Martin Schmitt zieht exklusives Saisonfazit: "Dann wird es diese Exzesse wie in Trondheim nicht mehr geben"

Der Skisprung-Winter fand am Sonntag mit Domen Prevcs Weltrekord-Flug auf 254,5 Meter seinen furiosen Abschluss. Die zurückliegende Saison bot etliche weitere Geschichten, allen voran der Anzugskandal um das norwegische Team bei der WM erhitzte die Gemüter - und stürzte den Sport in eine tiefe Krise. Ex-Weltklassespringer Martin Schmitt zieht im exklusiven Gespräch mit Eurosport.de ein Fazit.

"Wo geht der hin!?" Prevc fliegt zu neuem Weltrekord

Quelle: Eurosport

Das Skispringen verabschiedete sich mit Pauken und Trompeten in die Sommerpause: Domen Prevcs flog in Planica auf 254,5 und sicherte sich den Weltrekord.
Es war der Abschluss eines Winters, der kaum aufregender hätte sein können.
Aus deutscher Sicht sorgte zunächst Pius Paschke für enorme Euphorie, ehe die Vierschanzentournee die Hochstimmung binnen weniger Tage zunichte machte.
Gegen Ende der Saison fanden die DSV-Adler - besonders in Person von Andreas Wellinger - wieder in die Spur. Überstrahlt wurde jedoch alles vom Anzug-Skandal rund um das norwegische Team bei der WM in Trondheim.
Martin Schmitt zieht im exklusiven Gespräch mit Eurosport.de ein Fazit. Der ehemalige Weltklassespringer geht auf die Lücke ein, die nach Markus Eisenbichlers und Stephan Leyhes Karriereende im deutschen Team entsteht und führt die Hebel auf, die es zu betätigen gilt, um das angekratzte Image des Skispringens wieder aufzupolieren.
Zudem nennt er den Springer, der ihn am meisten beeindruckt hat - und seinen ganz persönlichen Moment der Saison.
Mit Markus Eisenbichler und Stephan Leyhe brechen zwei langjährige Säulen des deutschen Skispringens weg. Wie wird das Loch gestopft?
Martin Schmitt: Das ist leider der normale Wandel im Sport, es war klar, dass diese Generation eines Tages abtreten wird. Wenn Athleten so lange dabei sind und das Geschehen mitprägen, entsteht natürlich eine Lücke. Eisei hat während seiner Karriere so viele Erfolge gefeiert, Stephan ist nach seiner Verletzung (Kreuzbandriss im Jahr 2020, d. Red.) stark zurückgekommen. Jetzt ist die neue Generation gefordert. Die Springer aus der zweiten Reihe sollten das Ganze als Chance wahrnehmen. Constantin Schmid beispielsweise kann nach einer enttäuschenden Saison neu angreifen und den Anschluss wieder herstellen.
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Markus Eisenbichler lässt sich zum Abschied feiern.

Fotocredit: Imago

Was kommt beim DSV an Talenten nach?
Schmitt: Es gibt einige Springer, die Talent mitbringen und die nötigen Anlagen haben. Aber im Skispringen kann der Weg nach oben sehr weit und steinig sein. Es wird der eine oder andere Rückschlag kommen. Viele jüngere Sportler spüren jetzt schon, wie hoch die Hürden sein können. Es bringt den Nachwuchsspringern nichts, wenn wir nun mit Namen um uns werfen und somit unnötigen Druck aufbauen. Das Wichtigste ist, dass sich die entsprechenden Athleten in Ruhe entwickeln können.
Insgesamt verlief die Saison für die deutschen Skispringer sehr wechselhaft. Top-Leistungen zu Beginn, Enttäuschungen bei der Tournee und hintenraus wieder erfreuliche Ergebnisse. Woran machen Sie den Einbruch und den anschließenden Aufschwung fest?
Schmitt: Pius Paschke ist zu Beginn fantastisch gesprungen, Andreas Wellinger ging aufgrund seiner guten Vorbereitung mit einer großen Erwartungshaltung in die Saison. Die konnte er anfangs nicht komplett erfüllen. Er hat zwar in Ruka gewonnen, aber es fehlte ihm die Stabilität . Diese hat er sich erst am Ende der Saison geholt. Pius hat grundsätzlich einen etwas riskanten Sprungstil, total am Limit. Das hat zunächst grandios funktioniert. Irgendwann bekam er im Absprung und in der Übergangsphase keinen Zugriff mehr, war zu aggressiv. In Titisee-Neustadt konnte er das noch mit seinem Selbstvertrauen und dank der Schanzencharakteristik kompensieren, in Engelberg folgte der erste Dämpfer. Während der Tournee, nach dem gelungenen ersten Springen in Oberstdorf, wurde es ein Kampf, die Bewegungen haben nicht mehr gestimmt. In unserer Sportart ist die Zeit einfach zu knapp, um die Form wieder zu finden. Man hat nicht die Möglichkeit, mal eben 200 Trainingssprünge zu machen. Bei der Tournee spielt zudem der psychologische Aspekt eine extrem wichtige Rolle. Wenn der Plan nicht aufgeht, ist das eine zusätzliche Belastung. Aber: Das deutsche Team hat die Schwächen gut analysiert, technische Fehler ausgebügelt und die Überzeugung wiedergefunden. Das war nach dem enttäuschenden Abschneiden bei der Tournee eine tolle Reaktion.
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Selina Freitag gewann Silber von der Großschanze in Trondheim

Fotocredit: Getty Images

Bei den deutschen Frauen sorgte vor allem Selina Freitag für Furore, die bei der WM in Trondheim drei Medaillen holte und zum Saisonende auch noch Katharina Schmid von Gesamtweltcuprang zwei verdrängte. Wie bewerten Sie ihre Entwicklung?
Schmitt: Es war insgesamt eine super Saison vom Damenteam. Auch Agnes Reisch hatte beeindruckende Wettkämpfe. Selina hat sich zum richtigen Zeitpunkt in Topform präsentiert. Ihre Entwicklung ist fantastisch und noch nicht zu Ende, sie ist im besten Springerinnenalter und hat viele gute Jahre vor sich. Sie ist immerhin in der Nicht-Prevc-Wertung Erste geworden (lacht). Nikas Dominanz spricht einfach für sich, das muss man anerkennen. Jetzt wird das deutsche Team analysieren, wie die Lücke zu Nika geschlossen werden kann. Ich bin sehr optimistisch, dass das Damenteam sich auch in der Breite weiter etabliert und junge Springerinnen den Anschluss herstellen.
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Anzug-Skandal erschüttert Skisprung-Welt: Die Tragödie im Video

Quelle: Eurosport

Am Ende einer aufregenden Saison bleibt vor allem eines in Erinnerung, der Anzugskandal rund um das norwegische Team bei der WM. Mit einigen Wochen Abstand: Wie sehr hat das Image des Skispringens gelitten?
Schmitt: Die Untersuchung ist noch immer nicht abgeschlossen. Wir müssen abwarten, was am Ende dabei herauskommt. Rund um das Skispringen gab es in den vergangenen Wochen verständlicherweise eine negative Berichterstattung. Wir sind eine materialabhängige Sportart, das ständige Optimieren gehört dazu. Ein Formel-1-Auto sieht heute - wegen des technischen Fortschritts - anders aus als vor 30 Jahren. So ähnlich stellt sich die Sache auch beim Skispringen dar. Es sind kreative Köpfe da, die sich Gedanken machen, das Material innerhalb des Reglements zu verbessern. Das ist eine Gratwanderung, es gibt nicht nur Schwarz und Weiß. Die Norweger sind aber in diesem Fall eindeutig zu weit gegangen. Sie haben sich nicht am Rande des Reglements bewegt, sondern sie haben die Grenze wissentlich überschritten. Das muss sanktioniert werden.
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Jan Erik Aalbu gab auf einer PK die bewusste Manipulation zu

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An welchen Stellschrauben muss gedreht werden, damit der Sport das Vertrauen zurückgewinnt?
Schmitt: Dass die Norweger sich trauen, in einer Wettkampfsituation so weit zu gehen, zeigt, dass die Grenze im Reglement zu schwach definiert wurde. Wenn ich die Nasenspitze aus dem Fenster herausstecke und merke, dass der kalte Wind mir um die Nase weht, mache ich es wieder zu. Die Norweger haben den ganzen Kopf herausgestreckt und das Fenster offengelassen (lacht). Wenn es der FIS gelingt, das Reglement klarer durchzusetzen, dann wird es diese Exzesse wie in Trondheim nicht mehr geben. Der Spielraum muss verkleinert werden - und die Teams sind gefordert, diese Grenzen zu akzeptieren.
Welche Chancen bietet die lange Pause?
Schmitt: Die Chance für Veränderung ist groß. Die Akzeptanz bei den Teams ist hoch, weil es um die Zukunft der Sportart geht. Die Chance darf man nicht verstreichen lassen, es müssen die nötigen Veränderungen angestoßen werden.
Grundsätzlich, wenn Sie einen Blick auf diesen Winter werfen - welcher Springer hat Sie ganz besonders beeindruckt?
Schmitt: Ich könnte sagen, dass Pius Paschke am Anfang herausragend war, Daniel Tschofenig über den ganzen Winter und speziell bei der Vierschanzentournee, Andreas Wellinger bei der WM und Domen Prevc bei WM und Skifliegen - aber das wäre zu offensichtlich. Ich sage: Jan Hörl. Er hat für mich eine fantastische Saison absolviert, war oft sehr nah dran am ganz großen Coup. Er hat diese Saison total mitgeprägt und allen, die am Ende die großen Titel eingefahren haben, durchweg Paroli geboten.
Und was war Ihr Moment der Saison?
Schmitt: Domen Prevcs Weltrekord beim Skifliegen - einfach, weil es noch so aktuell ist. Aber gleichermaßen auch der Weltrekord seiner Schwester Nika.
Vielen Dank für das Gespräch.
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Prevc sets new world record with 236m ski jump

Quelle: Eurosport

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Die Siegerehrung: Weltrekordler Prevc gefeiert

Quelle: Eurosport


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