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Zverev am Tiefpunkt: Darum liegt in der Krise die große Chance

Zverev am Tiefpunkt: Darum liegt in der Krise die große Chance

16/05/2019 um 12:27Aktualisiert 17/05/2019 um 14:53

Nichts geht mehr. Diesen Eindruck hinterlässt Alexander Zverev derzeit auf der ATP Tour. Der 22-Jährige ist noch immer die Nummer fünf der Welt, die Ergebnisse spiegeln das aber längst nicht mehr wider. Nach der Auftaktpleite in Rom kritisierte Zverev nicht nur sich selbst, das ganze Team sei "sehr weit entfernt" von der nötigen Professionalität gewesen. Das könnte ernsthafte Konsequenzen haben.

Von allen Seiten zerren sie an ihm. Es genügt längst nicht mehr, ein aufstrebender Profi zu sein, der die Weltspitze angreift. Alexander Zverev ist auf dem Weg zur globalen Marke, und die Sponsoren wollen bedient werden.

Infolgedessen sei er "komplett tot" gewesen, bevor das Match überhaupt begonnen habe.

Zverev im "Marketing-Ranking" weit vorne

Die Schuld an den vielen Verpflichtungen tragen natürlich nicht der Ausrüster oder andere große Sponsoren wie Adidas oder Peugeot. Zverev hat sich diese Partner selbst ausgesucht und profitiert finanziell von der Zusammenarbeit. Und: Der Tennis-Star ist für diese Firmen nicht nur ein Testimonial unter vielen.

Bereits 2018 führte das britische Medienunternehmen "SportsPro" den Deutschen auf Platz vier im Ranking der weltweit am besten vermarktbaren Sportler. Zverev gilt als kommender Superstar. Jung, gutaussehend, weltgewandt, erfolgreich - ein Vierklang, der im Hinblick auf den letzten Punkt derzeit aber fast nur noch Misstöne produziert.

Alex Zverev: "Diese Geschichte kostet viel Kraft"

Die Zeit ist in der Tat reif für Veränderungen, denn der Wettbewerb im Foro Italico bot eigentlich die perfekten Rahmenbedingungen, um das Blatt zu wenden. 2017 hatte Zverev an Ort und Stelle den ersten Masters-Titel seiner Karriere geholt, in der vergangenen Saison schaffte er es ins Finale.

Die vielen "Baustellen" der jüngeren Vergangenheit scheinen dem Youngster aber noch immer sehr viel Energie zu rauben. Schließlich musste Zverev auch das Aus seiner Beziehung mit Olga Sharypova verkraften, dazu nagt noch immer der Streit mit Ex-Manager Patricio Apey am jungen Hamburger.

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Darüber hinaus muss sich Zverev aufgrund der Trennung von Manager Apey mit ganz neuen Aufgaben befassen, wie er unlängst auf einer Pressekonferenz erklärte:

"Ich bin ein junger Typ, der auch eine Marke aufbauen will. Das kostet Zeit, das kostet Energie. Du musst mit einer Menge Dinge klarkommen. Ich muss mich etwa mit Anwälten auseinandersetzen. Ich habe Management-Aufgaben zu erledigen, weil ich keinen Manager mehr habe. "

2018 habe er Erfolg gehabt, weil er sich ausschließlich darauf konzentrieren konnte, Tennis zu spielen. "Alles andere wurde für mich erledigt." Die neue Situation sieht Zverev als "Lernprozess".

Zverev hält French-Open-Titel für möglich

Und auch wenn Zverev optimistisch auf Roland Garros vorausblickt ("Ich sehe dennoch, dass ich auch die French Open gewinnen kann"), besteht die Gefahr, dass er dort weiter an Boden verliert. Als Vorjahres-Viertelfinalist muss der Hamburger satte 360 Punkte verteidigen, ein frühes Aus hätte ziemlich sicher ein weiteres Abrutschen im Ranking zur Folge - langfristig sogar den Verlust einer Top-Ten-Platzierung.

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Je weiter Zverev durchgereicht wird, desto niedriger die Position in der Setzliste und desto stärker die Gegner in den ersten Runden. Das macht die Mission, Spielpraxis zu sammeln und zu alter Klasse zurückzufinden, umso schwerer.

Zumal die Fallhöhe groß ist. Zverev ging als amtierender ATP-Finals-Champion in die Saison, das bestimmende Thema war der Gewinn des ersten Grand-Slam-Titels. "Die große Herausforderung für 2019 werden Erfolge bei den Grand-Slam-Turnieren sein", befand Tennis-Legende Boris Becker im Gespräch mit Eurosport, warnte aber auch: "Es wird immer wieder ein Rückschlag kommen."

Zverev: Krise als Chance in Paris?

Von einzelnen Rückschlägen kann derweil keine Rede mehr sein. Aufschlagschwächen, Probleme auf der Vorhand, Schwierigkeiten auf windigen Plätzen - die Zahl der Baustellen ist groß. Zverev hat eine handfeste Krise zu meistern. Bedenkt man sein junges Alter, die prominenten Sponsoren sowie die hohen Erwartungen von Fans und Presse, wird klar, wie knifflig diese Aufgabe ist.

Inzwischen stehlen Zverev andere Youngster regelmäßig die Show. Tsitsipas, Denis Shapovalov, Félix Auger-Aliassime, Daniil Medwedew, Christian Garín und Matteo Berretini - allesamt 23 Jahre alt oder jünger - spielten zuletzt groß auf.

So paradox es klingen mag: Vielleicht liegt gerade in der Tatsache, dass Zverev aktuell Niederlagen in Serie kassiert und nicht mehr zu den Shootingstars und Favoriten zählt, die Chance, um bei den French Open aufzutrumpfen...

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