Alexander Zverev kämpfte, doch in den entscheidenden Momenten war der Djoker stärker: Der 23 Jahre alte Hamburger hat nach einem spannenden Tennis-Fight das Halbfinale der Australian Open verpasst.
"Es war im wahrsten Sinne des Wortes eine Achterbahnfahrt", sagte Novak Djokovic bei Eurosport. Und fügte an: "Wenn er das Match gewonnen hätte, wäre es auch nicht unverdient gewesen."
Zverev, selbst Sechster der Setzliste, wartet durch die Niederlage im Viertelfinale von Melbourne gegen Novak Djokovic weiter auf einen Sieg gegen einen Top-Ten-Spieler bei einem Grand Slam. Knackpunkt waren viele vergebene Chancen - Zverev führte im ersten, dritten und vierten Satz bereits Break vor. Außerdem ließ er neun von zwölf Breakchancen liegen, während Djokovic sechs von neun nutzte.
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16/02/2021 AM 09:38
"Es ist kein Zufall, dass Novak dieses Turnier schon achtmal gewonnen hat", meinte Eurosport-Experte Boris Becker: "Aber Sascha hat ihm das Leben schwer gemacht und hätte eigentlich den fünften Satz erreichen müssen. Im dritten und vierten Satz war er jeweils mit einem Break vorne. Letztendlich war Djokovic der bessere Spieler und hat verdient gewonnen."
Australian Open: Ergebnisse Herren-Einzel

Highlights | Zverev bringt Djokovic ins Wanken - aber nicht mehr

Zverev lässt im zweiten Satz nach

Zverev startete gegen Djokovic, gegen den er beim ATP Cup vor den Australian Open 7:6 (7:3), 2:6, 5:7 verloren hatte, gut in die Partie. Djokovic, den seit Runde drei Bauchmuskelprobleme plagten, ließ sich mit einem Doppelfehler den Aufschlag zum 0:1 abnehmen.

Mit Doppelfehler: Djokovic kassiert schnelles Break gegen Zverev

"Das ist noch ein langer Ritt nach Amarillo", warnte Becker jedoch vor verfrühter Euphorie. Bei 5:3 und Aufschlag Djokovic vergab Zverev einen Satzball - und gab bei 4:5 prompt erstmals sein Service ab.
Im Tiebreak führte Djokovic 5:4, Zverev legte jedoch wieder zu, schaffte das Minibreak und holte sich Durchgang eins bei seinem dritten Satzball mit einem zweiten Aufschlag genau auf die Linie (8:6).
Novak Djokovic - Alexander Zverev im Liveticker zum Nachlesen

Mit Satzball drei: Zverev zittert sich zum gewonnenen Tiebreak

Djokovics Signal zum Aufbruch

"Bei diesen Konditionen brauche ich Zeit, um aufzuwärmen - auch wenn ich eine Stunde Warmup hatte", erklärte der Sieger später: "Es braucht Zeit, bis ich das Gefühl habe, mich gut zu bewegen."
Nach dem ersten Satz riss der Djoker jedoch alle Verbände bis auf ein Pflaster von seinen lädierten Bauchmuskeln ab - das Signal zum Aufbruch.

Novak Djokovic zieht sich seinen Verband von den Bauchmuskeln - Australian Open 2021

Fotocredit: Getty Images

Zu Beginn des zweiten Satzes ließ beim Deutschen die Konzentration nach. Djokovic, seit Ende des ersten Satzes nach einem Strategiewechsel nun aggressiver und geschmeidiger unterwegs, nahm dem 23-Jährigen gleich zweimal den Aufschlag ab und zog auf 5:1 davon. Nach 1:29 Stunde war alles wieder ausgeglichen (6:7, 6:2).

Djokovic fabriziert Kleinholz

Und die Achterbahnfahrt ging munter weiter: Zverev breakte und zog bei nur drei Gegenpunkten auf 3:0 davon.

"Guck dir das an": Djokovic gibt Aufschlag wieder mit Doppelfehler ab

Bei Zverevs Aufschlagspiel zum 4:1 explodierte Djokovic nach einem vergebenen Breakball und zerhackte seinen Schläger derart, dass ein Ballkind minutenlang aufkehren musste.

Feinstes Kleinholz: Djokovic rastet komplett aus und zerhackt Schläger

Die Eruption fruchtete: Bei 2:4 nahm er Zverev den Aufschlag wieder ab, weil der Deutsche seine ersten beiden Doppelfehler einstreute. "Unglaublich, was da zwischen den Ohren abgeht", kommentierte Becker.
Zverev wirkte angeknockt und ließ sich bei 4:4 zu Null seinen Aufschlag abnehmen. Djokovic servierte sauber durch, lieferte sein 14. Ass - 6:4 im Dritten. "Ich habe sehr gut aufgeschlagen", sagte Djokovic später: "Ich hatte sogar mehr Asse als er (23:21, Anm. d. Red.), was für mich ein Wunder ist im Duell mit so einem großen Aufschläger."

Mit infernalem Urschrei: Djokovic gewinnt Satz drei nach 1:4-Rückstand

Zverev nutzt seine Chancen nicht

Auch in den vierten Satz startete Zverev besser. Hatte Djokovic im dritten Satz eben noch fünf Spiele in Folge gewonnen, bekam nun Zverev wieder Oberwasser und zog schnell auf 3:0 davon. Djokovic reagierte mit einem gefrusteten Monolog in Richtung seiner Box mit Ex-Wimbledon-Sieger Goran Ivanisevic, blieb aber dran.
"Djokovic hat eine Straßenkämpfermentalität, er will in den Infight, ins Körperliche, ins Mentale", analysierte Becker, der Djokovic zwischen 2013 und 2016 bei insgesamt sechs Grand-Slam-Titelgewinnen gecoacht hatte, während des Matches: "Da muss man aufpassen, sich nicht reinziehen zu lassen. Djokovic ist heute schlagbar."
Weil Zverev im entscheidenden Moment aber immer wieder sein erster Aufschlag verließ, kam Djokovic wie schon in Satz eins und drei nach Break-Rückstand wieder zurück. Ein kleiner Wackler unterlief Djokovic noch: Bei 5:6 aus seiner Sicht hatte Zverev nach 40-0 plötzlich einen Satzball.

Unfassbarer Konter: Djokovic mit bestem Schlag des Spiels

Djokovic behielt beim Aufschlag aber seine Nervenstärke. Im Tiebreak fiel die Entscheidung.

Djokovic spricht von "Nervenspiel"

"Jeder hätte das Spiel gewinnen können. Es war ein Nervenspiel, eine Menge Druck", sagte Djokovic, der von einem "großen Duell" sprach: "Wir haben uns gegenseitig bis zum Limit gepusht."
"Es war ein extrem emotionales Match von beiden Spielern", bilanzierte Becker: "Sascha muss den ersten Satz klarer gewinnen, dann geht es anders aus. Novak hat sich dann im zweiten Satz erholt und war am Ende besser. Gerade beim Aufschlag war er sehr beeindruckend."
Mit einem Ass beendete Djokovic nach 3:30 Stunden die Partie und war danach sichtlich erleichtert.

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"Es war bis zum letzten Ball offen. Ich war nicht mal sicher, ob ich wirklich gewonnen habe", meinte er im Interview mit Eurosport.
Er habe sich in die Partie erst reinkämpfen müssen: "Am Ende bin ich sehr stolz auf diesen Sieg, denn es war ein sehr komplizierter."

Voll auf der Höhe: Djokovics beste Schläge gegen Zverev

Djokovic will Nadal und Federer auf die Pelle rücken

Djokovic, den seine Bauchmuskelprobleme nicht entscheidend einschränkten, setzt seine Jagd nach dem neunten Titel in Melbourne und dem 18. Grand-Slam-Triumph fort. "Die Verletzung half mir, mein Spiel anzupassen, so komisch das klingt", meinte der 33-Jährige, der zum 39. Mal in einem Grand-Slam-Halbfinale steht und in Melbourne nach dem Viertelfinale nie ein Spiel verloren hat.

Triumph über Zverev: Djokovic verrät "Schatzi" Becker seine Taktik

Mit Blick auf seinen Aufschlag sei es sogar "das beste Turnier meiner Karriere. Ich habe die richtigen Schläge in den richtigen Momenten ausgepackt."
Der Serbe hat es sich zum Ziel gesetzt, die Major-Rekordsieger Roger Federer (Schweiz) und Rafael Nadal (Spanien/beide 20 Titel) einzuholen - auch Nadal ist noch im Turnier.

Djokovic jetzt gegen Karatsev

Im Halbfinale wartet nun überraschend der 27 Jahre alte Qualifikant Aslan Karatsev.
Der Russe, nur die 114 der Welt und Grand-Slam-Debütant, setzte sich 2:6, 6:4, 6:1, 6:2 gegen Thiem-Bezwinger Grigor Dimitrov (Bulgarien/Nr. 18) durch.
Dimitrov war allerdings spätestens ab Satz zwei mit Rückenproblemen gehandicapt. "Um ehrlich zu sein, habe ich ihn vor den Australian Open nie spielen sehen", sagte Djokovic über seinen nächsten Gegner: "Er hat viel Power von der Grundlinie, ist stark auf der Rückhand und hat einen guten Aufschlag."

Zverev muss weiter warten

Zverevs Traum vom ersten Grand-Slam-Titel ist dagegen vorerst erneut geplatzt. Zverev verpasste es auch im neunten Anlauf, erstmals einen Spieler der Top-Ten bei einem Major-Turnier zu schlagen.
Im vergangenen Jahr hatte der Weltranglistensiebte "Down Under" die Runde der letzten Vier erreicht, bei den US Open gelang ihm gar erstmals der Schritt ins Endspiel. Er verlor jeweils gegen den Österreicher Dominic Thiem.
"Alex hat laut an die Tür geklopft, die von Novak aber zugehalten wurde", schloss Becker: "Er hat gut gespielt und gut aufgeschlagen, dann aber ein paar kleine Fehler gemacht, was in so einem Match den Unterschied ausmacht."

Zverevs beste Schläge im Viertelfinale gegen Djokovic

Mischa Zverev liefert Ansatz

Das musste auch das Zverev-Lager anerkennen.
"Novak ist nicht unschlagbar, aber schwer zu schlagen – gerade wenn er hintenliegt", sagte Bruder und Manager Mischa Zverev bei Eurosport: "Er ist ein echter Champion."
Sein Bruder Alexander müsse dagegen in den entscheidenden Momenten noch an Entschlossenheit zulegen. "Wenn Sascha mit Break vorne ist, will ich, dass er noch 10, 15 Prozent aggressiver spielt und dem Gegner zeigt: Du hast keine Chance", sagte Mischa: "Das macht Sascha noch nicht gut genug."

Australian Open - Viertelfinale der Herren:

Halbfinale der Herren:

  • N. Djokovic (SRB/1) - A. Karatsev (RUS/Q) - Donnerstag, 9:30 Uhr
  • D. Medvedev (RUS/4) - S. Tsitsipas (GRE/5) - Freitag, 9:30 Uhr
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