Australian Open | Alexander Zverev durchbricht die Barriere

Alexander Zverev feiert bei den Australian Open mit dem Sieg über Stan Wawrinka und dem Einzug ins Halbfinale seinen größten Erfolg bei einem Grand-Slam-Turnier und wirkt danach gelöst wie noch nie. Nervenstark und gereift, wie sich der 22-Jährige in Melbourne präsentiert, muss das jedoch noch nicht das Ende der Reise sein. Das Publikum hat Zverev hinter sich. Und Boris Becker ist beeindruckt.

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Fotocredit: Eurosport

Sein letzter Weg führte ihn mutig vor ans Netz - und dann brach Jubel los. Unorthodox mit einem Netzangriff machte Alexander Zverev am frühen Mittwochmorgen mitteleuropäischer Zeit den größten Grand-Slam-Erfolg seiner Karriere perfekt.
Als die Vorhand seines Gegners ins Aus geflogen war, hob Zverev kurz den Zeigefinger der rechten Hand und lächelte hinüber in seine Box.

Alexander Zverev erstmals im Halbfinale

"Es ist unglaublich, ich bin überglücklich", kommentierte der 22 Jahre alte Hamburger kurz darauf seinen 1:6, 6:3, 6:4, 6:2-Erfolg über den dreimaligen Grand-Slam-Sieger Stan Wawrinka (Nr. 15/Schweiz), der ihn erstmals in seiner immer noch jungen Karriere in ein Major-Halbfinale geführt hatte. Dort trifft er nun auf den Österreicher Dominik Thiem, der Rafael Nadal besiegte.
"Ich habe Masters und die ATP Finals gewonnen, konnte aber nie diese Barriere durchbrechen. Ich bin sehr froh und weiß nicht, was ich sagen soll. Ihr könnt euch nicht vorstellen, was mir das bedeutet. Ich hoffe, es ist nur das erste von vielen", stammelte Zverev in der Rod Laver Arena gelöst wie selten.
Dabei hatte Zverev einen echten Fehlstart hingelegt und in nur 26 Minuten den ersten Satz verloren. "Körperlich abwesend", tadelte Eurosport-Experte Boris Becker den Hamburger.

Zverev überwindet Fehlstart

Zverev selbst erklärte die schwache Leistung dagegen mit den Bedingungen - in seinen bisherigen Matches in Melbourne hatte er anders als Wawrinka noch nicht bei heißen Temperaturen und gleißender Sonne tagsüber spielen müssen.
"Die Bälle fliegen schneller", musste Zverev feststellen, dazu ließ ihn erstmals in Melbourne sein Aufschlag ein wenig im Stich. Der Schweizer nutzte das zu einem schnellen 6:1 und den deutschen Fans schwante Böses. "Wenn Stan seinen Rhythmus bekommt, kann er dich einfach weghauen", befürchtete auch Zverev.
Er habe sich sogar "schon darauf eingestellt, der Presse zu erklären, warum ich glatt in drei Sätzen verloren habe", meinte er später im On-Court-Interview mit Tennis-Legende John McEnroe ein wenig scherzend:

Zverev lässt Wawrinka nicht mehr ins Match zurück

Nervenstark fightete sich Zverev bei Temperaturen um 30 Grad zu Beginn des zweiten Satzes ins Match zurück, gewann alle fünf Aufschlagspiele ohne Punktverlust und nutzte, als Wawrinka erstmals schwächelte, seine Chance zum Break (5:3).
Er habe einfach versucht, ruhig zu bleiben, erklärte der Hamburger. "Das war mental sehr stark", lobte auch Eurosport-Experte Becker.
Nachdem beide zu Beginn des dritten Satzes Breaks austauschten, war es erneut der Hamburger, der Wawrinka zum 3:2 den Aufschlag abnahm - und dem Schweizer danach keine einzige Breakchance mehr gönnte.
Nach Breaks zum 1:0 und 3:0 im vierten Satz war die Tür zum Halbfinale offen. Mit seinem ersten Matchball war Zverev dann nach 2:19 Stunden durch.

Zverev auf den Punkt voll da

Als siebter Deutscher insgesamt und als erster seit elf Jahren erreichte Zverev in seinem 19. Versuch ein Grand-Slam-Halbfinale. Dies war zuletzt 2009 Tommy Haas in Wimbledon gelungen. Letzter Deutscher im Finale eines Majors war 2003 Rainer Schüttler bei den Australian Open.
"Ich habe sehr hart an mir gearbeitet", sagte Zverev, nachdem das Jahr mit drei Niederlagen beim ATP Cup in Brisbane noch alles andere als gut angelaufen war:

Großes Lob für gerührten Vater

Dass der 22-Jährige im dritten Anlauf nach den French Open 2018 und 2019 erstmals ein Grand-Slam-Viertelfinale gewann, habe er auch seinem Trainer - Alexander Zverev senior - zu verdanken.
Sein Vater sei zwar "wie ein normaler Coach, der seinen Spieler nicht mag", scherzte der Weltranglistensiebte nach der Partie, hob aber auch die Bedeutung der engen Beziehung hervor.
"Immer wenn ich mit ihm alleine arbeite, zeigen wir, dass wir es können", sagte Zverev der ganzen Rod Laver Arena, während sich Zverev senior auf der Tribüne eine Träne aus dem Auge wischte:
Im Eurosport-Studio erklärte Zverev später ausführlich, warum er - auch gegen den Rat von Boris Becker - stur an der Ein-Trainer-Lösung mit seinem Vater festgehalten habe. Gleichzeitig hob Zverev den Anteil jedes Einzelnen in seinem Team hervor.

Zverev will Preisgeld spenden

Gegenüber dem australischen Publikum erneuerte Zverev indes sein Versprechen, bei einem Turniersieg in Melbourne sein gesamtes Preisgeld von vier Millionen australischen Dollar den Opfern der verheerenden Waldbrände in Down Under zu spenden - so wie er es zu Turnierbeginn angekündigt hatte.
"Das war etwas leichtfertig, sowas nach der ersten Runde zu sagen, oder?", meinte er scherzhaft zu McEnroe, "aber ich werde mein Versprechen halten. Geld ist mir nicht so wichtig. Mir wurde beigebracht, dass man immer anderen helfen soll, wenn man das kann."
Mit den vier Millionen Dollar könne er sich zwar sicher etwas Nettes, "ein paar Autos" zum Beispiel, kaufen, sagte Zverev, "aber es gibt tatsächlich Leute, die es besser brauchen können". Sollte es nicht mit dem Titel klappen, will Zverev 10.000 Euro pro Runde spenden. 50.000 sind es also bereits.
Für den Halbfinal-Einzug kassiert Zverev bereits 1.040.000 australische Dollar. Als Finalist bekäme er 2.065.000, als Sieger 4.120.000.
Zwei Siege ist er also nun nur noch von seinem ersten Triumph bei einem der vier großen Turniere entfernt. Ein Grand-Slam-Titel war als letztem deutschen Spieler im Herren-Einzel übrigens Boris Becker in Melbourne gelungen - vor genau 25 Jahren.
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