Higgins noch nicht reif fürs Altenteil

"Das Feuer brennt noch", sagt Snooker-Experte Rolf Kalb über John Higgins, der auch im Alter von 40 Jahren noch den unbedingten Siegeswillen besitzt.

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Die Australian Open, das war der 27. Streich von John Higgins. Nun hat er also genau so oft bei Ranglisten-Turnieren triumphiert wie sein Altersgenosse Ronnie O’Sullivan. Als Michael O’Dwyer, der Master of Ceremonies in Bendigo, ihn daran erinnerte, dass er sein erstes Turnier als Profi vor 21 Jahren in Melbourne gewonnen habe (allerdings ein inoffizielles Turnier), meinte Higgins mit einem Augenzwinkern: "Und dies hier ist vielleicht mein letztes." Klar: Mit seinen 40 Jahren weiß John Higgins, dass er mehr Turniere gewonnen hat als er noch gewinnen wird. Aber das befähigt ihn immer noch zum großen Wurf. Schließlich hat er in Australien nach den Welsh Open seinen zweiten großen Titel in diesem Jahr geholt. Stephen Hendry zum Beispiel hat das nicht geschafft.
Higgins hat natürlich noch immer seine spielerischen Qualitäten, auch wenn er die nicht mehr so regelmäßig auf den Tisch bringt wie früher. Aber abschreiben darf man ihn nicht. Sein Breakbuilding ist noch immer herausragend, seine Splits eine Augenweide, sein Allroundspiel der Maßstab für viele und sein Matchplay eine Macht. Aber da kommt noch was anderes hinzu: Er hat noch den Biss. Der hat Stephen Hendry vielleicht gefehlt, als sein Spiel schwächer wurde. Nicht so beim "Wizard of Wishaw". Der will gewinnen, und er legt alles in jeden einzelnen Ball. Gerade bei seiner 89 im Entscheidungsframe gegen Martin Gould war das sehr schön zu beobachten. Das Feuer brennt noch. Nur mit diesem unbedingten Willen hat man das Zeug zum Champion. Higgins hat es; das Altenteil muss noch auf ihn warten.
Hut ab vor Martin Gould
Die Leistung von Martin Gould kann aber auch nicht hoch genug eingeschätzt werden. Auch wenn er sich am Ende als zweiter Sieger begnügen musste: Auch er hat gezeigt, dass er das Zeug zum Champion hat. Hätte er gewonnen (und unverdient wäre es nicht gewesen), dann hätten sich sehr, sehr viele mit ihm und für ihn gefreut. Aber da stand ihm halt ein Higgins in Top-Form im Weg.
Trotzdem: Dass das Finale von Bendigo wirklich ein großes Endspiel war, daran hatte Gould entscheidenden Anteil. Aber nicht erst im Finale, sondern schon über die ganze Woche hat er Top-Snooker in Serie gezeigt und mit seinem flüssigen und sicheren Lochspiel begeistert. 29 Frames hat er in Bendigo gewonnen und dabei in 20 dieser Frames ein Break von 50 oder mehr Punkten gespielt. Klar, dass er mit fünf Centuries auch die meisten Hunderter-Breaks der Australien-Woche geschafft hat.
Plan B fehlt
Wenn sein aggressives Lochspiel funktioniert, dann ist Gould eine Macht. In der Form von Bendigo wäre er immer und überall einer der Titel-Aspiranten. Nur kommen die Bälle halt nicht immer so gut oder so sicher. Das ist sein Manko. Dann nämlich hat er kein B-Spiel, mit dem er trotzdem noch etwas bewegen kann. Das ist etwas, was Spieler wie Mark Selby, Neil Robertson oder eben auch Higgins ihm voraus haben. 33 Jahre ist Gould jetzt alt. Wer sagt, dass er sich nicht auch noch weiterentwickeln kann. In den letzten eineinhalb Jahren hat er ja auch Riesenschritte gemacht.
Das erste Ranglisten-Turnier der neuen Saison ist damit Geschichte. Mir haben die Australien Open wieder einmal viel Spaß gemacht. Ich finde, dieses Turnier ist eine Bereicherung für die Tour. Und vor allem hat es Appetit auf mehr gemacht. Der nächste Event, den wie auf Eurosport übertragen, sind die Riga Open, das erste Turnier der European Tour, ab dem 31. Juli.
Vielen Dank für die Australian Open und herzliche Grüße
Ihr / Euer Rolf Kalb (Twitter:
)
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