Nordische Ski-WM - Werner Schuster exklusiv: Warum die kleine Schanze die große Hoffnung für die DSV-Adler ist
Update 27/02/2025 um 13:22 GMT+1 Uhr
Die DSV-Adler reisen mit schwachen Vorleistungen zur Nordischen Ski-WM nach Trondheim, die Ergebnisse bei der Generalprobe in Sapporo waren historisch schlecht. Werner Schuster sucht im Interview nach Gründen und nach einer Hoffnung für die deutschen Skispringer um Pius Paschke und Andreas Wellinger. Deutlich mehr traut der Eurosport-Experte den deutschen Frauen zu, die sich in Topform befinden.
DSV-Lichtblick in Sapporo: Wellinger dennoch enttäuscht
Quelle: Eurosport
Selina Freitag feierte zuletzt fünf Podestplätze in Serie, Katharina Schmid liegt auf dem zweiten Platz in der Weltcup-Gesamtwertung. "Die Frauen haben mit Heinz Kuttin in diesem Jahr sehr gute Arbeit geleistet", sagte Schuster im Exklusiv-Interview mit Eurosport.
Die Männer müssen sich für das Ziel einer Einzelmedaille deutlich mehr strecken. In Sapporo befand sich bei dem ersten Springen kein Deutscher unter den besten 20, im zweiten Springen rettete Andreas Wellinger die deutsche Skispringer-Ehre als Neunter. Der Überflieger des ersten Saisondrittels, Pius Paschke, verpasste dabei sogar den zweiten Durchgang.
"Die Aussichten sind nicht sehr rosig", sagte Schuster, der trotzdem eine Medaille zum Ziel erklärt: "Top-Ten-Plätze zu sammeln, darf nicht der Anspruch des DSV sein".
Im exklusiven Interview spricht der ehemalige Bundestrainer über die besten Chancen für die Skispringer, über die Stellschrauben, an denen das Trainerteam noch drehen konnte und über seine Favoriten bei der WM.
Mit der Nordischen Ski-WM in Trondheim steht eines der Saison-Highlights an. Die DSV-Adler sind aktuell nicht in Topform. Seit der Vierschanzentournee zeigt die Formkurve nach unten. Was trauen Sie den deutschen Skispringern in Norwegen zu?
Werner Schuster: Die Ergebnisse sprechen tatsächlich nicht für große Zuversicht. Man sieht, wie schnell es im Skispringen gehen kann: Nach einem fulminanten Saisonstart folgten große Schwierigkeiten, insbesondere bei Pius Paschke. Die Aussichten sind nicht sehr rosig, aber die große Chance für das deutsche Team liegt zum Auftakt auf der 90-Meter-Schanze. Auch bei der WM in Planica vor zwei Jahren konnte der DSV dort zwei Medaillen gewinnen. Gerade die absprungstarken Springer wie Karl Geiger, Andreas Wellinger und Philipp Raimund können für eine Überraschung sorgen. Natürlich würde man lieber mit einer ordentlichen Portion Selbstvertrauen zu einem Großereignis fahren, aber gerade auf der kleinen Schanze traue ich den Athleten einiges zu. Auch das Trainerteam hat die Möglichkeit, nach einer guten Vorbereitung die richtigen Weichen zu stellen.
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Zuletzt zeigte die Formkurve der DSV-Adler vor der WM In Trondheim bergab
Fotocredit: Getty Images
Was sind aus Ihrer Sicht die Gründe für diesen Einbruch und ist es möglich, sich in so kurzer Zeit wieder aus einem solchen Loch zu befreien? An welchen Stellschrauben kann man z.B. in einem Trainingslager vor der WM noch drehen?
Schuster: Die Gründe sind sicher vielfältig, und man muss die Situation differenziert betrachten. Bei Pius ist es tatsächlich sonderbar – es war schon überraschend, dass er so gut in die Saison gestartet ist, ebenso merkwürdig ist sein plötzlicher Leistungsabfall. Sein Sprungstil ist immer am Limit. Beim Absprung steht es auf Messers Schneide, ob er Wirkung entfalten kann oder nicht, und aktuell kommt er aus der Negativspirale nicht heraus. Andreas Wellinger springt stabil um den zehnten Platz herum, Philipp Raimund zeigt sich recht inkonstant, und Karl Geiger hat eher Schwächen in der Flugphase. Diese werden auf der kleinen Schanze aber weniger ins Gewicht fallen. Hinzu kommt eine gewisse Unzufriedenheit im deutschen Team mit der Materialsituation.
Ich war in Oberstdorf beim Skiflug-Weltcup vor Ort und habe festgestellt, dass die Stimmung der Teams untereinander geprägt ist von Skepsis und Missgunst. Man traut einander nicht, was die Einhaltung der Regeln betrifft. Hier ist auch die FIS gefordert.
Seit 2015 holten die deutschen Springer bei jeder Nordischen Ski-WM mindestens zwei Einzelmedaillen. Von solchen Erfolgen scheint das Team momentan weit entfernt. Wann wäre es aus Ihrer Sicht eine gute WM?
Schuster: Das Ziel muss eine Medaille sein – das ist auch die klare Vorgabe des Verbands. Einfach wird das nicht. Vielleicht kann es mit Unterstützung des Frauen-Teams funktionieren, die aktuell sehr gut in Form sind. Im Mixed-Wettbewerb gehört Deutschland zu den Medaillenkandidaten. In den Einzelwettbewerben und im Team wird es für die Männer aufgrund der bisherigen Saisonleistungen allerdings schwer. Es kann durchaus passieren, dass man diesmal leer ausgeht. Aber das Team wird sich dagegen wehren, und mit einem guten Training sowie einem starken Start in die WM ist vieles möglich.
Das Ziel darf nicht sein, einfach nur Top-Ten-Plätze zu sammeln – der Anspruch muss höher sein.
Die Schanzen in Trondheim wurden für die WM komplett neu gestaltet. Was zeichnet diese Anlagen aus und wem könnten sie besonders entgegenkommen?
Schuster: Die beiden Schanzen sind sehr unterschiedlich. Auf der Großschanze kommt es vor allem auf die Geschwindigkeit an – man muss direkt in einen guten Vortrieb kommen. Das liegt den Österreichern besonders gut, es entspricht genau dem Stil von Jan Hörl, Stefan Kraft oder Daniel Tschofenig. Sie haben dort im vergangenen Jahr einen Vierfachsieg gefeiert. Auch für die Norweger mit Marius Lindvik und Johan André Forfang ist diese Schanze ideal. Zudem hat mich Ryoyu Kobayashi in Sapporo beeindruckt – die große Schanze kommt eher den Fliegern entgegen. Die kleine Schanze hingegen ist für starke Abspringer gemacht. Wenn die Form stimmt, dann ist das aus meiner Sicht eine Wellinger-Schanze. Die Stärken des deutschen Teams liegen definitiv eher auf der kleinen Schanze.
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Nächster Heimsieg: Kobayashi springt zum Doppelsieg in Sapporo
Quelle: Eurosport
Die Österreicher dominieren seit der Vierschanzentournee den Weltcup fast nach Belieben. Was machen sie so viel besser als alle anderen Nationen?
Schuster: Sie mussten zwar ein wenig warten, aber es ist ihnen gelungen, die nächste starke Generation aufzubauen.
Was Tschofenig und Hörl in diesem Jahr zeigen, ist schon außergewöhnlich. Sie sind top ausgebildet, haben einen idealen Körperbau fürs Skispringen und bringen eine herausragende Athletik und Technik mit.
Das Zusammenspiel mit den erfahrenen Athleten wie Michael Hayböck und Stefan Kraft sorgt für eine unglaubliche Dynamik im Team. Die Jungen haben die Zukunft noch vor sich, und die Älteren haben den Konkurrenzkampf angenommen. Diese Wechselwirkung fehlt dem deutschen Team aktuell ein wenig. Hinzu kommt bei den Österreichern derzeit eine exzellente Teamführung.
Wer zählt abgesehen von den Österreichern noch zu den Topfavoriten?
Schuster: Neben Österreich und Norwegen sind Anže Lanišek und Kobayashi zu nennen, der sich wieder seiner Topform annähert. Die Polen befinden sich in einer ähnlichen Situation wie die deutschen Springer – sie bleiben hinter den eigenen Erwartungen zurück. Aber Paweł Wąsek gefällt mir ganz gut. Er ist absprungstark und zeigt einen sauberen Telemark. Auf der kleinen Schanze könnte er etwas erreichen. Generell spielen die Vorleistungen eine große Rolle, sodass Überraschungen eher selten sind. Eine kleine Schanze gab es in diesem Weltcup-Winter noch nicht – da könnte es durchaus eine Überraschung geben. Auf der Großschanze halte ich das hingegen für nahezu ausgeschlossen.
Bei den deutschen Frauen sieht es im Vergleich zu den Männern ganz anders aus. Katharina Schmid ist Zweite und Selina Freitag Dritte im Gesamtweltcup. Können die Frauen aus DSV-Sicht zu den "Retterinnen" der WM werden?
Schuster: Die Frauen haben mit Heinz Kuttin in diesem Jahr sehr gute Arbeit geleistet. Mit Agnes Reisch ist zudem eine dritte starke Athletin neu dabei. Sie können in ihren Einzelwettbewerben etwas erreichen und auch eine entscheidende Rolle im Mixed-Springen spielen. Das Frauen-Skispringen ist derzeit sehr spannend, weil es breiter aufgestellt ist als bei den Männern – mehr Nationen sind vorne mit dabei. Aber es gibt auch ein paar Fragezeichen. Die Norwegerinnen haben die vergangenen Wettkämpfe ausgelassen, sind vom Verletzungsteufel geplagt. Aus deutscher Sicht ist auf jeden Fall eine Medaille drin.
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Breites Grinsen: Freitag springt auf Rang zwei
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