Werner Schuster im Eurosport-Interview: Deutscher Sieger bei Vierschanzentournee? "Pius Paschke hat alle Möglichkeiten"
Update 13/12/2024 um 08:57 GMT+1 Uhr
Pius Paschke hat einen sensationellen Start in die Skisprung-Saison erwischt. Der 34-Jährige lässt die deutschen Fans träumen - und zwar vom lang ersehnten Sieg bei der Vierschanzentournee. "Wenn man mit dem Gelben Trikot nach Oberstdorf kommt - warum sollte man es dann nicht schaffen?", sagt Eurosport-Experte Werner Schuster. Eine mentale Hürde gebe es aber für Paschke, so der Ex-Bundestrainer.
Paschke nach Sieg begeistert: "Heute war Wahnsinn"
Quelle: Eurosport
Drei Siege, 96 Punkte Vorsprung auf seinen ersten Verfolger und das Gelbe Trikot - Pius Paschke dürfte sich zurzeit wie in einem Traum vorkommen. Doch sein märchenhafter Höhenflug ist tatsächlich Realität.
"Die Geschichte ist noch nicht auserzählt und trotzdem ist sie bereits jetzt eine der faszinierendsten", schwärmt Werner Schuster im Exklusiv-Interview mit Eurosport.de von Paschke. "Er ist ein unglaubliches Vorbild und zeigt, wie viel mit einer gewissen Beharrlichkeit möglich ist."
Nach den Weltcup-Wochenenden in Titisee-Neustadt (13. bis 15. Dezember) und Engelberg (20. bis 22. Dezember jeweils live und on-demand bei discovery+) fällt zum Jahresende der Startschuss für die Vierschanzentournee, bei der Überflieger Paschke seinen Traumstart vergolden könnte.
Dafür muss der gebürtige Münchner laut Schuster aber eine mentale Hürde überwinden und braucht darüber hinaus Unterstützung seitens seiner DSV-Kollegen Andreas Wellinger und Karl Geiger. "Wenn wir einen deutschen Sieger sehen wollen, wäre es von Vorteil, wenn der Druck nicht auf zwei Schultern, sondern auf mehreren verteilt ist", erklärt der 55-Jährige, der von 2008 bis 2019 deutscher Bundestrainer war.
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Werner Schuster arbeitet als Skisprung-Experte für Eurosport
Fotocredit: Eurosport
Der Blick auf den Gesamtweltcup der Herren ist aus deutscher Sicht erfreulich: Pius Paschke steht mit 96 Punkten Vorsprung an der Spitze, hat bei den ersten drei Weltcup-Stationen drei Einzelsiege eingefahren. Wie kann man diesen Saisonstart in Worte fassen?
Werner Schuster: Grandios! Auf den ersten Blick kommt es etwas überraschend. Wenn man aber einen genauen Blick darauf wirft, war er bereits im Herbst beim Sommer Grand Prix in Klingenthal der beste Deutsche. Die Entwicklung ist bei ihm zwar nicht die schnellste, aber sie geht stetig weiter. Im Moment hat er ein tolles System. Es ist faszinierend, wie stark er in den Wettkämpfen ist. Ich hoffe, er zieht es durch.
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Dritter Streich! Paschke wehrt die ÖSV-Angriffe in Wisla ab
Quelle: Eurosport
Wie kann man sich Paschkes plötzlichen Erfolg erklären?
Schuster: An einem bestimmten Punkt kann man es nicht festmachen. Die Geschichte ist noch nicht auserzählt und trotzdem ist sie bereits jetzt eine der faszinierendsten. Pius ist ein motorisch hochbegabter, junger Mann, der immer wieder gute Leistungen erbracht hat, dem aber nie der große Durchbruch gelang. Über die Jahre hinweg hat er unglaubliche Kämpferqualitäten entwickelt und ist stets drangeblieben, obwohl er lange keinen Platz an der Sonne hatte. Jetzt ist eine charakterliche Festigung eingetreten und durch seine stete Weiterentwicklung kommen nun seine Talente endlich zum Vorschein. Er ist ein unglaubliches Vorbild und zeigt, wie viel mit einer gewissen Beharrlichkeit möglich ist. Bei seinem ersten Weltcupsieg in der vergangenen Saison dachte man schon, dass es sein Höhepunkt sein könnte - jetzt hat er bereits vier Wettkämpfe gewonnen. Ich freue mich riesig für ihn.
Karl Geiger hat sich herangekämpft, ihm fehlt aber noch die Stabilität. Er steht an der Schwelle, alles wieder so wie früher hinzukriegen. Momentan sind seine Trainingssprünge aber noch zu schlecht. Man kann nicht immer von Platz 30 aufs Podest springen.
Die Geschichte könnte bei der Vierschanzentournee einen goldenen Höhepunkt erfahren. Wie weit dürfen die deutschen Träume gehen, oder anders gefragt: Hat Paschke das Zeug zum Tourneesieger?
Schuster: Es ist schwer zu sagen. Grundsätzlich hat er das Zeug dazu. Eine Sache ist für ihn im Kopf aber nicht leicht zu bewältigen: Bisher ist er noch nicht viele Tourneen gesprungen. Pius ist spät in die nationale Gruppe gekommen, das war vor sechs Jahren. Und die Tourneen, die er gesprungen ist, hat er nicht mit sonderlich starken Ergebnissen absolviert. Wenn man aber mit dem Gelben Trikot nach Oberstdorf kommt - warum sollte man es dann nicht schaffen? Der bisherige Leistungsnachweis von Pius ist so immens, dass er definitiv alle Möglichkeiten hat. Es würde ihm natürlich helfen, wenn Andreas Wellinger und Karl Geiger noch in Form kommen würden. Wenn wir einen deutschen Sieger sehen wollen, wäre es von Vorteil, wenn der Druck nicht auf zwei Schultern, sondern auf mehreren verteilt ist.
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Pius Paschke hat einen optimalen Saisonstart erwischt
Fotocredit: Getty Images
Wellinger und Geiger hatten jeweils in Ruka einen Ausreißer nach oben, ansonsten wollte der Knoten nicht platzen. Was fehlt dem Duo bislang?
Schuster: Die beiden sind unterschiedlich zu bewerten. Hinter Wellinger liegt ein produktives Training und er war - so hört man aus internen Kreisen - in der Vorbereitung sogar noch stärker als Paschke. Daher war die Erwartungshaltung sehr hoch, diese konnte er aber nicht erfüllen. In Ruka hat man allerdings gesehen, dass eine gute Grundlage vorhanden ist. Ich denke mir, das könnte in naher Zukunft funktionieren. Karl hat sich hingegen herangekämpft, ihm fehlt aber noch die Stabilität. Er steht an der Schwelle, alles wieder so wie früher hinzukriegen. Momentan sind seine Trainingssprünge aber noch zu schlecht. Man kann nicht immer von Platz 30 aufs Podest springen. Wenn er sein Trainingsniveau anhebt, kann er wieder ganz vorne mitmischen. Mit seiner Konzentration und seiner mentalen Power macht er gerade starke Wettkampfsprünge, aber er muss sein Grundniveau noch ein bisschen heben.
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Dynamischer Geiger segelt in Wisla in die Top Ten
Quelle: Eurosport
Die Rückkehr von Markus Eisenbichler in den Weltcup hat sich bisher sehr durchwachsen gestaltet. Einmal in den Top 10, davor musste er deutliche Kritik von Bundestrainer Horngacher hinnehmen. Kann man bei Eisenbichler eine Fehlerquelle benennen?
Schuster: Man merkt, dass er bei einzelnen Sprüngen wieder ein richtig gutes Niveau zeigt. Aber die Konstanz lässt er noch vermissen. Dieser Prozess ist bei älteren Springern aber keineswegs untypisch. Es ist notwendig, dass er seine Kräfte besser bündelt und die Dinge mehr auf den Punkt bringt. Damit er da ist, wenn es zählt. Wenn ihm das gelingt, wird er sehr, sehr wertvoll für das Team sein.
Die Slowenen überraschen mich, die waren einmal eine große Skisprungnation. Dort scheint es durch die Materialänderung vor zwei Jahren einen kleinen Bruch gegeben zu haben.
Ein Blick auf den Gesamtweltcup verrät, dass Nationen wie Slowenien und Polen mit Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Österreich erstrahlt hingegen in neuem Glanz. Wie verfolgen Sie diese Entwicklung?
Schuster: Österreich verfügt aktuell über das stärkste Team und hat viele junge Springer, die nachdrücken. Auch Deutschland hat wieder einmal gute Arbeit geleistet. Bei den Norwegern blitzt Leistungsstärke auf, aber die kommen noch nicht so recht in Schwung und wirken etwas übermotiviert. Und die anderen Nationen kämpfen zurzeit. Gerade Polen muss den Übergang schaffen und die jungen Athleten Pawel Wasek und Aleksander Zniszczol sollten allmählich Verantwortung übernehmen. Bislang konnten sie sich immer hinter Kamil Stoch, Dawid Kubacki und Piotr Zyla verstecken, jetzt müssen sie ins erste Glied rücken. Die Slowenen überraschen mich selbst, die waren einmal eine große Skisprungnation. Dort scheint es durch die Materialänderung vor zwei Jahren einen kleinen Bruch gegeben zu haben. Anze Lanisek und Timi Zajc sind relativ weit vorn, die anderen hingegen wirklich weit weg. Die Abwesenheit von Peter Prevc könnte auch eine Rolle spielen. Wer weiß, was er alles für die Mannschaft geleistet hat.
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Drei Lehren aus Wisla: Liebe Kampfrichter, da müsst ihr nochmal ran
Quelle: Eurosport
Rund um die neue Regel zur Telemark-Landung gab es im Vorfeld der Saison große Aufregung. Wie blicken Sie auf die Änderung?
Schuster: Ich bin enttäuscht - vor allem wegen der Umsetzung. Das war viel Lärm um nichts, ein Sturm im Wasserglas. Man hat eine größere Differenzierung und härtere Strafen angekündigt. Im Moment sehe ich aber nur, dass die Punkte ein wenig gesenkt wurden. Zudem handeln auch noch nicht alle Richter konsequent nach dem neuen Regelwerk.
Für eine Verbesserung der Situation muss also einheitlicher agiert werden?
Schuster: Es kommt darauf an. Ich sehe die Anforderungen an die Sprungrichter sehr kritisch. Man überfordert die Menschen. Der Sprung dauert immer gleich lang, der Athlet ist fünf bis sechs Sekunden in der Luft. Die Checkliste, die dabei eigentlich abgearbeitet werden müsste … das ist unmenschlich. Das führt etwas zu Unsicherheit. In dieser Hinsicht tun mir die Richter leid. Die Vorgaben, die sie vom Komitee bekommen, sind nur schwer umzusetzen.
Es ist schön zu sehen, mit wie viel Freude die deutschen Frauen gesprungen sind. Wenn sie so weitermachen, werden sie noch einige Erfolge feiern.
Die neue Anzugregel wurde vor dem Winter ebenso kritisch beäugt. Was ist Ihr Eindruck? Wird es bei der Tournee noch famose "Wunderanzüge" geben?
Schuster: Das glaube ich nicht, solange der Kontrolleur weiterhin eine so strenge Linie fährt wie bisher. Die großen Nationen haben nach wie vor mehr Ressourcen, das macht sich auch in dem schmalen Bereich der Entwicklung, der übrig bleibt, bemerkbar. Grundsätzlich ist das eine gute Geschichte. Gerade zu Beginn waren die großen Verbände skeptischer als die kleinen, allmählich arrangieren sie sich aber mit der Änderung. Wenn weiterhin so konsequent kontrolliert wird, ist das der richtige Weg.
Bei den Damen präsentieren sich Katharina Schmid und Selina Freitag besonders stark. Darf man nach den ersten Springen schon von einem deutschen Zweikampf im Gesamtweltcup träumen?
Schuster: Dafür ist es noch zu früh. Mit Heinz Kuttin haben sie einen neuen Trainer und sind meiner Meinung nach sehr gut zusammengewachsen. Speziell bei Katharina Schmid sieht man, wie viel Freude sie wieder am Skispringen hat. Das war ein toller Start. Aber auf Dauer sehe ich einige Springerinnen, die im Laufe der Saison wichtig werden. Da fällt mir Eirin Maria Kvandal ein, aber auch Lisa Eder oder Nika Prevc. Hier ist richtig Bewegung drin und das Niveau in der Spitze verdammt hoch. Da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Es ist aber schön zu sehen, mit wie viel Freude die deutschen Frauen gesprungen sind. Wenn sie so weitermachen, werden sie noch einige Erfolge feiern.
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Horngacher voll des Lobes für Paschke: "Auf einem super Weg"
Quelle: Eurosport
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