Tour de Ski - Jochen Behle exklusiv zum Phänomen Therese Johaug: "Sie hat eine Initialzündung ausgelöst"
Jochen Behle analysiert im Eurosport.de-Interview das Comeback von Therese Johaug und erklärt, was der Unterschied zur Rückkehr der Alpin-Stars Lindsey Vonn und Marcel Hirscher ist. Dazu bewertet der einstige Weltklasse-Langläufer die Lage im deutschen Team. Bei der Tour de Ski habe die DSV-Auswahl Außenseiterchancen, bei der WM sei das anders: "Es geht ohne Wenn und Aber um Medaillen", so Behle.
Kläbo lässt nichts anbrennen - das Sprint-Finale
Quelle: Eurosport
Die deutschen Skilanglauf-Profis haben in den vergangenen Jahren eine bemerkenswerte Entwicklung hingelegt, vor allem im Frauenbereich wurde die Lücke zur Weltspitze geschlossen.
In dieser Saison seien erneut "wirklich gute Ergebnisse" eingefahren worden, aber: "Was fehlt ist der Podestplatz", sagt Jochen Behle, der 1989 ein Weltcuprennen über 50 Kilometer in Calgary gewann und später als Bundestrainer erfolgreich war.
Unvergessen bleibt die Frage des Sportkommentators Bruno Moravetz, der den heutigen Eurosport-Experten bei den Winterspielen 1980 in Lake Placid während der TV-Übertragung mit dem berühmten Ausruf "Wo ist Behle?" populär machte.
Der aktuell populärste Name in der Szene ist indes jener von Therese Johaug, die nach einer Babypause vor wenigen Wochen ihr Comeback im Weltcup gab. Das habe "im gesamten Team der Norwegerinnen eine Initialzündung ausgelöst, betont Behle im Gespräch mit Eurosport.de.
Die Saison weist mit der Tour de Ski ab Ende Dezember und den Weltmeisterschaften in Trondheim im Februar zwei Höhepunkte auf. Einige verzichten daher auf die Tour. Wie ist das zu erklären, die beiden Events liegen ja gute sieben Wochen auseinander.
Jochen Behle: Aus meiner Sicht ist beides machbar, ein Tour-Start dürfte die Profis bei der WM nicht ausbremsen. Aber: Man muss den Trainingsaufbau im Auge haben und die Saison als Ganzes betrachten. Wir hatten jetzt einen Wettkampfblock mit drei Weltcup-Wochenenden. Läuferinnen wie Jessica Diggins oder Victoria Carl haben fast jedes Rennen bestritten. Nun sind wir in einer Phase, in der du in ein Grundlagentraining gehen solltest, damit du in acht, neun Wochen bei den Weltmeisterschaften ebendiese Grundlagen hast. Die Aktiven müssen auch während der Saison weiterarbeiten, einen Unterbau schaffen, um zielgenau zu den Höhepunkten in Topform zu sein. Wenn man nur noch Wettkämpfe bestreitet, besteht die Gefahr, dass die Form zu früh da ist oder nicht zum WM-Termin passt.
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Erster Sieg nach 1000 Tagen: Johaug-Gala beim Heimspiel
Quelle: Eurosport
Die Tour de Ski beginnt am 28. Dezember und gleicht in diesem Jahr mit den einzigen beiden Stationen Toblach und Val di Fiemme eher einem kleinen Giro d'Italia. Eine gute Entscheidung?
Behle: Die Sportler*innen und die Techniker werden es so sehen, weil es vieles vereinfacht. Weniger Reisen, weniger aufbauen und abbauen. Die Tour de Ski ist allerdings ein absolutes Highlight im Skilanglauf-Kalender - und wenn man dann nur in einem Land zu Gast ist, ist mir das zu wenig. Es wäre schön gewesen, wenn man die Schweiz, Österreich oder Deutschland mit ins Programm genommen hätte. Mehr als drei Länder sollten es aber auch nicht sein.
Carl ist zu groß und schwer für den letzten Anstieg hinauf zur Alpe Cermis. Das ist das Kriterium, wenn es um die ersten drei Plätze geht.
Die DSV-Männer haben mit Tobias Angerer bereits einen Tour-de-Ski-Champion (2007) und insgesamt vier Podien in der Endabrechnung auf dem Konto. Bei den Frauen fehlt ein solcher Erfolg noch. Welche Athletin könnte das in diesem Winter ändern?
Behle: Im Moment sehe ich im deutschen Team keine Kandidatin ...
... nicht einmal Victoria Carl, die aktuell auf Platz zwei im Gesamtweltcup liegt?
Behle: Nein, aus einem einfachen Grund: Victoria ist zu groß und schwer für den letzten Anstieg hinauf zur Alpe Cermis. Das ist das Kriterium, wenn es um die ersten drei Plätze geht. Die Vicki ist sicher in der Lage, sich eine Position zu bringen, um das Podium zu schaffen. Sie müsste allerdings mehr als eine Minute Vorsprung mitbringen, um dieses Ziel zu erreichen. Insgesamt betrachtet ist so ein Anstieg aber nicht ihre Sache. Über Katharina Hennig könnte man ebenfalls nachdenken. Die ist allerdings keine Bergläuferin und keine Skaterin in dem Sinne, was die Angelegenheit erschwert.
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Jochen Behle bei den Olympischen Spielen 1980 in Lake Placid
Fotocredit: Imago
Wie bewerten Sie generell aus deutscher Sicht den Start in den Winter?
Behle: Bei den Frauen würde ich sagen: gut! Fünf Läuferinnen haben bereits die interne Norm für die Weltmeisterschaften in Trondheim geschafft. Dazu steht Carl auf Rang zwei im Gesamtweltcup, Coletta Rydzek ist Vierte in der Sprintwertung. Das sind wirklich gute Ergebnisse, was fehlt, ist der Podestplatz. Das hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass die Norwegerinnen im Vergleich zur Vorsaison deutlich stärker geworden sind. Ich denke an Astrid Öyre Lind, Heidi Weng, Comebackerin Johaug, dazu kommen Jüngere wie Kristin Austgulen Fosnäs.
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Carl exklusiv: Vergleich mit Johaug "megageil"
Quelle: Eurosport
Die Rückkehr von Johaug hat dem Skilanglauf große Aufmerksamkeit beschert. Hätten Sie damit gerechnet, dass die 36-Jährige wieder so überzeugen kann?
Behle: Ich habe sie mindestens so stark erwartet, wie es sich jetzt darstellt. Wenn ich ihre Auftritte in Lillehammer hernehme, dann sage ich: 'Das war wieder die alte Johaug!' In Davos lief es nicht ganz so gut, aber man darf nicht vergessen, dass sie sich neu an den Weltcup gewöhnen muss. Eines hat mich dann doch überrascht.
Nämlich?
Behle: Johaugs Comeback hat im gesamten Team der Norwegerinnen eine Initialzündung ausgelöst. Weng war fast ein Schatten ihrer selbst - und seit Therese zurück ist, die beiden verstehen sich sehr gut, funktioniert es wieder. Es mag ein Vorteil sein, dass sich der mediale Druck für die anderen in der Mannschaft durch die Personalie Johaug abgeschwächt hat. Meiner Meinung nach haben fast alle Norwegerinnen von ihrem Comeback profitiert.
Wenn ein Comeback abläuft wie bei Johaug, wo nur zwei Jahre dazwischenlagen und die Aussicht besteht, dass sie wieder oben angreifen kann, verstehe ich das vollkommen.
Johaug reiht sich mit ihrer Rückkehr in eine Serie prominenter Comebacks im Wintersport ein. Man denke an Marcel Hirscher, an Lindsey Vonn. Wie bewerten Sie diesen Trend?
Behle: Zunächst einmal braucht jeder Sport diese sogenannten 'Typen'. Johaug ist so jemand, tut dem Langlauf gut, belebt das Geschäft. Was ich wichtig finde: Star-Bonus hin oder her, sie müssen sich sportlich durchsetzen. Wenn ein Comeback abläuft wie bei Johaug, wo nur zwei Jahre dazwischenlagen und die Aussicht besteht, dass sie wieder oben angreifen kann, verstehe ich das vollkommen. Bei Hirscher und Vonn sehe ich das nicht. Der Österreicher war sechs Jahre raus, die US-Amerikanerin kommt mit 40 zurück. Da stelle ich mir die Frage: Warum machen die das? Für die Medien ist das ein Hype, aber ich glaube nicht, dass die beiden es aus finanzieller Sicht tun. Und eigentlich müssten sie wissen, dass es nicht mehr reicht für die Weltspitze.
Bei Johaug steht das außer Frage, wie sie mit zwei Siegen bewiesen hat. Wie lässt sich dieses Phänomen erklären?
Behle: Der Schlüssel ist definitiv ihre Physis, ihr Motor, um es mal flapsig zu formulieren. Hinzu kommt ihr Wille, nicht nur vorne dabei zu sein, sondern zu gewinnen. Entsprechend trainiert sie und ist bereit, alles zu investieren. Therese mag es, sich zu quälen - und das gilt auch für das tägliche Training, was nicht bei allen Konkurrentinnen der Fall ist. Sie weiß, dass sie auf vieles verzichten und Entbehrungen in Kauf nehmen muss.
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Johaug geplättet nach Sieg in Lillehammer: "Oh mein Gott"
Quelle: Eurosport
Norwegen hofft auf Johaug-Festspiele bei der WM in Trondheim, aber welche Zielstellung sollte sich der DSV auf die Fahne schreiben?
Behle: Bei den Frauen geht es ohne Wenn und Aber um Medaillen. Nicht nur im Team, sondern auch in den Einzelrennen. Carl und Hennig sehe ich durchaus in der Lage, ein WM-Podium zu erreichen. In der Staffel halte ich die Chancen sogar für sehr gut. Nationen wie die USA oder Finnland sind nicht auf allen Positionen gleichermaßen stark besetzt, wenngleich Norwegen und Schweden schwer zu schlagen sein werden. Das klare Ziel in der Damen-Staffel muss aber Edelmetall sein. Bei den Männern ist die Situation deutlich weniger rosig. Einzig Friedrich Moch konnte überzeugen, aber auch er ist noch nicht so stark wie im vergangenen Winter. Es wird also eher darum gehen, auf Top-10-Plätze zu schielen.
Vielen Dank für das Gespräch, Herr Behle.
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Weltcupsieg Nummer 87: Kläbo triumphiert im Sprint
Quelle: Eurosport
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