Andreas Wellinger bei der Vierschanzentournee in Führung: Träumen ist erlaubt - die Lehren aus Garmisch-Partenkirchen
Andreas Wellinger landet beim Neujahrsspringen in Garmisch-Partenkirchen auf Rang drei und hält damit zur Halbzeit der Vierschanzentournee die Führung in der Gesamtwertung. Vor dem Bergiselspringen am deutschen "Schicksalsberg" in Innsbruck muss dem 28-Jährigen ganz und gar nicht bange sein. Stefan Kraft muss dagegen schon alles auf eine Karte setzen. Die Lehren aus Garmisch.
Highlights: Wellinger an Neujahr auf dem Podest - Lanisek siegt
Quelle: Eurosport
Routinen soll man beibehalten, deswegen lief bei Andreas Wellinger am Montagabend wieder David Beckham über den Bildschirm.
Wellinger und Stephan Leyhe haben während der Vierschanzentournee in ihrem Doppelzimmer mit der "Netflix"-Doku des englischen Fußballstars angefangen.
Die vierteilige Miniserie ist ein schöner Trip in die Vergangenheit, eine Hommage an die (Sport-)Zeiten rund um die Jahrtausendwende, eine Vintage-Reihe, durch aktuelle Aussagen auf Hochglanz poliert.
Mit seinem dritten Platz im Neujahrsspringen in Garmisch-Partenkirchen hat Wellinger am Montag seinen ganz eigenen Bogen in die frühen 2000er Jahre gesponnen.
Der 28 Jahre alte Skispringer ist nämlich der erste Deutsche seit Sven Hannawald 2001/02, der die Tourneewertung nach Garmisch-Partenkirchen anführt, und sich anschickt, den Fluch zu besiegen - 22 Jahre warten die deutschen Skisprungfans auf einen Sieger aus dem DSV-Team.
Wellinger bestätigt sein Top-Niveau
Auf der Großen Olympiaschanze bestätigte Wellinger am Neujahrstag mit Sprüngen auf 138 und 137,5 Meter, dass er momentan wohl der konstanteste der Top-Springer ist. Dass ihm am Ende 4,4 Punkte auf Sieger Anze Lanisek fehlten, mag ein wenig schmerzen, ist für die Tourneewertung aber auch kein Beinbruch.
"Das sieht super aus. Andi hat einen fantastischen Wettkampf gezeigt", freute sich Eurosport-Experte Martin Schmitt über Wellingers Halbzeitführung in der Gesamtwertung der Vierschanzentournee.
Während sich einzig der Tageszweite Ryoyu Kobayashi in Wellingers Nähe hielt, ließ Stefan Kraft, Top-Favorit vor der Tournee, auf dessen Angstschanze Federn.
Die Lehren aus Garmisch.
1.) Tourneesieger Wellinger? Träumen ist erlaubt
In Oberstdorf zu gewinnen, war vor Wellinger schon einigen Deutschen gelungen. Severin Freund durfte 2015/16 zum Auftakt jubeln, ebenso Karl Geiger vor leeren Rängen 2020/21. Nach Garmisch-Partenkirchen die Tourneewertung anzuführen, hat in den letzten 22 Jahren jedoch kein DSV-Adler geschafft.
Mit Platz drei bestätigte Wellinger auf der Großen Olympiaschanze seine ausnehmende Form, es war sogar seine erste Top-drei-Platzierung an Neujahr. Ein Gefühl, dass sich zuletzt regelmäßig eingestellt hat: Für den 28-Jährigen war es bereits die sechste Podestplatzierung des Winters, ein Nachweis der Konstanz, Bestätigung dafür, dass der Traum vom deutschen Tourneesieg real werden kann.
"Das Springen ist mir heute wieder ziemlich gut gelungen - ich bin happy", sagte der Mann aus Ruhpolding und strahlte Zuversicht aus. "Der erste Sprung war besser als der in der Probe. Der zweite war ziemlich gut - im Flug noch nicht ganz die feine Klinge, aber in Summe wieder ein richtig starkes Niveau", so das Fazit des Tournee-Führenden.
Vor dem Transfer nach Innsbruck in Front zu liegen, gibt Wellinger sichtbar Selbstvertrauen.
"Die Ausgangslage ist super. Es ist geil, wenn man in der Gesamtwertung führt", sagte er. Dass sein Sprung auf allen Schanzen funktioniert, hilft sehr. "Je leichter das Skispringen geht, desto größer ist die Lockerheit", berichtete er in Garmisch.
Dass es schon am Dienstag in Innsbruck weiter geht, dürfte Wellinger zusätzlich helfen. Kein großes Nachdenken über die Führung oder Gerede vom deutschen "Schicksalsberg". "Ich kann mich erinnern, dass Eisenbichler dort Weltmeister und Geiger Silbermedaillengewinner war und das Team gewonnen hat", meinte er mit Blick auf die WM 2019.
Er selbst war am Bergisel 2018 Dritter. "Für mich ist entscheidend, dass ich ordentlich skispringe, so wie ich es in Oberstdorf und heute gemacht habe. Wenn mir das gelingt, dann ist alles möglich", sagte er. Kurzum: "Ich freu mich drauf."
2.) Kraft ist raus - oder!?
Stefan Kraft war ziemlich geradeaus. "Mit fällt wirklich ein großer Stein vom Herzen", sagte der Österreicher nach Platz sechs am Gudiberg, dem Berg, an dem bei ihm in den letzten sechs Jahren mit teils katastrophalen Ergebnissen alle Tourneehoffnungen zerschellt waren.
Froh war Kraft vor allem darüber, die Probleme mit der tückisch breiten Anlaufspur in den Griff bekommen zu haben. "Ich hatte gestern und im Trainingssprung heute extreme Probleme mit der Geschwindigkeit, aber ich habe eine Lösung gefunden", freute er sich.
Mit Sprüngen auf 133,5 und 132 Meter betrieb der 30-Jährige am Neujahrstag Schadensbegrenzung - auch wenn er in der Gesamtwertung knapp 14 Meter hinter Wellinger zurückfiel. "Ein bisschen viel, aber es passt noch" sagte er über den Rückstand.
Moralisch dürfte sich Kraft nach Garmisch eher wie ein Gewinner fühlen. Mit dem Springen in Innsbruck verlagert sich die Tournee für ihn in heimatliche Gefilde. Dass mit Manuel Fettner (4.), Jan Hörl (5.) und Michael Hayböck (8.) drei weitere Teamkollegen in der Tourneewertung mit den Ton angeben, ist der perfekte Nährboden für eine Aufholjagd.
"Jetzt geht's endlich nach Hause", sagte er vor den Springen am Bergisel und in Bischofshofen. 25,2 Punkte Rückstand seien zwar "schon ein Brett", wie es Eurosport-Experte Martin Schmitt formulierte, "aber in Innsbruck und Bischofshofen kann er es, da fühlt er sich wohler, da vertragen es die Schanzen auch mehr, wenn er den Sprung schnell macht. Da kann er seine Qualitäten ausspielen."
So sieht es auch Kraft. "Ich mag die Schanzen und habe nur noch eine Option: volle Attacke! Ich werde ein paar riskante Sprünge zeigen", kündigte er an. Man darf gespannt sein …
/origin-imgresizer.eurosport.com/2024/01/01/3853463-78302188-2560-1440.jpg)
Schmitt-Analyse: Warum Kraft noch nicht ganz raus ist
Quelle: Eurosport
3.) Alles eine Frage der Haltung
Nach vier von acht Sprüngen der Tournee trennt Wellinger und Kobayashi gerade mal ein lausiger Weitenmeter an der Spitze der Gesamtwertung - spannender war es selten.
Umso wichtiger ist für die zwei, auf jedes Detail zu achten - die Landung zum Beispiel. Die war Wellinger am Silvestertag gleich mehrfach missglückt, sein Patzer beim Aufsetzen hatte ihn den Qualisieg gekostet.
Über den Jahreswechsel zog der Deutsche aber offenbar die richtigen Schlüsse und siehe da: An Neujahr glänzte Wellinger wieder bei den Haltungsnoten, bekam keine Wertung unter 19,0. "Er ist sehr gut gelandet, hat das Problem echt super in den Griff bekommen", freute sich der Bundestrainer Stefan Horngacher.
So machte Wellinger insgesamt sogar 3,5 Haltungspunkte auf den Japaner gut - und Kobayashi gilt auch als feiner Stilist. "Heute hat er sich viel mit der Landung beschäftigt, das hat er perfekt hingekriegt. Die Noten haben ihn aufs Podium gehievt", meinte Eurosport-Experte Schuster.
Dass Wellinger trotz zweier starker Sprünge nicht erneut ganz oben auf dem Treppchen stand, ging derweil schon in Ordnung. Bei schwierigen Windbedingungen hatte Anze Lanisek im zweiten Durchgang den wohl besten Sprung des ganzen Feldes gezeigt, trotz Rückenwind sprang der Slowene 137 Meter weit und sicherte sich so verdient den Tagessieg.
"Anze hatte es wirklich schwer, aber er hat einen brutal guten Sprung gezeigt", meinte Eurosport-Experte Martin Schmitt. "Lanisek hat verdient gewonnen, der bekommt plus zehn Punkte und springt trotzdem 137", sagte auch Pius Paschke (10.) anerkennend: "Da sieht man, was mit guten Sprüngen möglich ist."
Gute Sprünge bleiben freilich die Grundvoraussetzung für den Tourneesieg - die Landungen könnten angesichts von weniger als zwei Punkten Unterschied zwischen Wellinger und Kobayashi zum Zünglein an der Waage werden.
"1,8 Punkte ist ein Hauch von Nichts", sagte Wellinger: "Die Kunst ist, sich bis zum letzten Sprung die wenigsten Fehler von allen zu erlauben."
Und auch ein wenig drauf zu hoffen, dass der Wind nicht verrücktspielt. In Garmisch-Partenkirchen machte die Jury einen guten Job, schickte Kobayashi nochmal vom Balken als dieser trotz Führung als letzter Springer den Schanzenrekord (144 m) gebraucht hätte, um Lanisek bei Aufwindbedingungen noch von der Spitze zu verdrängen.
"Die Jury hat es gut abgepasst und sich bei den wechselnden Bedingungen gut Zeit genommen", lobte Wellinger: "So war die Qualität der Sprünge entscheidend." Das soll auch in Österreich so bleiben: "Ich hoffe, dass die Bedingungen passen und am Ende der beste Skispringer gewinnt und nicht der, der das meiste Glück hat."
Das könnte Dich auch interessieren: Das macht Eisenbichler während der Tournee
(mit SID)
Ähnliche Themen
Werbung
Werbung
/origin-imgresizer.eurosport.com/2024/12/18/image-ec453673-a7e8-4c9b-a566-6689a5fb6276-68-310-310.jpeg)