Eurosport-Experte Boris Becker war mächtig angetan von Daniil Medvedev - und das lag nicht nur an dem, was der 25-Jährige gute zwei Stunden lang auf dem Platz gegen Stefanos Tsitsipas gezeigt hat.
Nein, Becker ging es um etwas anders.
"Daniil hat so eine charmante Intelligenz. Wie er mit diesem Pokerface in bestem Englisch nach so einem emotionalen Match diese Fragen beantwortet", schwärmte der sechsfache Grand-Slam-Turniersieger.
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Gegen alle Zweifel und Vorwürfe: Djokovic will den Spieß umdrehen
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Das war nicht immer so. Legendär die Szenen bei den US Open 2019, als Medvedev das Publikum provozierte, verhöhnte, lächerlich machte.
Ganz so vergiftet wie in New York ist das Verhältnis zwischen dem Tennisprofi und den Tennisanhängern in Melbourne nicht, doch auch bei den Australian Open steht Medvedev nicht im Verdacht, Publikumsliebling zu sein.

Matchball Becker: Das spricht für Medvedev im Finale gegen Djokovic

Umso cooler präsentierte sich die Nummer vier der Welt nach dem souveränen 6:3, 6:2, 7:5 gegen Tsitsipas im Siegerinterview mit Jim Courier.

Medvedev: "Djokovic hat hier nie ein Finale verloren ..."

Was er denn tue, wenn er im Match Angst bekomme, dass sich das Blatt gegen ihn wendet, wollte der ehemalige Tennisstar wissen. "Das kann ich gar nicht so richtig beantworten. Ich versuche einfach, Asse und Winner zu schlagen", bemerkte Medvedev spitzbübisch - und bekam ordentlich Applaus, obwohl das Gros der Zuschauer aufseiten von Tsitsipas stand.
WER GEWINNT DAS FINALE DER AUSTRALIAN OPEN?
Es war ein sympathischer, witziger und vor allem cleverer Auftritt. Entsprechend gab der Herausforderer den Druck im Hinblick auf das Endspiel am Sonntag (ab 9:30 Uhr im Liveticker und im TV bei Eurosport 1) elegant an Novak Djokovic weiter.
"Novak hat ja hier noch nie ein Finale verloren, also liegt der ganz Druck bei ihm. Er hat mehr zu verlieren", befand der 25-Jährige. Er selbst verspüre dagegen keinen Druck und habe durch das US-Open-Finale 2019, in dem er Rafael Nadal unterlag, eine Menge dazugelernt.

Highlights | Klarer Sieg: Medvedev spielt Katz und Maus mit Tsitsipas

Kein Zweifel, Master Mind Medvedev beherrscht die kleinen Psychospielchen ebenso gut wie Djokovic. Und: Sportlich geht der Russe aus einer absoluten Stärke heraus ins Kräftemessen mit dem Rekordturniersieger.

Medvedev-Serie: 20 Siege, elf Top-Ten-Spieler geschlagen

Ende Oktober, im Viertelfinale von Wien gegen Kevin Anderson, ging Medvedev letztmals als Verlierer vom Platz. Seitdem hat er 20 Siege in Serie aneinandergereiht und dabei das Masters von Paris, die ATP Finals sowie den ATP Cup gewonnen. Genauso erstaunlich: Elf der 20 Erfolge gelangen Medvedev gegen Top-10-Spieler, darunter Djokovic, Nadal, Tsitsipas, Alexander Zverev oder Dominic Thiem.
Wie er das geschafft hat? "Um ehrlich zu sein, ich weiß es nicht", gab Medvedev zu. "Aber das bleibt mir immer erhalten, auch dann, wenn ich irgendwann auf deiner Seite stehe und den Profis Fragen stelle", spielte der frischgebackene Finalist den Ball gekonnt an Courier zurück.
Großes Gelächter auf den Tribünen der Rod Laver Arena.
Entsteht da etwa gerade eine wunderbare Beziehung zwischen den Fans und Medvedev? Zumindest ist er "der Mann der Stunde", wie Becker feststellt. Wenn er jetzt noch Djokovic im Endspiel entthront, wäre er weit mehr als das.
Daniil Medvedev dürfte sich dann Grand-Slam-Champion nennen - und hätte das wohl auch seinem Pokerface zu verdanken.
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