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Kontroverse um Ronnie O’Sullivan: Foul gemerkt oder nicht?
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Publiziert 20/10/2018 um 12:09 GMT+2 Uhr
Unstrittig ist, dass Ronnie O’Sullivan im sechsten Frame seines Viertelfinales gegen Luo Honghao beim English Open eine Rote gefoult hat. Und unstrittig ist auch, dass Schiedsrichterin Tatiana Woollaston das Foul nicht bemerkt und deshalb auch nicht geahndet hat. O’Sullivan konnte daher sein Break fortsetzen und schaffte mit einer Serie von 73 Punkten den wichtigen Ausgleich zum 3:3.
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Fotocredit: Eurosport
Dann ist es aber auch schon vorbei mit der Einigkeit. Sofort gingen in den sozialen Medien die Diskussionen los: Warum hat Ronnie das Foul nicht selber angezeigt, wie es ja eigentlich selbstverständlich ist? Hat er die Berührung gemerkt oder nicht? Kann er sie gemerkt haben?
Die Wahrheit kennt natürlich nur Ronnie O’Sullivan selber. Als ihm das Video nach dem Match in der Eurosport-Studioanalyse vorgespielt wurde (auch da hat er beim ersten Ansehen das Foul gar nicht gesehen), da gab er sich entsetzt und beteuerte, die Berührung nicht gemerkt zu haben: "Warum habt Ihr nicht sofort das Spiel gestoppt?" Das, lieber Ronnie, geht nun nicht: Journalisten berichten, sind aber keine handelnden Personen im Rahmen ihrer Berichterstattung.
Hat O'Sullivan den Stoß gespürt?
Was war passiert? Ronnie hatte einen Ball mit dem Hilfsqueue gespielt, seine Augen verfolgten, ob der Ball fiel. Als er dann die weitere Bewegung auf dem Tisch bemerkte riss er hektisch das Hilfsqueue mit dem aufliegenden Queue weg und versuchte gleichzeitig, das Hilfsqueue hochzuheben, um alle Geräte möglichst schnell aus der Gefahrenzone zu entfernen.
Dabei touchierte er einen roten Ball, der sich deutlich bewegte. Die Bilder zeigten aber auch, dass er in diesem Moment gar nicht auf seine Queuespitze schaute.
Bleibt also die Frage, ob er den Kontakt in der Hand gespürt hat oder nicht. Normalerweise spürt man, wenn das Queue einen Ball touchiert. Das hier war aber eine besondere Situation: Das Queue ruhte auf dem Hilfsqueue, die Last lag auf und in der Hand, mit der er versuchte, die Konstruktion hochzureißen. Die andere Hand sorgte nur dafür, dass das Queue nicht aus der Halterung rutschte.
Die Berührung passierte in einem Moment, als alles in Bewegung war. Da ist ein solch leichter Kontakt nicht unbedingt zu spüren, wenn man seine Aufmerksamkeit auf etwas anderes richtet.
Noch nie betrogen
Ronnie O’Sullivan wird unter den Fans ja durchaus kontrovers gesehen. Auch ich habe ihn bei einigen Gelegenheiten kritisiert. In diesem Fall und angesichts dieser Umstände nehme ich Ronnie aber seine Beteuerungen ab, die Berührung nicht bemerkt zu haben. Angesichts der Umstände ist seine Beteuerung schlüssig.
Ich kenne ihn ja auch ein bisschen. Seine Reaktion und sein Entsetzen habe ich ihm deshalb durchaus abgenommen. Man kann über Ronnie denken was man will: Am Tisch hat er nie betrogen, diesbezüglich hat er sich immer als vorbildlicher Sportler gezeigt. Das hat ja auch sofort eine Vielzahl von Spielern, darunter auch viele Top-Spieler, auf Twitter betont und sind für ihn in die Bresche gesprungen.
Sofort wurde auch der Stab über Tatiana Wollaston gebrochen, die Schiedsrichterin. Natürlich hat sie einen Fehler gemacht (und für mich auch Andy Yates als Marker, der ja hätte eingreifen können). Da muss ich Tatiana in Schutz nehmen. Kein Mensch ist in der Lage, alles im Blick zu haben, was auf dem riesigen Tisch (und darunter) passiert.
Fehler passieren
Ein Schiedsrichter konzentriert sich also auf die neuralgischen Punkte, an denen ein Foul passieren könnte. Und bei der vielen Bewegung auf dem Tisch musste sie ja schon viel im Blick haben. Der Fehler wird sie selber am meisten ärgern, aber das ist kein Grund für harsche Kritik.
Fehler und Fehlentscheidungen passieren. Das gilt nicht nur für Snooker (da passiert sogar noch verhältnismäßig wenig), sondern das gehört zum Sport dazu. Man muss damit leben. Die Welt ist eben nicht perfekt, und die Menschen sind es auch nicht. Und die Frage, was passiert wäre, wenn das Foul geahndet worden und Luo an den Tisch gekommen wäre, ist obsolet. Damit, dass das Foul nicht gegeben wurde, sind Tatsachen geschaffen worden. Das muss man akzeptieren, auch wenn es vielleicht nicht schön ist.
Herzliche Grüße
Ihr / Euer Rolf Kalb
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