Danielle Collins hat einen harten Weg hinter sich. Zwei Monate lang musste die US-Amerikanerin pausieren, nachdem sie sich aufgrund ihrer Endometriose behandeln ließ. Dabei handelt es sich um eine chronische Erkrankung bei Frauen, bei der ein der Gebärmutterschleimhaut ähnliches Gewebe außerhalb der Gebärmutterhöhle auftritt.
Die Folgen sind unter anderem starke Schmerzen.
Collins unterzog sich daher einem operativen Eingriff und gab schon zwei Monate später ihr Comeback. Mehr noch: Ende Juli feierte sie beim WTA-Turnier von Palermo ihre Titelpremiere auf der Tour und ließ kurz darauf in San José den nächsten folgen. Eine mehr als beeindruckende Leistung.
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Einem breiteren Publikum wurde Collins 2019 bekannt, als sie sensationell ins Halbfinale der Australian Open vorstieß. Aktuell liegt die aus Florida stammende Tennisspielerin auf Rang 31 der Weltrangliste.
Ihre Erfahrungen will Collins in der Eurosport-Serie Players' Voice mit anderen Frauen teilen.
Von Danielle Collins
Hallo liebe Tennis-Fans bei Eurosport.de
es ist nun mal so, aber ich hatte schon immer schmerzhafte Perioden. Vor ein paar Jahren bin ich aus dem Schlaf geschreckt und musste sofort in die Apotheke fahren und Entzündungshemmer kaufen, nur um die Nacht zu überstehen. Von da an bekam ich um meine Periode herum immer grippeähnliche Symptome, wurde richtig krank. Mit Fieber, Schüttelfrost, Erbrechen, Ohnmachtsanfällen und sogar einem Krankenhausaufenthalt. Ich hatte viel Flüssigkeit im Magen, der sich so stark blähte, dass es qualvoll wurde. Das Wissen, dass dies nun Monat für Monat passieren würde, war belastend, denn ich musste als Tennisspielerin ja trotz allem körperlich Leistung bringen.
Das hat mich unglaublich geschwächt. Es kam vor, dass ich aufgrund meiner Periode physisch nicht in der Lage war, ins Flugzeug zu steigen und zum nächsten Turnier zu fliegen. Ich war mitunter gezwungen, Matches abzusagen, weil diese stechenden Schmerzen von meinem Rücken bis in meinen Fuß ausstrahlten. Meine Gebärmutter kippte dabei zurück und übte Druck auf den Ischiasnerv aus. Mir war klar: Ich würde regelmäßig aus Turnieren aussteigen müssen, weil mein Körper es mir einfach nicht erlaubt, zu trainieren oder an Wettkämpfen teilzunehmen.

Danielle Collins wird im Februar beim Turnier in Adelaide behandelt und muss das Match gegen Iga Swiatek abbrechen

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Was also tun? Nun, ich habe mit vielen Ärzten gesprochen, die mir erklärt haben, dass schmerzhafte Perioden normal sind. Natürlich sind sie das manchmal, aber bei meinen Symptomen war das nicht mehr normal. Immerhin: Ich war in der sehr glücklichen Lage, eine gute Freundin zu haben, bei der Endometriose diagnostiziert worden war - und wir stellten dann fest, dass wir fast identische Symptome hatten. Sie war es auch, die mich ermutigte, einen Gynäkologen aufzusuchen, der sich auf diesen Bereich spezialisiert hat.
Dort hörte ich erstmals von der Möglichkeit einer Operation.
Bei einer Endometriose ist es mit einer Diagnose aber nicht so einfach. Erst nach einer laparoskopischen Untersuchung hat man Gewissheit, da das MRT und die Bildgebung nicht immer alle Details zeigen. Bei mir wurde schließlich eine Zyste von der Größe eines Tennisballs gefunden, die bei einem transvaginalen Ultraschall nicht sichtbar war. Schon ein wenig verrückt. Die folgende Operation zwang mich, eine Saisonpause einzulegen, was ziemlich nervig war, weil ich zu Beginn des Jahres so gut gespielt hatte.

"Die Rückkehr war entmutigend"

In Australien waren meine Ergebnisse wirklich gut, beim Turnier von Adelaide habe ich mit Ashleigh Barty die Nummer eins der Welt geschlagen. Die Tatsache, dass es ein olympisches Jahr war, hatte ich natürlich auch im Hinterkopf. Tief in meinem Inneren war mir aber sonnenklar, dass ich im Tennis nie dorthin kommen würde, wenn ich alles ignorieren und einfach weiterspielen würde.
Bei der Operation wurde meine Bauchdecke an vier verschiedenen Stellen aufgeschnitten, so dass eine entsprechend intensive Reha erforderlich wurde, um in diesen Bereichen wieder Kraft aufzubauen. Die Rückkehr in den Wettkampfmodus war ziemlich entmutigend, da bin ich ganz ehrlich. Die immer wiederkehrenden Bewegungen, insbesondere beim Aufschlag, führten dazu, dass ich mich während meines Drittrundenmatches gegen Serena Williams bei den French Open verletzte.

Danielle Collins und Serena Williams bei den French Open

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Ich hatte einen Riss zweiten Grades im Bauch. Die Folge? Ich bin nach Hause gefahren und habe alle Rasenturniere vor Wimbledon verpasst. Vor dem Klassiker hatte ich nur ein paar Trainingstage und wirklich Angst, dass ich mich erneut verletze. Meiner Meinung nach ist es eine der größten Herausforderungen für Sportlerinnen und Sportler, nach einer großen Operation oder Verletzung zurückkommen und dann diese mentale Blockade zu überwinden. Du musst einen Weg finden, um diese unerwünschten Gedanken loszulassen.

"Ich war in einem unglaublichen Flow"

Ein kleiner Durchbruch gelang mir ein paar Wochen später in Palermo. Kurioserweise deshalb, weil ich eine leichte Sehnenentzündung im Ellenbogen hatte, die mich vom Bauchbereich ablenkte. Es fühlte sich auf einmal großartig an, weil ich die Schmerzen in den Bauchmuskeln nicht mehr spürte. Ich habe dann in Palermo prompt meinen ersten WTA-Titel gewonnen und nur eine Woche später in San José meinen zweiten. Ich war einfach in einem unglaublichen Flow! Auf dem Court musste ich nicht viel nachdenken, weil ich in der "Zone" war, wie es bei uns heißt.
Jeden Tag ein Match nach dem anderen spielen zu können - ich war das ja gar nicht mehr gewöhnt - ließ die Operation auf einmal viel lohnender erscheinen. Ich hatte das Gefühl, dass alles besser geworden war, wenngleich ich nicht ganz realisiert hatte wie drastisch. Es war ein Unterschied wie Tag und Nacht: Ich muss mir keine Sorgen mehr machen, dass meine Periode kommt und wie stark sie sich dieses Mal auf meine Leistung auswirken würde. Die Überlegungen, inwiefern ich mein Training anpassen muss, wie ich an zusätzlichen Schlaf komme - hinfällig. Zu wissen, dass ich jetzt durchhalten und physisch sowie mental bestehen kann, ohne die permanente Angst zu haben, mich bis zu zwei Wochen mit schrecklichen Schmerzen zu quälen, hat mir wirklich geholfen. Ich konnte eine neue Seite aufschlagen, hatte wieder das Selbstvertrauen, nach vorne zu schauen.

Danielle Collins nach ihrem zweiten WTA-Turniersieg in San José

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Zugegeben, ich muss jetzt für den Rest meines Lebens Medikamente nehmen, damit das Endometriosegewebe nicht nachwächst. Mir ist klar, dass das Gewebe manchmal nach einer Operation innerhalb weniger Jahre nachwachsen kann, aber die Medikamente sollen eben genau das verhindern.
Für mich ist es sehr wichtig, meine Reise zu teilen, denn ohne meine Freundin, die schon Endometriose hatte, wäre es sehr schwierig geworden, herauszufinden, was ich habe. Als Tennisprofi mit einer Fangemeinde spüre ich, dass dies eine perfekte Gelegenheit ist, meinerseits zu dieser Freundin zu werden, die mit ihrer Geschichte andere unterstützen kann. Es ist erstaunlich, was inzwischen mithilfe laparoskopischer Operationen und spezieller Medikamente möglich ist. Das sollte den Menschen viel Vertrauen geben, denn Endometriose ist behandelbar.

Du musst die Erkrankung erst einmal erkennen

Nur: Zuallererst muss man erkennen, dass man diese Krankheit hat. Deshalb ist es so wichtig, darüber eine Diskussion anzustoßen.
In letzter Zeit bin ich in den Medien vermehrt über das Thema gestolpert, weil viele prominente Leute bereit waren, über ihre eigenen Kämpfe zu berichten. Amy Schumer zum Beispiel war auf Instagram phänomenal - und hat als erfolgreiche Comedienne eine so große Fangemeinde.
Aber im Allgemeinen glaube ich, dass wir als Frauen nicht genug über unsere Periode sprechen. Wir halten das Thema unter Verschluss. Selbst als Kinder bekommen wir in der Schule nicht viele Informationen und Endometriose war schon gar nicht Teil des Lehrplans!
Es muss aber möglich sein, sich über diese Dinge bequem zu unterhalten, damit wir uns gegenseitig helfen können.
Ich hatte vor ein paar Monaten in San José einen erstaunlichen Moment. Da kam eine Frau auf mich zu und sagte mir, dass das Lesen meiner Geschichte sie dazu gebracht habe, einen Arzt in Kalifornien zu konsultieren - was zu einer Operation führte. Ich treffe natürlich nicht jede Frau persönlich, die an Endometriose leidet - aber ich hoffe, dass meine eigenen Erfahrungen anderen Frauen helfen.
Eure Danielle
Ungefähr zehn Prozent der Frauen leiden an Endometriose - mehr Informationen gibt es hier auf den Seiten der WHO.
Folgt Danielle Collins doch auf Instagram (@danimalcollins)

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