Snooker-WM 2019: Judd Trump und das Finale der offenen Münder

Am Ende konnte er selber kaum glauben, was er geleistet hatte. Judd Trump war nicht nur überwältigt, weil er das erste Mal Weltmeister geworden war. Er war vor allem ungläubig ob der Art und Weise, wie er das erreicht hatte. Und damit steht er nicht alleine da. Auch mir blieb so manches Mal der Mund offen stehen, und das ging auch vielen anderen so. Es war atemberaubend.

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Suchen Sie sich irgendeinen Superlativ aus. Er passt auf jeden Fall.
Ich kann mich nicht daran erinnern, jemanden jemals über eine so lange Distanz auf derartigem Niveau spielen gesehen zu haben. Vom ersten bis zum letzten Ball war das über die gesamten 27 gespielten Frames eine brillante Leistung, beinahe fehlerfrei. John Higgins als das Opfer kam erkannte das denn auch ohne alle Vorbehalte an: "Der war nicht zu stoppen. Ich konnte nichts machen."

Trump hat es endlich allen bewiesen

Nachdem Judd Trump in diesem WM-Finale die Gewissheit gewonnen hatte, dass sein Lochspiel sicher war, griff er teilweise auch wieder auf das "freche Snooker" vergangener Zeiten zurück. Aber er setzte es eben nicht mehr so wild ein wie bei seiner Endspiel-Premiere im Crucible Theatre vor acht Jahren, sondern dosiert, an den richtigen Stellen und auch immer im Auge habend, die Risiken gering zu halten.
Das hat blendend funktioniert. Die Behandlung und Kontrolle des Spielballes war atemberaubend. Und auch sein Safe-Spiel hatte eine überragende Qualität. Gleich mehrfach spielte er Safeties, bei denen Higgins gar nicht anders konnte, als ihm eine Chance liegen zu lassen. Das war absolut faszinierend. Noch einmal ein Lob von Higgins:
Mit dem Triumph ist Trump jetzt auch eine große Last von den Schultern genommen. Wie oft hat er sich fragen lassen müssen, ob er das Zeug für den größten Titel in der Snooker-Welt hat. Er hat, und wie. Die Kritiker sind in die Schranken verwiesen. Das lässt ihn demnächst natürlich auch unbelasteter aufspielen.
Seinem Spiel kann das natürlich nur gut tun. Über lange Jahre war er ein sehr guter Spieler und ein großes Talent, aber zu den ganz Großen fehlte ihm noch was. Die Lücke hat er geschlossen.

Trumps Ankündigung klingt wie eine Drohung

Offensichtlich hat er die seine Situation gründlich und treffend analysiert, sicherlich auch gemeinsam mit seinem Umfeld. Und er hat die richtigen Schlüsse daraus gezogen. Wenn er in den Pantheon des Snooker kommen will, dann reicht es nicht, der Pin-Up-Boy des Snooker zu sein und spektakuläre Autos zu fahren.
Was er am Ende seiner Karriere hinterlässt, entscheidet sich eben auf dem Tisch. Die unwichtigen Dinge beiseite zu schieben, härter an seinen Qualitäten zu arbeiten und dafür zu sorgen, dass er mit seinem Bruder ständig eine Vertrauensperson an der Seite hat (auf die er auch hört), das war der Königsweg für ihn.
Seine Ankündigung, genauso weiter zu arbeiten, ist da beinahe schon eine Drohung für die Konkurrenten. Er wird jetzt allerdings nicht in jedem Match so spielen; auch ihn wird in der neuen Saison der Alltag wieder einholen.
Jetzt war es ja auch der Gegner, der ihn angespornt hat. Er wusste eben ganz genau, dass er ein WM-Finale gegen jemanden wie Higgins nur mit einer außergewöhnlichen Leistung gewinnen konnte. Das war ein Ansporn für ihn.

Higgins - Trump war eines der größten Matches

Für Higgins war es natürlich frustrierend: Er hat das dritte WM-Finale in drei Jahren verloren. Aber diesmal war er nicht so niedergeschlagen wie in den letzten beiden Jahren. Im Gegenteil: Er wirkte auf mich beinahe fröhlich. Er wusste eben, dass er zu einem ganz besonderen Match beigetragen hatte. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er deshalb nicht wieder in ein so tiefes Loch fallen wird. Und die Gedanken an ein Karriereende sind erst einmal weg; Das ist gut so.
Was Trump und Higgins uns in den letzten Tagen geliefert haben war nicht nur eines der größten Matches im Crucible, sondern eines der größten Matches in der Snooker-Geschichte. Ich bin glücklich, dass ich das miterleben und kommentieren durfte.
Herzliche Grüße
Ihr / Euer Rolf Kalb
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