Die WM 2020 war wohl die seltsamste Weltmeisterschaft, die ich je kommentiert habe. Aber das Wichtigste war, dass sie überhaupt stattgefunden hat! Alle bei der World Snooker Tour (WST) haben einen Riesenjob gemacht, um diese WM auf die Beine zu stellen; beim Finale sogar noch mit Publikum. Abgesehen davon gab es in den 17 Tagen von Sheffield neben Ronnie O’Sullivan noch weitere Gewinner.

Über den Triumph von Ronnie O’Sullivan und seine Besonderheiten hatte ich ja schon in meinem brandaktuellen Blog unmittelbar nach seinem Sieg geschrieben. Aber natürlich hat sich auch Kyren Wilson ein weiteres Mal ins Rampenlicht gespielt und das nicht nur, weil er das Finale erreicht hat.

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Klar: Im Endspiel haben wir nicht den echten Kyren Wilson gesehen. Aber Ronnie O’Sullivan hat ihn nicht von ungefähr gelobt. Er sei seinen Altersgenossen um Meilen voraus. Das mag vielleicht ein bisschen übertrieben sein, siehe Anthony McGill; und auch Judd Trump ist ja nicht viel älter.

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Kyren Wilson ist ein zukünftiger Weltmeister

Aber Ronnies Lob hat ja einen wahren Kern: Kyren ist für ihn ein echter und ernstzunehmender Profi. Einer der immer darum kämpft, besser zu werden. Einer, der sich nicht mit dem Erreichten zufrieden gibt. Und das ist genau die Einstellung, die man braucht, um wirklich ein Großer zu werden. Aus diesem Holz ist Kyren geschnitzt.

Es muss viel zusammenpassen, damit man Weltmeister wird. Aber Kyren, das sehe ich so wie Ronnie, ist ein zukünftiger Weltmeister. Dass er ein echter Gentleman und ein Vorbild an Sportlichkeit ist kommt noch hinzu. Snooker kann sich glücklich schätzen, einen solchen Botschafter zu haben.

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Anthony McGill hat sein Karriere-Loch anscheinend überwunden

Anthony McGill ist vielleicht die tragische Figur dieser WM. Wie er das Halbfinale verloren hat war schon brutal. "Mir ist der Sieg gestohlen worden", meinte er denn auch im Anschluss, "nicht von Kyren, aber von den Snooker-Göttern."

Aber der Schotte hat gezeigt, dass er wieder da ist. In der Weltrangliste schien es zunächst für ihn nur eine Richtung zu geben: nach oben. Dann aber fiel er in ein Loch. Dieses Tief scheint der 29-Jährige, über den Alan McManus ja immer voll des Lobes ist, überwunden zu haben. Eine Krise mussten auch viele ganz Große durchmachen. Da wieder rauszukommen, ist die Kunst.

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Alexander Ursenbacher: Erster Schweizer im Crucible Theatre

Auch andere Qualifikanten haben an der Geschichte dieser Weltmeisterschaft mitgeschrieben. Wer zum Beispiel hätte mit einem Jamie Clarke im Achtelfinale gerechnet. Und da musste sich der Waliser ja nur denkbar knapp geschlagen geben.

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Martin Gould hatte seine Rücktrittsrede schon im Kopf, als er zur Qualifikation anreiste. Das Thema Karriereende ist aber vom Tisch, nachdem er das Achtelfinale erreicht hat. Es wäre eine Schande gewesen, wenn Snooker ihn verloren hätte. Und dass mit Alexander Ursenbacher erstmals ein Schweizer im Crucible Theatre gespielt hat, wird auch ewig mit dieser WM verbunden bleiben.

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Auch ohne Publikum: Crucible-Dramen gab es genug

Klar fehlte über weite Strecken die einzigartige Atmosphäre, für die normalerweise das Publikum im Theater der Snooker-Träume sogt. Konserven-Applaus war da kein echter Ersatz. Aber Crucible-Dramen hat es trotzdem reichlich gegeben, Spannung pur war oft angesagt. So gingen sechs der 31 Matches über die volle Distanz. Im Achtel- und Viertelfinale haben acht der zwölf Verlierer zehn oder mehr Frames gewonnen. Von den beiden Halbfinals, die beide das Zeug zum Klassiker haben, ganz zu schweigen.

Es war toll, dass es diese WM gegeben hat, und es war eine tolle WM. Jetzt freuen wir uns bei Eurosport auf die neue Saison. Auch da wollen wir dem Anspruch, "Home of Snooker" zu sein, wieder gerecht werden.

Herzliche Grüße

Ihr / Euer Rolf Kalb

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