Frage: Frau Rittner, Angelique Kerber hat sich von ihrem Trainer Rainer Schüttler getrennt und ist nun erstmal alleine unterwegs auf der Tour. Was halten Sie von dieser Entscheidung?
Barbara Rittner: Ich glaube nicht, dass Angie der Typ ist, der gerne lange alleine unterwegs ist. Sie braucht einen, der das Zepter in der Hand hält. Aber sie möchte keine vorschnelle Entscheidung treffen und jemanden engagieren, hinter dem sie nicht zu hundert Prozent steht. Sie ist ein Bauchmensch und man muss ihr die Zeit geben. Aber ein Trainer, der sie positiv begleitet und entscheidende kleine Tipps geben kann, ist schon sehr wichtig.
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Frage: Welchen Einfluss kann denn ein Trainer noch auf so eine erfahrene Spielerin wie Kerber haben?
Rittner: Der Coach ist bei ihr viel für das Drumherum und den Wohlfühlfaktor zuständig. Weltklasse-Tennis spielen kann sie, das hat sie oft bewiesen und nicht verlernt. Sie braucht jemand, der anpackt und ihr Mut macht und eventuell aufkommende Zweifel beseitigt. Aber jemanden nur zu engagieren, der ihr auf die Nerven geht oder 0815-Dinge sagt, bringt auch nichts. Vielleicht ist ihr Wunschkandidat gerade auch nicht frei. Dass das so keine Dauerlösung ist, weiß sie selbst.
Frage: Was muss denn ein geeigneter Kandidat mitbringen?
Rittner: Angelique ist eine, die gerne auch mal fremdelt. Am besten wäre also Jemand, den sie kennt, vor dem sie Respekt hat und der selbst schon viel erlebt hat. Die Ansprache muss passen.
Frage: Kommt es ihr entgegen, dass sie bei den US Open nur zum erweiterten Favoritenkreis gehört?
Rittner: Ich traue ihr die eine oder andere Überraschung zu, aber man kann sie nicht bewusst zu den Favoriten zählen. Man muss abwarten, wie viele Matches sie vorher noch hat, denn sie braucht Matches – vor allem erfolgreiche. Was gut ist: In Flushing Meadows wird der Fokus nicht so auf Kerber liegen. Und sie hat dort sicher schöne Erinnerungen.
Frage: Seit dem Wimbledon-Finale 2013 hat Sabine Lisicki Schwierigkeiten, Anschluss an die Weltspitze zu halten – aktuell ist sie sogar nur die 269 der Welt. Wie kann sie wieder zurückkommen?
Rittner: Ich habe ihr geraten, kleinere Turnier zu spielen. Sie trainiert weiter gut und hart, aber ihr fehlen gewonnene Matches. Da bringt es auch nichts, immer Wildcards anzunehmen. Das einzige was hilft, sind gewonnene Spiele. Und wenn es nur Spiele bei Challenger-Turnieren sind. Ich glaube, dass Sabine auch wieder zu früherer Stärke zurückkehren kann. Aber wenn man eine Bilanz von 4:14 im Jahr 2019 hat, fühlt sich das natürlich nicht gut an. So kriegt man kein Selbstvertrauen. Da fehlt dann einfach das Selbstvertrauen und die Matchfitness.

Gauff steht dank Wildcard im US-Open-Hauptfeld

Fotocredit: SID

Frage: Was halten sie von der 15-jährigen Cori Gauff, die insbesondere in Wimbledon für Aufsehen sorgte?
Rittner: Ich habe Coco vor zwei Jahren bei den US Open als 13-Jährige im Finale der Juniorinnen gesehen und hab gedacht: 'Wow.' Wenn ich sie mit unseren 15-Jährigen vergleiche, ist sie körperlich wesentlich weiter entwickelt. Sie ist ja praktisch schon eine athletisch ausgewachsene Dame. Was mich unglaublich beeindruckt hat, ist ihr mentale Stärke. In Wimbledon auf dem Center Court zu stehen und wie selbstverständlich dort ihr bestes Tennis zu zeigen - das fand ich unglaublich reif und beeindruckend. Das Gesamtpaket passt.
Frage: Woher kommt der große Unterschied zu den anderen 15-Jährigen?
Rittner: Allen voran sind es ihre Eltern. Sie haben sehr früh darauf gesetzt, dass Coco Tennis-Profi wird und ich glaube, damit haben sie einiges richtig gemacht. Mich erinnert das an den Werdegang der Williams-Schwestern. Sie ist sehr früh an die Mouratoglou-Akademie nach Nizza gegangen. Dort werden junge Spieler, die wenig Geld haben, durch Investoren gefördert. So kam Coco in den Genuss gekommen, die besten Bedingungen zu haben. Die Eltern haben das alles behütet geplant. Bisher funktioniert alles. Hinzu kommt: Sie ist ein Ausnahmetalent. Physisch und psychisch!
Frage: Auch Alexander Zverev gilt als Ausnahmetalent. Jetzt kam die Trennung von Trainer Ivan Lendl. Ist es der richtige Schritt gewesen?
Rittner: Zverev braucht jemanden, der immer dabei ist und Lendl wollte nicht immer dabei sein. Das Wichtigste ist, dass bei Sascha jetzt Ruhe einkehrt und er jemanden an seiner Seite hat, der ihm die Gelassenheit gibt, die er schonmal hatte. Auch wenn das jetzt erstmal der Vater ist. Dann wird er sich auch wieder fangen.
Frage: In der Öffentlichkeit kommt Zverev oft schroff oder abweisend rüber. Wie nehmen Sie ihn wahr?
Rittner: Sascha hat eine sehr direkte Art und gibt einiges von sich preis, was mich oft sehr verwundert. Aber so ist sein Charakter. Das macht ihn auch spannend. Ich mag es, dass er seinen eigenen Weg sucht und sicherlich auch finden wird. Für seine 22 Jahre hat er bereits einen unglaublich starken Charakter entwickelt. Er wusste früh, was er will, war stur und hat sein Ding gemacht. Das beeindruckt mich sehr.
Frage: Die Frage ist, braucht er überhaupt noch einen Coach oder reicht ihm sein Vater als Unterstützung?
Rittner: Er hat ein sehr enges Verhältnis zu seinem Vater, den ich als angenehmen, ruhigen Typ empfinde. Aber dazu einen Mentor im Hintergrund zu haben, wäre meiner Meinung nach sehr wichtig. Dieser müsste allerdings öfter dabei sein als Lendl und schon auch das gewisse Extra ausstrahlen. Mir fällt dazu eigentlich nur einer ein: Boris Becker. Wenn ich Sascha etwas zurufen könnte, würde ich sagen: 'Geh doch mal auf Boris zu.' Boris hätte auf jeden Fall das Know-how dazu, der perfekte Ratgeber zu sein. Wichtig ist aber auch, dass sich der Vater dann nicht zurückgestellt fühlt. Ob das aber in Boris' momentane Lebensplanung passen könnte, weiss ich nicht...

Alexander Zverev und Boris Becker

Fotocredit: Getty Images

Frage: Zverev und Becker – würde das denn charakterlich passen?
Rittner: Ich glaube, die beiden respektieren und mögen sich sehr und das ist schon mal eine gute Voraussetzung. Die Familie und Boris kennen sich schon lange und verstehen sich gut. Das heißt nicht, dass es zwischen den beiden nur harmonisch zugehen würde. Es würde bestimmt auch mal krachen, aber das muss auch so sein. Ein guter Trainer, ist nicht der beste Freund. Mit einem Kuschelkurs wird man nie große Erfolge erreichen. Der Trainer muss Dinge vorgeben, die dem Spieler auch mal nicht so gefallen.
Frage:Als Head of Women Tennis hatten Sie zuletzt Carina Witthöft für ihre Einstellung kritisiert. Daraufhin hat Witthöft von "respektlosen Behauptungen" gesprochen und mangelnde Unterstützung durch den DTB angeprangert. Können Sie diese Antwort nachvollziehen?
Rittner: Ich habe offensichtlich einen Finger in die Wunde gelegt, was gar nicht meine Absicht war. Für mich ist Carina nach wie vor eins der größten Talente, das wir je hatten. Sie bringt einfach alles mit: einen tollen, athletischen Körper, gute Schläge und ein druckvolles Spiel. Sie hat sich sehr früh auf der Tour wohlgefühlt, aber offensichtlich ist der Fokus verloren gegangen. Dass sie jetzt aktuell kein Profi-Tennis mehr spielt, war ihre eigene Entscheidung. Den Vorwurf der mangelnden Unterstützung kann ich nicht nachvollziehen, weil wir sie immer gefördert haben und immer dabei waren, auch als Ansprechpartner. Ich würde mir wünschen, dass sie die Kurve kriegt. Aber am Ende ist es ihr Leben und ihre Entscheidung.
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