Willingen: Martin Schmitt ordnet Sturz von Timi Zajc ein - Kampf gegen den Wind "ein schmaler Grat"

Der Team-Mixed-Wettbewerb beim Weltcup in Willingen hat am Freitag spektakuläre Szenen zu Tage gebracht. Timi Zajc wurde in der Luft von einer Windböe erfasst und auf 161,5 Meter vertragen. Olympiasieger Martin Schmitt lobt den Slowenen im Interview mit Eurosport für seine ausgestrahlte Ruhe. Gleichzeitig verweist er aber auch darauf, dass der Weltverband nach den Szenen in Willingen handeln muss.

Windchaos in Willingen: Zajc stürzt bei unglaublichen 161,5 Metern

Quelle: Eurosport

Timi Zajc fliegt - und fliegt und fliegt und fliegt. Sage und schreibe 161,5 Meter sprang der Slowene am Freitagnachmittag beim Weltcup in Willingen. Während seines Flugs wurde Zajc von einer Windböe erfasst, welche ihn auf die unglaubliche Distanz davontrug. Bei der Landung kam der 22-Jährige aber aufgrund der schwierigen Bedingungen zu Sturz, verließ den Auslauf jedoch aus eigener Kraft.
Der ehemalige Skispringer Martin Schmitt weiß um die Schwierigkeit eines Sprungs unter derartigen Bedingungen. "Es ist ein ganz schmaler Grat, den man erwischen muss", schildert der Olympiasieger von 2002 im exklusiven Gespräch mit Eurosport.
Bei allem Respekt für die Routine, welche Zajc im Kampf gegen den Wind bewies, haben die Szenen von Willingen laut Schmitt gezeigt, dass die Verantwortlichen handeln müssen. "Speziell bei den Anzügen sieht man in dieser Saison, dass sich im Schrittbereich nach wie vor sehr viel Stoff befindet", so Schmitt. "Meiner Meinung nach muss da nachjustiert werden."
Das Interview führte Christoph Niederkofler
Herr Schmitt, in Deutschland herrscht zurzeit ein Sturmchaos. Sollte man ein Springen unter derartigen Bedingungen überhaupt durchführen? Oder hätte man es früher abbrechen müssen?
Martin Schmitt: Es ist natürlich immer das Bestreben da, dass man eine Wertung bekommt und den Durchgang abschließt. Lange hat es danach ausgesehen, dass die Jury nichts überstürzen und sich die Zeit nehmen möchte, den Wind gut für jeden Springer abzupassen. Beim Sprung von Timi Zajc hat man jedoch gesehen, dass es nicht kalkulierbar war und ihnen die Situation entglitten ist.
Was ging Ihnen in dem Moment durch den Kopf als Sie den Sprung gesehen haben? Als Sie gesehen haben, dass der Springer runter will - aber nicht runter kann?
Schmitt: Das sind eben die Sprünge mit zu viel Aufwind am Hang. Timi Zajc ist ein Athlet, der diese Umstände nutzen kann. Natürlich ist das eine schwierige Situation. Werner Schuster hat das im Live-Kommentar bereits vor dem Sprung mit den Worten "Schnall dich an" angedeutet. Die Bedingungen waren schon so, dass man erwarten konnte, dass es sehr, sehr weit geht. Ich hatte zwar nie einen so extremen Sprung, aber man kennt solche Situationen. Im Training reagiert man wahrscheinlich früher und nimmt etwas früher die Arme raus, da entscheiden Bruchteile einer Sekunde. Zajc macht das aber sehr gut, versucht den Sprung aufzumachen und vorne zu bleiben. Das Problem ist ja folgendes: Wenn man stärker aufmacht, dreht es dich nach hinten. Es ist also ein ganz schmaler Grat, den man erwischen muss.
Beim Aufmachen vergrößert man die Körperfläche und verringert die Geschwindigkeit. Dadurch kommt man zwar tendenziell schneller runter, aber es ist ein richtiger Balanceakt. Zajc kommt in einer leichten Rücklage auf, bleibt nicht ganz symmetrisch. Da wird die Energie, die in so einem Sprung drin ist, erkennbar. Bei seinem Sprung habe ich nur gedacht: "Mach auf" und "Ohje, hoffentlich geht das gut". Es geht ja alles verdammt schnell.
picture

Spektakel in Willingen: Sturz nach 154,5 Metern kostet Ito Schanzenrekord

Quelle: Eurosport

Was geht in einer solchen Situation im Kopf eines Skispringers vor? Schwingt da vielleicht auch etwas Angst mit?
Schmitt: Zajc ist im Wettkampfmodus und will da runter. An seiner Reaktion merkt man, dass er darin routiniert ist, weit zu springen.
Ich persönlich hatte im Jahr 2000 bei der Vierschanzentournee in Oberstdorf ein Erlebnis, das ein wenig in diese Richtung geht. Damals war Adam Malysz vor mir an der Reihe und verbesserte den Schanzenrekord um siebeneinhalb Meter. Eine Weite, die auf dieser Schanze überhaupt nicht für möglich gehalten wurde. Oben bekommt man aber keine Informationen und sieht nur, wie der Springer mit einer extremen Höhe hinter der Kuppe verschwindet. Ich habe mir natürlich Gedanken gemacht, auch etwas Angst gehabt, weil ich wusste, dass es extrem weit gehen wird. Aber man will ja gewinnen - also greift man an. Im Flug spürt man, wie einen die Luft packt und man höher und höher wird. An einem so schwierigen Tag wie gestern muss ein Athlet intuitiv reagieren. Ab einem bestimmten Punkt bekommt man aber natürlich Angst.
Was muss man aus diesem Wettkampf lernen und für die Zukunft umsetzen?
Schmitt: Es ist offensichtlich, dass man sich im Materialbereich regeltechnisch nicht dort befindet, wo man sein möchte oder sollte. Das ist für mich ziemlich eindeutig. Gestern war es für die Jury schwierig, die Situation einzuschätzen. Bei dieser Anlauflänge hat es im Vorfeld nur wenige weite Sprünge gegeben und es hat sich nicht abgezeichnet, dass es sich in diese Richtung entwickelt. Es gibt Wettkämpfe, bei denen man frühzeitig merkt, dass es zu viel Anlauf ist und man ohne Verkürzung leichtsinnig unterwegs wäre.
Willingen war hingegen ein gegenteiliges Beispiel. Damit Zajc bei diesen Bedingungen den Sprung durchfliegen und sicher landen hätte können, hätte man den Wettkampf fünf Luken tiefer starten müssen. Dann wären aber alle anderen Spitzenspringer, die etwas weniger Aufwind hatten, überhaupt nicht ins Fliegen gekommen. Das wäre ein extrem unansehnlicher Wettkampf gewesen. Das zeigt, dass mit dem momentan genutzten Material bei diesen Bedingungen fast nicht gesprungen werden kann. Da müssen sich die Verantwortlichen Gedanken machen, wie sie da eingreifen wollen. Speziell bei den Anzügen sieht man in dieser Saison, dass sich im Schrittbereich nach wie vor sehr viel Stoff befindet. Die diesbezüglichen Regeländerungen haben nicht den gewünschten Effekt gebracht. Meiner Meinung nach muss dort und vielleicht auch im Schuh-Bindungsbereich nachjustiert werden.
picture

Sieg oder Valhalla: Granerud bändigt den Kulm zum zweiten Mal

Quelle: Eurosport

Mehr als 3 Mio. Sportfans nutzen bereits die App
Bleiben Sie auf dem Laufenden mit den aktuellsten News und Live-Ergebnissen
Download
Diesen Artikel teilen
Werbung
Werbung