Es war die Nachricht, die Sport-Deutschland am Samstag erschütterte: Skicrosserin Daniela Maier muss ihre Bronzemedaille von den Olympischen Winterspielen in Peking zurückgeben.
Ihr dritter Platz, den sie nach einem kontroversen Finale am 17. Februar von der Jury nach Video-Review zugesprochen bekommen hatte, wurde der 25-Jährigen von der zuständigen Kommission des Internationalen Ski-Verbandes FIS nachträglich aberkannt. Die Kommission kam damit einem Protest des Schweizer Skiverbandes Swiss Ski gegen das Ergebnis in Peking nach.
Stattdessen erhält die Schweizerin Fanny Smith, die nach dem Finale von der Jury wegen Behinderung von Maier zunächst auf den vierten Rang zurückgestuft worden war, die Bronzemedaille. Smith war im Finale mit ihrem linken Ski in die Fahrlinie von Maier geraten und hatte diese dabei behindert - die FIS wertete dies nun jedoch als eine Berührung, "die nicht zu verhindern gewesen war" und folglich nur eine "Offizielle Warnung" hätte nach sich ziehen dürfen.
Olympia - Ski Freestyle
Klartext zum Medaillen-Zoff: "Der erzählt nicht die Wahrheit..."
29/03/2022 AM 10:13
Der Deutsche Skiverband (DSV) um Heli Herdt, der Leiter des Deutschen Ski Cross Verbandes, wurden von der Meldung am Samstag kalt erwischt. Im exklusiven Interview mit Eurosport.de spricht der Funktionär über die Entscheidung des FIS-Komitees sowie die weiteren Schritte des DSV.

"Das ist unfair!" Große Geste von Maier - Smith versteht die Welt nicht mehr

Herr Herdt, wie bewerten Sie die Entscheidung der zuständigen FIS-Kommission, Daniela Maier nachträglich die Olympia-Bronzemedaille abzuerkennen?
Heli Herdt: Der Schweizer Skiverband, Swiss Olympics und Fanny Smith haben regelkonform einen sogenannten Appeal, also eine Berufung gegen die Jury-Entscheidung eingereicht. Die Entscheidung wurde dann nicht pauschal von der FIS, sondern von einer eingesetzten Appeal-Kommission getroffen. Wenn ich mir das Regelwerk genau ansehe und die Videos, die mir zur Verfügung stehen, dann bin ich der Meinung, dass die Jury in Peking und das sogenannte Reviewboard, das sich die Szene im Anschluss zwei Stunden später noch einmal angesehen hatte, damals die richtige Entscheidung traf. Es gibt auch einen guten Grund, warum im internationalen Wettkampfreglement steht, dass gegen eine Jury-Entscheidung in Bezug auf diese Kontaktregel kein Protest im klassischen Sinne eingelegt werden kann. Sonst können wir kein Rennen mehr zu Ende fahren.
Warum war es dem Schweizer Skiverband dennoch möglich, Protest gegen die Jury-Entscheidung einzulegen?
Herdt: Das ist eine extreme Spitzfindigkeit. Im alpinen Wettkampfreglement kann man nicht gegen eine Jury-Entscheidung in Berufung gehen. Im Freestyle-Reglement ist das möglich.

Bange Minuten beim Skicross - wer hat die Medaillen?

Wie geht es jetzt weiter, welche weiteren Schritte sind vonseiten des Deutschen Skiverbands geplant?
Herdt: Wir werden alle rechtlichen Schritte prüfen und sind mit Juristen seitens DOSB und DSV im ständigen Austausch. Wir prüfen die Entscheidung und werden uns im Anschluss dazu juristisch äußern. Das ist noch in der Prüfung, ob der nächste Schritt ein übergeordnetes FIS-Gericht ist oder ob es der CAS ist. Das ist innerhalb der FIS-Statuten geregelt. In den Schriftstücken, die sich im Laufe der Zeit entwickeln, gibt es ein paar Ungenauigkeiten, die wir aber erst noch prüfen müssen. Im Skicross hat es etwas Vergleichbares in den 22 Jahren, in denen ich aktiv bin, noch nicht gegeben. Innerhalb der Mehrheit meiner Kollegen sowohl national als auch international war die Entscheidung der Appeal-Kommission sehr überraschend.
Wie geht es Daniela Maier, hatten Sie schon Kontakt mit Ihr?
Herdt: Unser Team befindet sich gerade irgendwo in Moskau und läuft von einem Flugzeug zum nächsten (nach Absage aller FIS-Wettkämpfe in Russland, Anm. d. Red.). Wir hatten nur kurz über WhatsApp Kontakt. Es steht jetzt im Vordergrund, aus Russland rauszukommen. Alles andere ist zweitrangig.
Haben Sie grundsätzlich Verständnis den Schweizer Skiverband und Fanny Smith, dass sie Einspruch eingelegt haben?
Herdt: In unserem Sport passieren immer wieder Situationen, die unabhängig und neutral von der Wettkampfjury bewertet werden müssen. Diese Einschätzungen gilt es zu akzeptieren.
Wäre es nicht - laienhaft gesprochen - die beste Lösung, beiden Athletinnen die Bronzemedaille zu überreichen? Wäre dies überhaupt möglich?
Herdt: Laienhaft gesprochen wäre das natürlich eine Möglichkeit. Dafür kenne ich aber die Verantwortlichkeiten zwischen FIS und IOC zu wenig. Das liegt außerhalb meines Kenntnisstandes. Als Erstes muss sich das IOC zu der Thematik äußern, bevor man hier einen Standpunkt einnehmen kann.
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