Norwegisches Skisprung-Team betrügt mit Anzug-Manipulation: Martin Schmitt fordert drakonische Strafen
Der Anzug-Skandal rund um das norwegische Team bei der Weltmeisterschaft in Trondheim hat die Skisprung-Welt erschüttert und den Ruf der Sportart massiv beschädigt. Eurosport-Experte Martin Schmitt erklärt im Gespräch mit Eurosport, welche Maßnahmen nun ergriffen werden müssen, um weiteren Betrügereien vorzubeugen beziehungsweise noch größeren Schaden von der Sportart abzuwenden.
Norwegens Sportchef Aalbu: "Wir haben bewusst betrogen"
Quelle: Eurosport
Schwarze Folie an den Fenstern, umgenähte Anzüge, aberkannte Medaille - was wie ein Sport-Krimi made in Hollywood anmutet, ist allerspätestens seit Norwegens Sportchef Jan Erik Aalbu am Sonntag vor die Presse trat, bittere Realität.
"Wir haben betrogen, wir haben versucht, das System auszutricksen", räumte der 61-Jährige im norwegischen Teamhotel in Trondheim ein: "Wir haben alle enttäuscht, die das Skispringen lieben."
Aalbu, der eigenen Angaben zufolge nichts von den Anzug-Manipulationen, die erst nach einem plötzlich aufgetauchten Video an die Öffentlichkeit geraten waren, gewusst haben will, ergänzte: "Das geht gegen alles, wofür ich stehe."
Trotz aller Reue, obwohl Aalbu bekräftige, dass lediglich beim Springen von der Großschanze betrogen worden sei und die beiden betroffenen Skisprung-Stars Marius Lindvik (holte Silber und wurde später disqualifiziert) und Johann Andre Forfang (wurde nach Platz fünf ebenfalls disqualifiziert) nichts von den Manipulationen gewusst hätten, liegt ein riesiger Schatten über der Weltmeisterschaft.
LINDVIK-Gold mit Geschmäckle
Denn: Dass Lindvik, der in dieser Saison bis dato nicht zwingend als Überflieger in Erscheinung getreten war, bei der WM von der Normalschanze zu Gold gesprungen war, erhält nach den Enthüllungen rund um die norwegische Mannschaft ein Geschmäckle.
Auch für den ehemaligen Weltklasse-Springer Martin Schmitt. "Das Vorgehen, das auf dem Video zu erkennen ist, legt den starken Verdacht nahe, dass nicht nur auf der Großschanze, sondern auch in anderen Wettkämpfen manipuliert wurde", sagt Schmitt im Gespräch mit Eurosport.
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Marius Lindvik (r.) verlor seine Silbermedaille auf der Großschanze
Fotocredit: Getty Images
Um zumindest diesen Vorwurf aus der Welt zu räumen, hätten die Norweger spätestens nach Bekanntwerden der konspirativen Näharbeiten laut Schmitt "alle Anzüge, die bei der WM verwendet wurden, der FIS zur Verfügung stellen müssen. Die Anzüge sind gechippt - man weiß, welchen Anzug Lindvik auf der Normalschanze verwendet hat."
Ob die Skandinavier dem Weltverband, der am Sonntag eine umfassende Untersuchung der Vorfälle ankündigte, Lindviks Weltmeister-Anzug übergeben haben, wurde in Aalbus Pressekonferenz nicht geklärt. Man wolle "bei der Aufklärung helfen", sagte der Sportchef, ohne konkret zu werden.
Schmitt begrüßt Chips
Fest steht: Das Skispringen hat enormen Schaden genommen - und das, obwohl das Chipping, das erst seit Beginn dieser Saison als Ersatz für die bisher verwendeten Plomben als Kontrollmittel dient, für mehr Transparenz sorgen sollte.
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Schmitt-Analyse zum Anzugskandal: "Hier wird aktiv versucht zu manipulieren"
Quelle: Eurosport
"Insgesamt war es sehr positiv, die Anzüge zu chippen. Das war auf lange Sicht ein guter Schritt", zieht Schmitt Bilanz: "Es löst aber eben nicht alle Probleme. Es hat viele Diskussionen gegeben, bei der WM ist es traurigerweise eskaliert."
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Eurosport-Experte Martin Schmitt
Fotocredit: Eurosport
Gerade weil das Chipping die Möglichkeit biete, rückwirkend nachzuvollziehen, was in den jeweiligen Wettkämpfen geschehen ist, sieht Schmitt in der Methodik viel Positives: "Das Chipping ist ein Supertool. Aber es muss auch entsprechend genutzt werden. Alle Beteiligten müssen in die Pflicht genommen werden und die Regeln akzeptieren."
Schmitt fordert härtere Strafen bei Vergehen
Doch - um eine Parallele zum Fußball zu ziehen - so wenig der VAR die Diskussionen um Handspiel, rotwürdige oder elfmeterreife Fouls eingrenzen konnte, so wenig trug die Umstellung auf Mikrochips im Skispringen ganz offensichtlich dazu bei, Mogeleien und Materialdebatten ad acta zu legen.
"Das Material wird immer eine große Rolle spielen, weil der Einfluss zu groß ist", prophezeit Schmitt. Er ergänzt: "Man wird immer versuchen, ein Optimum zu finden. Es muss aber eine klare Grenze und klare Konsequenzen geben, wenn diese Grenze überschritten wird."
Was Schmitt genau meint: Ein Umdenken in puncto Strafen, deutlich härtere Sanktionen. "Die bisherigen Strafen schrecken offenbar nicht genug ab. Dass man für betrügerisches Verhalten nur für ein Springen oder - wie bei der Nordischen Kombination (auch hier wurde ein Norweger wegen Manipulationsverdacht disqualifiziert, Anm. d. Red.) - nur für einen Durchgang bestraft wird und trotzdem eine Medaille gewinnen kann, darf eigentlich nicht sein."
Dementsprechend müsse über "härtere Strafen" nachgedacht werden, "vor allem, wenn es sich um wiederholte Regelverstöße handelt."
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Norwegens Sportchef redet sich raus: "Ich habe nichts gewusst"
Quelle: Eurosport
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