Der Renaissance-Mann: Wie sich Roger Federer neu erfunden hat

Der Renaissance-Mann: Wie sich Roger Federer neu erfunden hat

Zwölf Monate nach Roger Federers glanzvoller Rückkehr bei den Australian Open 2017 erzählen wir die Geschichte hinter dem grandiosen Comeback des vielleicht größten Tennis-Stars aller Zeiten.

Mackie McDonald, Platz 321 der Weltrangliste, feuert seinen zweiten Aufschlag ab. Einer seiner besten, denkt er. Doch da gibt es ein Problem: Roger Federer steht ihm gegenüber. Der Schweizer, gerade wieder nach einer viermonatigen Verletzungspause zurück im Training, gibt dem Ball mit seiner Rückhand einen enormen Unterschnitt. Er landet hinter dem Netz und der gewaltige Spin katapultiert ihn direkt zurück auf Federers Spielfeldseite. Unglaublich. Eigentlich unspielbar.

Das segelförmige Sieben-Sterne-Hotel Burj al Arab, Dubais hoch prunkvolles Wahrzeichen ragt im Hintergrund majestätisch in den Himmel der Metropole am persischen Golf. Federer ist zurück, nachdem er sich im Januar 2016 beim Schwimmen mit seinen Zwillingstöchtern einen Meniskusriss zugezogen hatte, der ihn ab Juli zu einer sechsmonatigen Spielpause gezwungen hatte.

"Sein Ballgefühl ist irre", sagt McDonald, der aus Respekt vor der Privatsphäre des Spielers, den er als Teenager vergöttert hat, bis heute nicht öffentlich über die Trainingsspiele Ende 2016 gesprochen hat. Der 22-Jährige, selbst ein ernst zu nehmender Spieler und inzwischen auf Platz 176 der Weltrangliste, war gemeinsam mit seinem amerikanischen Kollegen Ernesto Escobedo extra für das Training mit Federer eingeflogen worden. "Ich kam Montag früh an. Ich erinnere mich, wie Roger in seinem Mercedes vorfuhr. Er schlenderte mit seiner Tasche über der Schulter zum Platz – er ist ein ziemlich cooler Typ, er geht aufrecht und entspannt – und er kam auf mich zu und fragte: ‘Wie geht’s? Wie war dein Flug?‘ Er war herzlich und locker."

Das Trio trainierte mit Federers Trainerteam, damit der Schweizer vor seinem Comeback bei den Australian Open 2017 wieder seinen Rhythmus finden konnte. Im Rückblick beschreibt McDonald Federer immer wieder als "Paradebeispiel eines Athleten, ein Spieler, wie aus dem Lehrbuch" – selbst Tennisexperten, die seine Technik hautnah studiert haben, sprechen über sie wie über ein Kunstwerk.

Und doch gab es Bereiche, in denen der Schweizer noch immer nach Verbesserungen suchte, sich noch immer perfektionieren wollte, während er sich auf seine Fitness konzentrierte. "Er ließ durchblicken, dass seine Gesundheit für ihn sehr wichtig ist“, fügt McDonald hinzu: "Er muss sorgsam mit ihr umgehen. Er hat alles, was es braucht, aber es sind die winzigen Details, auf die es ankommt.“

Seine unfassbaren Fähigkeiten hatten Federer nicht verlassen. Das Problem war nur, dass er seit vier Jahren keinen Grand Slam mehr gewonnen hatte. Nach seiner Niederlage gegen Sergiy Stakhovsky, aktuell Nr. 122 der Weltrangliste, in der zweiten Runde von Wimbledon 2013, hatten ihn viele abgeschrieben. John McEnroe war überzeugt, dass er nie wieder ein Major-Turnier gewinnen würde. Seitdem redeten alle vom Karriereende.

Doch zwei Monate nach dem Training mit McDonald, Escobedo und später Lucas Pouille in Dubai, gewann Federer die Australian Open – direkt nach der längsten Verletzungspause ganzen Karriere. Noch im selben Jahr wurde er mit 35 Jahren ältester Wimbledon-Champion seit Beginn der "Open Era“ - ohne Satzverlust! Es waren seine Grand-Slam-Titel Nummer 18 und 19 - und der Sieg in Melbourne wohl seine beste Leistung überhaupt.

Wie schafft er das bloß? An welchen Details hat Federer geschraubt, um seinen Abstieg aufzuhalten und das wohl aufregendste Comeback der Tennisgeschichte hinzulegen? Welches Geheimnis steckt hinter seiner unglaublichen Beständigkeit?

Federers Grand-Slam-Erfolge

Das Formen einer neuen Waffe

Jetlag und Ohrenschmerzen führen nicht allzu oft zu einer neuen Erfindung. Doch offenbar waren sie 2015 der Auslöser dafür, dass Federer sein Spiel um eine weitere Angriffs-Komponente erweiterte. Nach einem Flug nach Cincinnati, wo er im August vor dem Masters-Turnier auf dem Centre Court trainierte, hatte der Schweizer mit Jetlag zu kämpfen, während sein Trainingspartner, der Franzose Benoit Paire, Probleme mit den Ohren hatte.

"Es war eine sehr schöne Trainingseinheit, sehr entspannt“, sagt Paire zu Eurosport: „Es war mein erstes Training vor Ort, ich war gerade angekommen.“ Tatsächlich war die Einheit so locker, dass Federer, der für seine Späße im Training bekannt ist (McDonald erinnert sich, wie er seine Trainer ärgerte, indem er unter lautem Stönen die Rückhand beidhändig zurückspielte), beschloss, dem Match etwas mehr Feuer zu geben, indem er beim Return sofort über die Grundlinie lief, den Ball mit einem Halbvolley zurückblockte und ans Netz stürmte. Die Erschöpfung spielte wohl auch eine Rolle, Federer wollte die Ballwechsel möglichst kurz halten.

"Es war ein Witz und es war echt lustig“, fügt Paire hinzu: "Ich war sehr überrascht. Zuerst machte Roger es nur zum Spaß. Wir spielten um Punkte und er setzte seine SABR (‘Sneak Attack By Roger‘, wie sie später getauft wurde) immer wieder ein. Es hat funktioniert, also hat er damit weiter gemacht und dann beschlossen, sie auch im Match einzusetzen!“ Ermutigt von seinem Trainer Severin Lüthi, nutzte Federer diese Taktik im Turnier und bezwang im Finale Novak Djokovic.

Es mag sich einfach anhören, ist es aber ganz und gar nicht. Sich an einen 145-km/h-Aufschlag anzuschleichen, ist etwas anderes als das traditionelle "Chip and Charge“. Es ist viel schwieriger als einen Aufschlag von der Grundlinie mit einem Slice zurückzuspielen und stellt ein enormes Risiko dar. Der Schwierigkeitsgrad zeigt sich darin, dass kein anderer Spieler seine eigene Version von SABR konsequent anwendet. Doch wenn Roger SABR einsetzt und dies zum Erfolg führt, kann das einen Spieler – sogar einen wie Djokovic – verunsichern. Damit setzt er seine Gegner beim Aufschlag direkt unter Druck und zwingt ihn härter oder näher an die Linien aufzuschlagen.

Es gab allerdings auch Kritik an dieser Taktik – einige sagten, Federer sollte sich während des Aufschlags seines Gegners nicht so viel bewegen. Unter diesen Kritikern war auch Djokovics damaliger Trainer Boris Becker, der die Taktik als "fast schon respektlos“ bezeichnete. Mittlerweile hat der Eurosport-Experte seine Position dazu etwas gelockert. "Rogers SABR war eine kleine Überraschung, denn er hatte sie schon einmal vor drei Jahren im Training eingesetzt“, sagte Becker zu Eurosport:

"Er kann sich das leisten, weil er dieses unglaubliche Talent mit dem Schläger hat. Viele Spieler würden die Taktik gern anwenden, sind aber technisch zu begrenzt. Bei Rogers Technik gibt es hingegen keinerlei Einschränkungen."

"Er empfand das einfach als weitere Ergänzung seines Arsenals, um den Gegner früh unter Druck zu setzen." Die Ironie ist, dass Federer seine eigenen Erfahrungen mit dem, was ihm selbst auf dem Platz Schwierigkeiten bereitet, nutzt und das zu seinem Vorteil umwandelt. Nachdem er am Anfang seiner Karriere Schwierigkeiten mit Spielern gehabt hatte, die "Chip und Charge" spielten (Stars wie Tim Henman, der dem Schweizer große Schwierigkeiten bereitete und Mario Ancic, der ihn 2002 in Wimbledon besiegte), ist nun er derjenige, der Druck ausübt.

"Diese Taktik macht ihm richtig Spaß auf dem Platz", sagt Alex Corretja, der drei von fünf Spielen gegen den Schweizer gewinnen konnte: "Er sieht das Spiel aus einer anderen Perspektive als andere und manchmal tut er einfach so etwas, weil er einen so entspannten und lockeren Stil spielt, dass er einfach etwas Neues erfinden kann, das niemand zuvor gesehen hat.“

Serena Williams’ Trainer Patrick Mouratoglou ist der Meinung, dass diese Hochrisikostrategie Federers Mut und Aggressivität ebenso wie sein Können widerspiegelt: "SABR sagt viel über Rogers Willen aus ans Netz zu gehen und hundertprozentig offensiv zu spielen. Es macht Spaß zuzuschauen, es ist spektakulär“, so der Franzose zu Eurosport. Federer hat sich nicht nur selbst neu erfunden und die Stärken anderer Spieler zu seinen eigenen gemacht, sondern auch die Grenzen des Tennis neu definiert.

Video - "SABR": Wie Federers neue Geheimwaffe die Gegner verzweifeln lässt

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Unglaubliche mentale Entwicklung

"Früher hat er seinen Schläger geworfen und den Fokus verloren – er war wie ein Kind“, sagt Corretja: „Er hat oft seinen Schläger geworfen und seinen Fokus verloren… aber er hat sich mental unglaublich entwickelt. Er hat es geschafft, viel ruhiger zu werden und sich zu kontrollieren.“

Derselbe Spieler, der sich auf der ATP-Tour von einem Hitzkopf zu einer eiskalten Siegesmaschine entwickelt hat, hat nach sechs Monaten Spielpause wieder einmal einen neuen Ansatz gefunden – und eine neue Inspirationsquelle. Vor allem Federers extrinsische Motivation hat sich verändert. Diesmal war er davon angetrieben, dass seine vier Kinder – zwei Jungs und zwei Mädchen, jeweils Zwillinge – mit eigenen Augen ihren Vater spielen und natürlich siegen sehen sollten.

Video - Federer muss Kindern "erklären, dass Papa nicht immer der Beste ist"

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"Ich denke, die Kinder (Myla Rose und Charlene Riva, acht Jahre alt, und Leo und Lennart, drei Jahre alt) waren ein Faktor bei seinem Comeback. Er wollte, dass sie - vor allem die Mädchen - eine bewusste Erinnerung daran haben, ihn spielen gesehen zu haben“, sagt Federer-Biograf Chris Bowers zu Eurosport: "Seine Kinder waren sicherlich ein Motivationsfaktor.“

Es ist nicht das erste Mal, dass Federer seine Einstellung verändert hat. Die Niederlage gegen Franco Squillari 2001 in Hamburg war ein weiterer Wendepunkt. Der junge Federer schleuderte nach der 6:3-6:4-Niederlage seinen Schläger unter den Schiedsrichterstuhl. In diesem Moment wurde ihm bewusst, dass er sein Verhalten radikal ändern musste, bevor sein Spiel darunter litt. Die Entwicklung war von Erfolg gekrönt und Federer erreichte bei seinen nächsten beiden Grand Slams, den French Open und Wimbledon, das Viertelfinale. Ein Erfolg, der ihm bis dahin nicht vergönnt gewesen war. Auch der Tod seines Trainers Peter Carter bei einem tragischen Unfall, führte ihn zu einer umfassenderen Perspektive.

Der bekannte Sportpsychologe Roberto Forzoni, der bereits mit Stars wie Andy Murray gearbeitet hat, hat keinen Zweifel daran, wie stark Federer gewesen sein muss, um vom Hitzkopf zu so einer eiskalten Präsenz zu werden. Er sagt: "Viele Spieler, vor allem die jungen, haben Schwierigkeiten, ihre Emotionen auf dem Platz zu kontrollieren. Eine solche Veränderung zu vollziehen, erfordert besondere Fähigkeiten und Hingabe.“ Forzoni ist sogar der Meinung, dass diese Neuorientierung ein entscheidender Faktor für Federers Erfolg gewesen sein könnte: "Es ist niemals leicht, sich von jemandem, der die Kontrolle verliert, zu jemandem zu entwickeln, der vollständig die Kontrolle behält. Wenn ein Spieler diesen Prozess durchläuft und sich dadurch verbessert, wird es für ihn in der Folge immer leichter und lohnender – fast wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung“. Forzoni weiter: "Du entwickelst die Bereitschaft, dich zu verändern und benutzt Strategien, dich daran zu erinnern, die Kontrolle zu behalten. Letztlich erkennst du die Vorteile und der Zyklus setzt sich fort.“

Wohl noch bemerkenswerter war die Art und Weise, wie sich Federer nach seiner sechsmonatigen Pause für sein Comeback motivierte. Wie gelang es ihm, konzentrierter als je zuvor zurückzukehren? "Ich denke, es liegt an seiner Liebe zu diesem Sport“, sagt Becker: "Sein Comeback nach sechs Monaten zeigt, wie sehr Roger Tennis liebt.“

"Er hatte keinen Grund für ein Comeback. Er hat jedes Turnier mehrmals gewonnen, mehrere Grand Slams. Er muss den Sport sehr lieben, um sich durch die kräftezerrende Reha zu quälen und noch einmal zu dem Punkt zu kommen, wo er heute steht."

Federer hat diese Entwicklung vom "Kind" zum Mann nie vergessen und als Vorbild für spätere Veränderungen genutzt. Auch dieses Mal, als seine große Karriere bereits vorbei schien. "Jeder sieht sein Talent, das ist offensichtlich, aber Roger ist auch ein unglaublicher Kämpfer“, sagt Mouratoglou: "Sein Glaube an sich selbst ist stärker als bei jedem anderen Spieler und er gibt niemals auf. Bei großen Matches ist er immer in der Lage, sein Niveau noch zu steigern.“

David Law, der den großen Schweizer bei seinem ersten Auftritt vor 20 Jahren als einer der ersten kennenlernte, erinnert sich an dessen Stimmung vor dem Comeback in Melbourne im vergangenen Jahr, als er im Players’ Garden mit Federer und Trainer Ivan Ljubicic sprach: "Wir haben uns über Vaterschaft, verschiedene Spieler und andere Dinge unterhalten. Ich schaue auf den großen Bildschirm und denke plötzlich 'Meine Güte, du bist in einer halben Stunde auf dem Platz!' Das war sein erstes Spiel nach sechs Monaten Pause. Hier sitzt er, schaut auf den Bildschirm, Angelique Kerber spielt vor ihm, und er sagt zu mir 'Ich gehe dann mal besser – ich bin als Nächster an der Reihe'“, so der Kommentator und Podcast-Moderator.

Roger Federer

Das "Mastermind" hinter der harten Arbeit

Im Laufe von Federers abwechslungsreicher Karriere hat er mit verschiedenen namhaften Trainern zusammengearbeitet, doch eine entscheidende Persönlichkeit ist immer geblieben. Pierre Paganini, der Fitness-Guru, der für die Ernährung, das körperliches Training und den Zeitplan des 36-Jährigen verantwortlich ist, gilt als der "unglaubliche Kopf" hinter dem Schweizer und seiner bemerkenswerten Beständigkeit.

"Als Roger ein Teenager war, erkannte Paganini, dass es sinnlos war, zu ihm zu sagen: 'Du musst ins Fitnessstudio'“, erinnert sich Bowers: "Er sah es als seine Aufgabe an, sein Fitnessprogramm interessant und abwechslungsreich zu gestalten, damit Roger immer motiviert und voll engagiert war, weil es seinen Geist wie auch seinen Körper stimulierte."

Wenn Spieler wie Nick Kyrgios und Bernard Tomic darüber sprechen, wie sehr sie das Training verabscheuen, wobei ihr Mangel an Erfolg diese Haltung widerspiegelt, ist es sinnvoll, sich die Frage zu stellen, wie wichtig ein kreativer Kopf hinter der ganzen Schufterei für einen Spieler ist. Genau das bietet Paganini dem unermüdlich positiven und optimistischen Federer – und er könnte nicht wertvoller für seinen Starschüler sein.

Federers ehemaliger Trainer Paul Annacone erklärt Eurosport: "Paganini ist einfach ein unglaublicher Kopf. Er ist ein Trainer, der mit Erfahrung arbeitet. Sie arbeiten seit mittlerweile 20 Jahren zusammen und Roger hat großes Vertrauen zu ihm."

"Pierre entwickelt so viele praktische Anwendungen in seinem Training, dass er es spannend und interessant halten kann. Neu, lebendig und kreativ. Es passt perfekt zu der Art, wie Roger Tennis spielt und man sieht, dass er das alles auch nach all den Jahren noch genießt. An jedem Lächeln, jedem Lachen, den Übungen und der harten Arbeit."

Die Spieler sprechen immer von der Tour-Tretmühle. Andre Agassi ist vielleicht das berühmteste Beispiel für einen Star, der in die Tour gedrängt wurde, und für den es deshalb oft schwierig war, sich zu motivieren. Im Gegensatz dazu liebt Federer immer noch den Sport und - vielleicht noch wichtiger im Zusammenhang mit seinem langen Comeback – auch das Training. Als er im Dezember 2016 einen, bei ihm sehr seltenen, Einblick in seine Methoden live auf Twitter gab, wurde deutlich, wie einzigartig und innovativ sein Training ist.

Der ehemalige Zehnkämpfer Paganini, der mit Federer zusammenarbeitet, seit er als 14-Jähriger das Schweizer Junior-Tennis-Centre besuchte, reist selten mit dem Team. Sein Einfluss ist dennoch immens. Als einer der ersten Fitnesstrainer, der zusätzlich die volle Entscheidungshoheit über die Ernährung und den Turnierplan seines Spielers forderte, lieferte er Federer von Anfang an die Struktur und Disziplin, die ihn schnell zu einem erfahrenen Tour-Profi machten. Und er war ein wichtiger Faktor für das erfolgreiche Comeback des 36-Jährigen im Januar 2017.

Warum liebt Federer den Sport immer noch so sehr, obwohl er doch schon fast alles erreicht hat? Paganinis innovative Methoden und sein kreatives Denken haben viel damit zu tun.

Die Rückhand – Das fehlenden Puzzlestück

Federers Rückhand war immer der schwächste Teil seines Spiels. Jedoch hat das Wort "schwächste“ in diesem Fall nichts mit "schwach“ zu tun. Es gibt nichts Schwaches an Federers Schlag, der einem Pinselschwung mehr ähnelt als einem Grundlinienschlag. Doch 2013 malte dieser Pinsel nicht die Bilder, die Federer sich wünschte – die ästhetische und frei fließende Bewegung musste sich der zweihändigen Brutalität eines Andy Murray, Novak Djokovic oder Rafa Nadal geschlagen geben. Doch nach seinem Sieg über Nadal in Melbourne im vergangenen Jahr, bemerkte der Spanier, dass sich etwas verändert hatte:

" Roger hat etwas Unglaubliches geleistet. Ich glaube, es stimmt... Auch seine Rückhand ist jetzt großartig."

Damit sagte Nadal nichts, das nicht bereits zuvor kommentiert worden war, aber von ihm hatte es unglaubliches Gewicht. Nicht nur, weil er es selbst erlebt hatte, sondern auch, weil die beiden bis zu diesem Zeitpunkt bereits 34 Mal aufeinander getroffen waren und Nadal im direkten Vergleich mit 23:11 führte.

2004 schlug das damals 17-jährige „Wunderkind“ Federer zum ersten Mal. Mit den Jahren wurde klar, dass sein Spiel ideal dazu geeignet war, seinen älteren Kontrahenten auf dem Platz auseinanderzunehmen. Seine linkshändige Cross-Court-Vorhand, im Sand von Mallorca geboren, wo die ungeheure Härte noch größeren Spin erzeugt, ist eine der tödlichsten Waffen im Spiel überhaupt - und für seinen größten Rivalen wie Kryptonit. Nadal zielt mit diesem Schlag explizit auf die schwächere Rückhand des Schweizers, zwingt ihm sein Spiel auf und diktiert somit die Ballwechsel.

Corretja erinnert sich an eine ähnliche Strategie, als er im Viertelfinale der French Open 2001 gegen Federer gewann: "Ich habe nach dem Spiel mit meinem Vater gesprochen und er sagte zu mir: 'Dieser Typ spielt gut, aber er macht viele Fehler, besonders bei hohen Bällen auf seine Rückhand‘ - und ich sagte: 'Nun ja, aber das war die einzige Stelle, auf der ich ihn anspielen konnte.‘“

Federer, der immer nach Wegen gesucht hat, seine Rückhand zu verbessern, seit er als Zwölfjähriger das Experimentieren mit der beihändigen Rückhand aufgegeben hat, hatte eine verwundbare Stelle in seinem Spiel. Ironischerweise war es seine Fähigkeit, den Ball einhändig sauber zu schlagen, die ihn behinderte. Die Freiheit schränkte ihn also sozusagen ein.

Es ist sehr schwierig , bei hoch springenden Bällen die Kraft und Kontrolle zu behalten. Deshalb ist es umso erstaunlicher, dass Federer in seinen besten Jahren mit Leichtigkeit Grand Slams sammelte. Diese Leistung spricht Bände über seine unglaublichen Allround-Fähigkeiten. Aber die hohe Geschwindigkeit und der Spin, den Nadal auf den Ball brachte, vergrößerten das Problem, und der Spanier gewann in ihrer großen Rivalität allmählich die Oberhand.

Video - Sports Explainer: Wie Federers Rückhand zum Schlüssel gegen Nadal wurde

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Vor vier Jahren machte sich Federer daran, seine Schwäche zu beheben. Der erste Schritt schien bemerkenswert einfach zu sein…

Nadal gezähmt

Ein Schlägerwechsel – speziell zu einem Schläger mit größerem Kopf und damit größerem Sweetspot und größerer Konsistenz bei Topspins – das klingt nicht so schwierig. Doch es ist alles andere als einfach, das Werkzeug zu verwerfen, das einem 17 Grand-Slam-Titel einbrachte. Die besten Spieler verbringen Tausende von Trainingsstunden mit ihren Schlägern und sind so sehr auf sie eingestimmt – auf den Griff, den Rahmen, das Gefühl, die Saiten, die Spannung – dass ihnen jede kleinste Veränderung auffällt.

"Ich habe versucht, Pete Sampras davon zu überzeugen, zu einem größeren Racket zu wechseln, aber ich hatte nie Erfolg damit, weil er so vertraut war mit dem, was er kannte“, fügt Annacone hinzu: "Roger dagegen war sehr offen für diese Gespräche und die Möglichkeit eines Wechsels und er verstand das damit verbundene Für und Wider. Er wollte es gern versuchen, es ging nur darum, den richtigen Zeitpunkt zu finden.“

The Federer backhand: A brushstroke more than a groundstroke

Es dauerte noch bis 2014, bis Federer dauerhaft wechselte. Währendessen half ihm sein neuer Trainer Stefan Edberg, einer der besten Serve-and-Volley-Spieler aller Zeiten, dabei, seine Angriffstechnik zu verbessern. Federers Rückhand wurde nun stärker als Waffe eingesetzt. Als ein Schlag, der Ballwechsel entscheidet, statt sie nur zu verlängern. Er hatte nun größeres Vertrauen, mit Drive Volleys und SABR öfter ans Netz zu gehen und den Gegner unter Druck zu setzen.

Es war eine Evolution, keine Revolution, die seinen zukünftigen Erfolg begründete. Djokovic und Murray, beide sechs Jahre jünger, hatten sich zu den dominierenden Kräften entwickelt, sogar noch vor Nadal, und sie erweiterten die Grenzen von Ausdauer und Athletik. Sie gewannen Matches von der Grundlinie aus mit der Präzision eines Metronoms und mit unfassbaren Kontern.

Federer dagegen erreichte mehr mit weniger Aufwand – er baute seinen Erfolg über kürzere Ballwechsel aus. Dieser Prozess begann natürlich mit Edberg, doch 2015 endete diese Zusammenarbeit und der Schweizer ersetzte sein Kindheitsidol durch seinen Freund Ivan Ljubicic. Es schien eine seltsame Entscheidung zu sein: Wie sollte jemand mit nur einem einzigen Masters-Titel den weltbesten Spieler trainieren? Jemanden, der in der Vergangenheit ganz ohne Trainer Erfolge gesammelt hatte?

Aber es funktionierte. Ljubicic ging stark in die Details und baute Federers Stärken weiter aus. Er optimierte seine Schläge und überzeugte ihn davon, dass auch Änderungen in seinem Spiel funktionieren werden. Es gab drei Dinge, durch die der Kroate vielleicht besser qualifiziert war als jeder andere. Erstens: Er hatte Federer in seiner frühen Karriere dreimal geschlagen und kannte daher die Schwachpunkte des Schweizers. Zweitens: Er hatte eine mächtige einhändige Rückhand, mit der er Punkte erzwingen konnte. Und drittens: Er war (und ist) ein kluger Stratege.

Team Federer: Pierre Paganini, Severin Lüthi und Ivan Ljubicic

Team Federer: Pierre Paganini, Severin Lüthi und Ivan LjubicicImago

Vielleicht werden wir nie erfahren, wie weit der Einfluss von Ljubicic reicht – er selbst gibt keine Interviews und Federer ist niemals wirklich auf die Einzelheiten ihrer Beziehung eingegangen – aber vor allem die Rückhand-Returns haben sich merklich verbessert. Der Tennisstar ließ durchblicken, dass Ljubicics Aufgabe darin besteht, die kleinen Details seines Spiels zu verbessern, für "diese kleinen Extra-Prozente“. Bowers stimmt zu: "Ich denke, was Federer von einem Trainer braucht, ist vor allem eine wirklich gute Diskussion in der Nacht vor dem Match. Er sagt Roger Dinge, die er bereits weiß, aber an die er erinnert werden muss – auf dieser Ebene funktioniert die Beziehung der beiden.“

Selbst während des Australian-Open-Finals gegen Nadal, als es im entscheidenden Satz 3:1 gegen ihn stand, verließ sich Federer bei fast jeder Gelegenheit voll auf seine Rückhand und schien wie an der Grundlinie festgeschweißt, während er sich bemühte, Nadals Winkel und Reaktionszeiten zu verkürzen und den Spanier zu attackieren. Er wich keinen Millimeter vom Plan ab.

Offenbar war er während seiner Zwangspause nicht untätig gewesen. Während andere dachten, er würde nie wieder derselbe sein und die Forderungen nach seinem Ruhestand wieder lauter wurden, legte sich Federer eine Strategie für sein Comeback zurecht. Auf dem Trainingsplatz entwickelte er gnadenlose Returns und eine ‚großartige‘ Drive-Rückhand. "Allein wenn man sich anschaut, wie er in Australien gespielt hat… seine Rückhand hatte mehr Drive, er blieb knallhart auf der Linie", fügte McDonald hinzu: "Wahrscheinlich hat er in Dubai an diesen Dingen gearbeitet, als niemand mehr an ihn dachte!“

Video - Federer über Australian-Open-Matchball 2017: "Emotionen und Adrenalin pur"

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Neben dem furiosen Finale in Melbourne hat Federer auch die anderen drei Duelle gegen Nadal in 2017 für sich entschieden. Es ist das ultimative Kompliment für seine verbesserte Rückhand.

Das wahre Geheimnis seiner Beständigkeit

Was ist das Geheimnis, um im Tennis auf höchstem Niveau nachhaltig erfolgreich zu sein? Einer der am meisten unterschätzten Aspekte ist sehr einfach: fit bleiben. Sehr oft ist die Abrufbarkeit der Leistung die wesentliche Fähigkeit, die die besten Spieler der Welt von den übrigen unterscheidet - und Federer ist ein Meister im Management sowohl seines Körpers als auch seines Zeitplans. Abgesehen von seiner sechsmonatigen Pause und gelegentlichen Rückenbeschwerden war Federer im Laufe seiner Karriere bemerkenswert gesund. Glück? Vielleicht. Aber da er mittlerweile seit 1998 Profi ist, muss man ihm wohl mehr als nur Glück zuschreiben.

Insider sagen, er hat sich einen Spielplan für eine lange Zeitspanne zurecht gelegt – eines der großen Geheimnisse seiner scheinbar endlosen Brillanz. "Ich denke, sein Fitnesstraining ist ein Teil davon, und der andere ist, dass er eine Form von Tennis spielt, die seinen Körper nicht überstrapaziert“, glaubt Bowers: "Ich denke, da ist ein Element der einhändigen Rückhand, das den Körper weniger beansprucht, genau wie die Vorhand mit der fast schon übertriebenen Schlägerhaltung. Diese Spielweise stresst den Körper weniger als die von Nadal, Djokovic und Murray. Andere Spieler schlagen den Ball auf dem hinteren Fuß mit einem leichten Knick im hinteren Rücken. Deshalb überrascht es mich nicht, dass so viele Probleme im Lenden- und Hüftbereich bekommen.“

Federers Spielstil ist nicht nur ästhetisch ansprechend, er scheint auch über all die Jahre seine Fitness erhalten zu haben. Einfach ausgedrückt, hat er eine Spieltechnik für die Ewigkeit.

"Früher dachten die Spieler: ‚wenn ich ein paar Monate aussetze, komme ich nie wieder zurück‘, deshalb machten sie keine Pausen und verletzten sich“, sagt Mouratoglou: "Roger scheute sich nicht vor Gedankengängen wie: 'Ok, ich will noch einige Jahre lang spielen, ich bin nicht mehr jung und mein Körper kann es sich nicht leisten, die selben Sachen zu machen, wie mit 20–25. Also sollte ich klug sein und weniger spielen.‘ Es geht darum, für die wichtigsten Turniere fit zu sein, für die Grand Slams.'"

" Ich denke, er hat gezeigt, dass er durch sorgfältigen Aufbau seines Zeitplans sechs Monate Pause machen kann – obwohl er nicht einfach irgendjemand ist, obwohl er kein gewöhnlicher Spieler ist – und dann zurückkommt und mehr gewinnt als zuvor."

Als Federer im vergangenen Jahr über seine erstaunliche Fähigkeit sprach, seinen Körper zu managen, sagte er, er wäre "dankbar“ dafür, während seiner gesamten Karriere weitgehend gesund geblieben zu sein. Besonders auffällig wurde dies angesichts der zahlreichen Verletzungen, die seine Rivalen erlitten. Nach den World Tour Finals 2017 sagte Federer: "Damals, etwa mit 30, mussten viele Spieler ihre Karriere beenden – du musst deinen Zeitplan anders handhaben. Einige Spieler verausgaben sich 15 Jahre lang, bis sie zusammenbrechen.“ Mit 36 Jahren hat er bereits Legenden wie Sampras, der sich mit 32 Jahren zur Ruhe setzte, Björn Borg (26) und Becker (31) überdauert – und nicht nur überdauert, sondern sich sogar noch verbessert, trotz der kräf­te­zeh­renden Anforderungen des Zeitplans der ATP-Tour.

Seine Entscheidung, die French Open auszulassen – die auf seinem schwächsten Belag (Sand) gespielt werden, der zudem noch besonders anstrengend zu spielen ist – und sich auf Wimbledon zu konzentrieren, war ein weiterer Geniestreich. Er schlenderte zum Titel, ohne auch nur einen einzigen Satz abzugeben. Die schnellen Plätze passten noch besser zu seinen flacher gewordenen Grundlinienschlägen. Nachdem Nadal, der Sieger der beiden anderen Majors 2017, ebenfalls nach einer langen Pause zurückkehrte und die Williams-Schwestern nach dem Spielen nur weniger Matches das Finale der Frauen in Melbourne bestritten, zeigte sich ein Trend - und Federer war der Vorreiter.

Diese besondere Regeneration von Federer, sein Modell 2017, könnte ein Vorbild für Spieler sein, die sich auf bestimmte Beläge spezialisieren wollen, vor allem in den letzten Jahren ihrer Karriere.

Becker erklärte Eurosport: "Alles dreht sich um seine Planung und hier war er cleverer als alle anderen. Er weiß, welche Turniere ihm wichtig sind, und plant die Pausen dazwischen. "

"Ich denke, seine Frau Mirka spielt eine sehr wichtige Rolle dabei, ebenso die ganze Familienkonstellation und sein Management – alles ist so aufgebaut, dass er in der bestmöglichen Form sein kann. Ich denke, deshalb ist er nach all diesen Jahren immer noch so erfolgreich."

Wie bereits erwähnt hat Paganini hierbei ebenfalls großen Einfluss. Aber insgesamt gründet Federers bemerkenswerte Beständigkeit vor allem auf der Denkweise, nicht kurzfristig zu handeln und zu planen, so wie es andere heutige Sportstars tun, die dann später die Konsequenzen tragen müssen.

Djoker im Spiel?

Last Supper at the top table: (clockwise, from bottom left) Murray, Nadal, Federer, Djokovic

Die Debatte, ob Federer der "Größte“ männliche Spieler der Geschichte ist, ist im Großen und Ganzen entschieden. Selbst wenn man die Unterschiede der Epochen in Betracht zieht (z.B. Rod Lavers Zwangspause, während er von den Grand Slams ausgeschlossen war) und den direkten Vergleich betrachtet, ist es nach dem unglaublichen Jahr 2017 endgültig an der Zeit, Federer als den Besten zu bezeichnen. "Ich kann nur sagen, dass Roger der Größte aller Zeiten ist. Er spielt das beste Tennis, das je gespielt wurde und er gewinnt immer noch“, sagt Mouratoglou.

Dennoch – es gibt immer eine Fußnote, das Kleingedruckte, dass dieser Aussage im Weg stehen könnte. Bei Federers bemerkenswertem Comeback ist diese Fußnote der lange Ausfall seiner Hauptkonkurrenten. Vielleicht ist es irrelevant. Die Statistiken sind eindeutig: 19 Grand-Slam-Titel, drei mehr als Nadal, lügen nicht, besonders wenn sie in der Ära der "Großen Vier" errungen wurden.

Doch in der letzten Saison musste sich Federer nur einem von ihnen in einem Major-Turnier stellen – Nadal. Murray schoss sich selbst ins Abseits. Eine Hüftverletzung war die Konsequenz der unglaublichen Anstrengungen, durch die er Ende 2016 die Nummer Eins wurde. Djokovic fiel ebenfalls aus, nachdem er mit den French Open seinen Karriere-Grand-Slam vollendet hatte. Zudem hatten ihn Ablenkungen außerhalb des Courts und Veränderungen in seinem Trainerteam behindert. Auch Nadal musste mit Verletzungen kämpfen.

Alle drei haben die Zeit auf ihrer Seite. Und doch scheint Federer, wie wir gesehen haben, den Geheimcode seines größten Rivalen, des Spaniers, geknackt zu haben. Und Murray, der zu spät damit begann Majors zu gewinnen, um den Rekord zu gefährden, könnte in Zukunft aufgrund seiner chronischen Hüftprobleme Schwierigkeiten haben, sein bestes Tennis zu präsentieren.

Es bleibt Djokovic, der bis zu seinem Erfolg in Roland Garros zwei Jahre lang das Feld dominierte. Seit den World Tour Finals Ende 2013 führt er im direkten Vergleich mit Federer mit 10:6. Bei Grand-Slams steht es sogar 4:0 für den Serben.

Roger Federer; Novak Djokovic

Die Australian Open versprechen viel Spannung. Djokovic, der vor seinen Verletzungen und außersportlichen Ablenkungen das Feld dominiert hatte, dürfte die größte Gefahrenquelle darstellen. Er hat sechs Mal in Melbourne gewonnen, Federer „nur“ fünf Mal. Ein weiterer Sieg würde ihm zumindest die Tür einen Spalt offen lassen, Federer im Rennen um die meisten Grand-Slam-Siege doch noch zu überholen.

Doch wenn Federer Djokovic schlägt und seinen 20. Major-Titel holt, wäre die Debatte wohl definitiv beendet. In diesem Fall wären die letzten Jahre seiner Karriere, in denen er sein Spiel erfolgreich umgestellt hat, wahrscheinlich seine größte Leistung überhaupt.

Roger und die Neuerfindung des Erfolgs.

Autoren: Kevin Coulson und Dan Quarrell

Illustrationen: Phil Galloway

Grafiken: Chloe Livesey

EinführungDer Renaissance-Mann: Wie sich Roger Federer neu erfunden hat
  • Kapitel 1Das Formen einer neuen Waffe
  • Kapitel 2Unglaubliche mentale Entwicklung
  • Kapitel 3Das "Mastermind" hinter der harten Arbeit
  • Kapitel 4Die Rückhand – Das fehlenden Puzzlestück
  • Kapitel 5Nadal gezähmt
  • Kapitel 6Das wahre Geheimnis seiner Beständigkeit
  • Kapitel 7Djoker im Spiel?