Die Verbindungen in die Ukraine sind eng, ein Großteil der Familie von Eva Lys wohnt noch immer in der Hauptstadt Kiew. Eine Stadt, die der jungen Sportlerin "unbeschreiblich viel" bedeutet und die seit Tagen unter schwerem Beschuss durch das russische Militär steht.
"Es ist schrecklich und ich werde nichts beschönigen", sagt Lys, die in ständigem Kontakt zu den Menschen vor Ort steht und der es wichtig ist, auch selbst Zeichen zu setzen. Beim derzeit laufenden ITF-Turnier in Nur-Sultan bestritt die 20-Jährige ihre Erstrundenpartie daher in einem blau-gelben Outfit.
Allerdings musste die Weltranglisten-311. auch feststellen, dass noch nicht alle Spielerinnen verstanden haben, wie schlimm die Lage in der Ukraine ist.
ATP Nur-Sultan
Schlappe in Nur-Sultan: Alcaraz verliert erstes Spiel als Nummer eins
VOR 4 STUNDEN
Ihre Auftaktpartie gewann Lys mit 7:5, 7:5 gegen Ksenia Zaytseva aus Russland. Danach nahm sie sich die Zeit, um mit Eurosport.de über die Ukraine und ihre Familie zu sprechen.
Das Interview führte Tobias Laure
Sie spielen derzeit das ITF-Turnier in der kasachischen Hauptstadt Nur-Sultan. In der ersten Runde sind Sie in einem blau-gelben Outfit, den Nationalfarben der Ukraine, angetreten. Was löste das in Ihnen aus?
Eva Lys: Es war ein sehr stolzes Gefühl. Ich bin mit meiner Mutter extra vorher noch durch die Stadt gefahren, um etwas Gelbes zu finden. Etwas Blaues hatte ich schon dabei. Aber mir war es sehr wichtig, hier ein Zeichen zu setzen. Ich bin der Meinung, dass man den Krieg in der Ukraine nicht unkommentiert lassen darf und als Sportlerin seine Reichweite einsetzen muss.

Eva Lys spielt beim ITF-Turnier von Nur-Sultan in blau und gelb

Fotocredit: Eurosport

Sie sind in Kiew geboren und in Deutschland aufgewachsen. Welche Bedeutung hat ihr Geburtsort für Sie, gab es regelmäßige Besuche in der ukrainischen Hauptstadt?
Lys: Mir bedeutet Kiew unbeschreiblich viel. Meine Familie stammt von dort und wir waren regelmäßig zu Besuch. Das war ein großer Teil meiner Kindheit und es bricht mir das Herz, wenn ich sehe, was mit den Menschen und dieser schönen Stadt jetzt passiert. Ich verbinde so viele tolle Momente mit Kiew, ich denke da vor allem an die Zeit bei meinen Großeltern und ihren drei Hunden oder auch an die ukrainischen Spezialitäten, die es zu essen gab.
Es ist furchtbar. Ich habe zum Beispiel das Bild einer Freundin meiner Mutter vor mir, die mit ihrer kleinen Tochter in der U-Bahn übernachtet. Wenn wir telefonieren, dann sind die Bombeneinschläge durchs Telefon zu hören. Die Menschen sind hilflos im Angesicht der Angriffe, aber sie sind unglaublich mutig.
Können Sie Ihre Familie im Moment erreichen?
Lys: Ja, wir stehen konstant per Telefon in Kontakt. Das ist extrem wichtig für uns. Der Krieg nimmt jeden mit, aber gerade diejenigen, die vor Ort im Land sind, brauchen jetzt jede nur erdenkliche Unterstützung - und das fängt damit an, dass man sich regelmäßig hört und am Telefon miteinander spricht.
Was erzählen Ihnen die Verwandten aus der Ukraine?
Lys: Ich möchte vorweg eines klarstellen: Es ist schrecklich und ich werde nichts beschönigen. Es ist furchtbar. Ich habe zum Beispiel das Bild einer Freundin meiner Mutter vor mir, die mit ihrer kleinen Tochter in der U-Bahn übernachtet. Wenn wir telefonieren, dann sind die Bombeneinschläge durchs Telefon zu hören. Die Menschen sind hilflos im Angesicht der Angriffe, aber sie sind unglaublich mutig. Meine Oma und mein Opa haben die Ukraine inzwischen verlassen und sind nach drei Tagen Reise in Polen angekommen. Die anderen Männer aus der Familie aber sind in Kiew geblieben, um zu helfen.
Darunter Ihr Großonkel, wie Sie in einem bewegenden Foto-Post auf Instagram gezeigt haben.
Lys: Ja, er ist Chefarzt in einer Kiewer Klinik und dortgeblieben, um lebensrettende Operationen durchzuführen. Die beiden Männer in Uniform, die mit auf dem Foto sind, sind übrigens für die Bewachung des Krankenhauses abgestellt. Was in der Ukraine derzeit passiert, ist das Schlimmste, was man sich vorstellen kann.
Hilft es Ihnen, zu wissen, dass man – wie Ihr Großonkel – dennoch etwas tun und helfen kann?
Lys: Die Situation vor Ort ist von extremer Angst geprägt, jeder ist in Gefahr. Aber es hilft mir und es macht mich stolz, eine so starke und mutige Familie zu haben.
Viele russische Spielerinnen, die hier sind, verhalten sich respektlos gegenüber denjenigen, die vom Ukraine-Krieg betroffen sind. Sie lachen darüber, machen sich lustig. Einige ziehen demonstrativ einen Trainingsanzug in den russischen Nationalfarben an. Umso wichtiger ist, dass wir stark und weit verbreiten, was da wirklich passiert.
Die Gesellschaft muss sich positionieren. Das gilt auch für den Tennissport, der nun entschieden hat, dass russische und belarussische Profis nicht mehr unter ihrer Landesflagge starten dürfen. Wie bewerten Sie das?
Lys: Zunächst finde ich es sehr gut, dass die Tennisverbände ITF, WTA und ATP schnell gehandelt haben – und auch richtig. Tennisprofis verkörpern nicht in derselben Art und Weise ein Land, wie es Nationalmannschaften tun. Daher halte ich es für richtig, russische Teams zu sperren, um eine glasklare Botschaft zu senden. Und ich finde es gut, dass man im Tennis Flaggen oder den Bezug zu Russland rausnimmt, die einzelnen Profis aber spielen lässt.
Die ukrainische Topspielerin Elina Svitolina hat sich sehr klar positioniert und zwischendrin auch erwogen, nicht gegen russische Gegnerinnen anzutreten – tat es dann aber doch. Sie selbst haben in der 1. Runde von Nur-Sultan gegen Ksenia Zaytseva aus Russland gespielt. Wie gehen Sie damit um?
Lys: Da muss man differenzieren. Elina Svitolina hatte sich bei ihren Überlegungen nicht gegen Anastasia Potapova als Person gerichtet. Ihr ging es darum, ein Zeichen zu setzen, dass manche erschüttert haben mag. Mit dem Ziel, dass wirklich alle verstehen, dass in der Ukraine ein Völkermord stattfindet. Es geht um so viel mehr als um Tennis. Das wird mir auch hier beim Turnier in Nur-Sultan klar, das ich als sehr anstrengend erlebe.
Weil?
Lys: Viele russische Spielerinnen, die hier sind, verhalten sich respektlos gegenüber denjenigen, die vom Ukraine-Krieg betroffen sind. Sie lachen darüber, machen sich lustig. Einige ziehen demonstrativ einen Trainingsanzug in den russischen Nationalfarben an. Umso wichtiger ist, dass wir stark und weit verbreiten, was da wirklich passiert. Diese Nachricht muss bei allen Menschen ankommen.

Eva Lys (Upper Austria Ladies Linz / Getty)

Fotocredit: Getty Images

Lassen Sie uns - auch wenn es derzeit schwerfällt - auf das Sportliche schauen. Sie wurden 2021 deutsche Meisterin, stehen aktuell auf Platz 311 im Ranking und haben bereits zwei ITF-Turniere gewonnen. Welche Ziele haben Sie und wie definieren Sie diese?
Lys: Ich habe ein wunderbares Team um mich herum, mit dem ich alles bespreche. So auch meine Ziele. In den vergangenen Monaten habe ich das beste Tennis gezeigt, das ich je gespielt habe. Von daher möchte ich nach vorne im Ranking, bald in den Top 200 der Welt stehen und auch bei den Grand-Slam-Events dabei sein. Wichtig ist außerdem, die Ziele immer wieder anzupassen.
Frau Lys, ich bedanke mich für das Gespräch.
Das könnte Dich ebenfalls interessieren: Tennisverband suspendiert Russland und Belarus
ATP Tokio
Kyrgios macht kurzen Prozess mit Tseng
VOR 4 STUNDEN
ATP Nur-Sultan
Auftakt nach Maß: Tsitsipas gegen Kukushkin ohne Probleme
VOR 6 STUNDEN