegt. Er hat diesen katzenartigen, schleichenden Fahrstil und auch seine Art ist faszinierend.
Werfen wir einen Blick auf die Speed-Rennen der Damen in Altenmarkt-Zauchensee. Kira Weidle hat am Samstag mit Platz fünf ihre beste Abfahrt seit einem Jahr gezeigt. Viele haben sich danach etwas Selbstvertrauen erhofft. Nun ist Weidle im Super-G am Sonntag 40. geworden, Emma Aicher landete einen Platz vor ihr auf Rang 39. Wie blicken Sie auf das Wochenende?
Gerg: Bei Kira konnte man verfolgen, dass die Abfahrt ihre stärkere Disziplin ist. Im Super-G hat der Schritt nach vorne leider noch nicht funktioniert, auch wenn sie seit zwei Jahren darauf hinarbeitet. Der Super-G am Freitag wiederum war mit Platz 14 ordentlich und skitechnisch ganz gut. Am Sonntag haben wir ein interessantes Rennen gesehen. Der Kurs hat gedreht. Es waren drei oder vier Stellen dabei, die man von der Linie her gut erwischen musste, um schnell zu sein. Man durfte nur einen Rückstand von 1,4 Sekunden haben, um in den Top-30 zu landen. Das ist gerade bei den Damen im Speed-Bereich außergewöhnlich.
Das konnten sowohl Weidle als auch Emma Aicher am Sonntag nicht umsetzen. Kira hat sich für die Abfahrt nach ihrem Sturz am Donnerstag im Training super aufgebaut. Da geht einem vielleicht auch irgendwann die mentale Kraft aus. Emma ist in der Abfahrt gestürzt. Da tut dir alles weh und du bist eventuell nicht bereit, noch einmal ans Limit zu gehen. Deshalb ist es wichtig, im nächsten Rennen einfach runterzufahren, um zu merken, dass man ohne Sturz oder Aus ins Ziel kommen kann. Für einen langsamen Aufbau ist Altenmarkt nicht gerade die einfachste Strecke. Der Hang ist schwierig, dunkel und oft unruhig. Wir hoffen jetzt mal, dass die beiden diesen Einsatzwillen und die Bereitschaft in den nächsten Abfahrten wieder zeigen und es auch ins Ziel bringen können.
Was macht Ihnen Hoffnung, dass es bald wieder für eine Podestplatzierung reicht?
Gerg: Bei Kira hat man gesehen, dass die Abfahrt super funktioniert. Emma ist schnell, aber noch sehr jung. Sie ist die jüngste Teilnehmerin im Speed-Feld. Es wird Rennen geben, in denen sie auf Platz sechs fährt und dann wieder welche, in denen sie auf Rang 40 landet. Das ist einfach so. Die Erfahrung und das Kennenlernen der Strecken macht sehr viel aus. Außerdem kann man die Leistung in jungen Jahren oftmals noch nicht konstant abrufen. Das muss man lernen. Auch die körperliche Fitness ist noch nicht so vorhanden, wie wenn man bereits über mehrere Jahre hinweg hohe Trainingsumfänge absolviert hat. In Emmas Fall sehe ich das bislang nicht so kritisch. Anders bei Kira: Als erfahrene Rennläuferin ist es langsam an der Zeit, ihre Leistungen im Super-G abzurufen.
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Kira Weidle verpasst Podest knapp
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Wie oft stehen Sie selbst noch auf Skiern?
Gerg: Das darf ich gar nicht laut sagen (lacht). Wenig tatsächlich. Ich wollte zuletzt wieder mehr Skifahren, bin aber seit längerer Zeit an den Nebenhöhlen erkrankt. Bekanntermaßen ist es nicht so toll, wenn man in dem Fall auf den Berg hochfährt, dann gehen nämlich die Ohren immer wieder zu. Jetzt muss ich aber das tolle Wetter und den Schnee mal wieder ausnutzen. Bei der Hermann-Maier-Challenge werde ich mich in Flachau auf die Ski schmeißen, durch den Lauf fahren und das Skifahren endlich mal wieder genießen.
Gute Besserung. Am Sonntag haben Sie Ihre Expertise als Co-Kommentatorin bei Eurosport weitergegeben. Wie sieht ansonsten ein Tag in Ihrem Leben aus?
Gerg: Ich bin Gesundheits- und Mental-Coach und darf Menschen auch als Seelen-Coach in schwierigen Lebensphasen, Trauer- oder Schocksituationen begleiten. Ich helfe ihnen, diese Situationen zu verarbeiten, damit sie wieder gestärkt daraus hervorgehen. Es ist nicht nur das körperliche Training, sondern auch das Arbeiten mit dem Unterbewusstsein und der Seelenebene. In meinem Alltag vergebe ich Termine und arbeite diese zusammen mit den Leuten ab - entweder bei mir zu Hause oder via Zoom. Ich habe auch ein Online-Programm, an dem man teilnehmen kann. Ich mache Persönlichkeitsentwicklung und Potenzialcoaching, durch welches man an sich arbeiten kann. Dann habe ich noch meine drei Kinder und meine Ferienwohnungen zu Hause. Also drei Schwerpunkte, die ich in den Alltag integrieren muss. Es macht Spaß und ist ganz okay, wie es ist.
Sie sind also gut ausgelastet...
Gerg: Ja, genau. Es macht Spaß und funktioniert alles recht gut.
Zur Person Hilde Gerg
Hilde Gerg ist eine ehemalige deutsche Ski-Rennläuferin. Die heute 48-Jährige gewann im Alter von 22 Jahren die Goldmedaille im Slalom bei den Olympischen Spielen in Nagano. Die Lenggrieserin feierte in Ihrer Laufbahn 20 Weltcupsiege, 59 Podestplätze im alpinen Ski-Weltcup und holte drei Bronzemedaillen bei Weltmeisterschaften. Bei der Eröffnung der Olympischen Winterspiele 2002 in Salt Lake City war sie Fahnenträgerin der deutschen Delegation. Gerg erlitt 2010 einen herben Schicksalsschlag durch den plötzlichen Tod Ihres ersten Ehemannes Wolfgang Graßl (40). Mit ihm hat Sie eine Tochter und einen Sohn. Im Jahr 2014 heiratete die sympathische Oberbayerin zum zweiten Mal und wurde 2015 noch einmal Mutter.
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