Natürlich ist auffällig, dass die nachfolgenden Generationen es noch nicht geschafft haben, O'Sullivan sowie seine Altersgenossen Mark Williams und John Higgins von der Weltspitze zu verdrängen. Einige müssen sich da durchaus an die eigene Nase fassen. Aber bei dieser Pauschalkritik übersieht O’Sullivan auch einige Punkte.

Snooker-WM
Mit Video | "Sie sind so schlecht": O'Sullivan schießt gegen Snooker-Nachwuchs
11/08/2020 AM 08:42

Als O'Sullivan und die beiden anderen 1992 Profis wurden, da lebte und arbeitete das Gros der damaligen Spieler bei weitem nicht so professionell wie heute. Viele gefielen sich darin, sich öffentlich als Lebemann zu inszenieren. Das Bild von einer heißen Party-Nacht in den Boulevard-Medien war wichtiger als der Trainingstisch.

Fitness? Fitness-Studio? Fremdworte, die die meisten nicht in ihrem Repertoire hatten. Rühmliche Ausnahmen waren Steve Davis und Stephen Hendry, die wirklich professionell waren. Kein Wunder, dass sie ihre Ära jeweils dominierten.

Snooker-Karrieren beginnen heutzutage oftmals später

Unter diesen Umständen war die Karriere damaliger Spieler natürlich nicht so langlebig wie heute. Der Zenit der Leistungsfähigkeit, auch der körperlichen Leistungsfähigkeit, war früher überschritten. Und dann gab es eben nur eine Richtung: nach unten.

Das ist heute anders. Dadurch, dass die meisten Spieler professioneller leben, können sie auch ihre Leistungsfähigkeit länger erhalten. Das sieht man auch an den Spielern, die sich erst in den Dreißigern in der Weltspitze etablieren.

Hinzu kommt, dass O’Sullivan und seine Altersgenossen bessere Startvoraussetzungen hatten. Ihre Snooker-Grundausbildung haben sie in den 80er-Jahren bekommen. Es war die Zeit von Margaret Thatcher, die in Großbritannien sehr weitgehend die Strukturen umkrempelte.

Es waren wirtschaftlich schwierige Zeiten. Freizeitangebote für Jugendliche waren Mangelware. Aber Snooker war populär, und es gab eine sehr lebendige Szene mit vielen Clubs, in denen man spielen konnte (allerdings keine Sportvereine, wie wir sie in Deutschland kennen, sondern Social Clubs).

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O'Sullivan und Co. kamen als fertige Spieler auf die Maintour

Das führte zu einer intensiven Struktur an Amateur-Turnieren, ProAms und vor allem auch vielen Junioren-Turnieren. Da lernten O’Sullivan und Co ihr Handwerk. Sie waren bereit, als sie Profis wurden.

Dann aber kam in den 90ern und später die Zeiten des Missmanagements im Snooker. Viele der damals Verantwortlichen hatten keine Ahnung von Business-Dingen, aber großes Interesse an ihrem eigenen Renommée und ihrem eigenen Bankkonto. Nicht von ungefähr war Profi-Snooker ein sterbender Sport, bis Barry Hearn den Laden übernahm.

Dieses Missmanagement beeinträchtige aber nicht nur den Profisport, sondern beschädigte auch die Wurzeln. Immer mehr Clubs schlossen, die Struktur mit den vielen Turnieren auf höchstem Niveau trocknete aus, bis heute. Hinzu kam natürlich, dass es viele Angebote für junge Menschen gab. Ein Phänomen, unter dem alle Sportarten leiden und die die Nachwuchsgewinnung schwierig macht.

Die Spieler, die in dieser Zeit aufwuchsen, hatten also nicht eine solch solide Grundausbildung wie O'Sullivan und Co. Viele Dinge, die O'Sullivan als Junior gelernt hatte, mussten andere erst später auf der Maintour lernen. Deshalb sind Spieler wie Judd Trump oder Kyren Wilson eben nicht schon mit 20 Jahren auf dem Leistungshöhepunkt, sondern erst mit 30.

Allerdings, das will ich nicht verschweigen, gibt es durchaus auch Spieler, die sich mit Mittelmäßigkeit zufrieden geben. Da hat O'Sullivan durchaus Recht mit seiner Kritik. Sich mit Mittelmäßigkeit zufriedengeben, war für Ronnie O’Sullivan, Mark Williams oder John Higgins nie eine Option!

Herzliche Grüße

Ihr / Euer Rolf Kalb

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