Das Märchen begann im vergangenen September in Paris.
Die 19-jährige Iga Swiatek rauschte ohne Satzverlust durch die French Open und gewann ihren ersten Titel auf Tour-Niveau.
Eine Sensation, war die Polin doch als Nummer 54 der Welt nicht gesetzt. Seit Einführung des Rankings im Jahr 1975 gewann keine Spielerin den Sandplatz-Klassiker mit einer niedrigeren Weltranglistenposition.
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Inzwischen ist Swiatek die Nummer neun der Welt und gehört nach ihrem Erfolg vor zwei Wochen von Rom zu den Topfavoritinnen in Roland-Garros.

Von Iga Swiatek

Nach meinem Erfolg in Paris hatte ich wochenlang ein Hochgefühl. Ich konnte mir einfach nicht glauben, dass ich ein Grand-Slam-Turnier gewonnen habe. Es brauchte Zeit und Ruhe, um alles mit etwas Distanz zu betrachten, denn nach dem Finale und bei meiner Rückkehr nach Polen lief alles extrem hektisch ab. Ich war plötzlich populär, was auf der einen Seite sehr speziell und auf der anderen wild war.
Wir haben nicht so oft diese großen Momente in Polen. Da war Agnieszka Radwanska und ich kann mich erinnern, wie ich über ihre Erfolge gelesen und einige Szenen auf YouTube gesehen habe. Damals war ich aber noch sehr jung. Daher war die Situation für mich im vergangenen Jahr komplett neu und ich musste erst lernen, damit umzugehen – was mir ganz gelungen ist.
Zunächst war es ziemlich hart, sich wieder auf das Training zu fokussieren. Zum Glück war Roland-Garros in der Saison 2020 mein letztes Turnier und so hatte ich knapp vier Monate, um runterzukommen und mich neu vorzubereiten. Erst bei den Australian Open im Februar hatte ich zum ersten Mal wieder ein Gefühl von Normalität. Das hat mir gezeigt, wie lange es braucht, um die Alte zu werden.

Swiatek macht das Märchen wahr: Die Highlights zum Finale

Zu Beginn dieser Saison haderte ich etwas mit meiner Erwartungshaltung, denn ich bin sehr ambitioniert und wollte jetzt jedes Match so wie in Paris spielen. Nur: Das ist unmöglich!
Ich hatte bei den French Open zwei perfekte Wochen und musste danach so realistisch sein, dass ich diese Form nicht über ein ganzes Jahr konservieren kann. Als mir das klar war und ich mir nicht mehr diesen Druck gemacht habe, wurde mein Spiel wieder besser. Dann habe ich das WTA-Turnier in Adelaide gewonnen und es einfach nur genossen, auf dem Court zu stehen. Das sind die Phasen, in denen ich mein bestes Tennis spiele.

Swiatek: "Das wäre Stress pur"

Wenn der Druck mich zu überrollen scheint, dann liegt das meist an mir selbst und nicht an dem, was von außen an mich herangetragen wird. 2020 habe ich deshalb begonnen, mit der Psychologin Daria Abramowicz zusammenzuarbeiten. Sie reist seitdem auf der Tour mit mir mit. Wir haben jetzt vor Roland-Garros viel gemacht, aber um ehrlich zu sein, habe ich keine Ahnung, wie es sein wird, wieder in Paris zu spielen.
Ein Teil von mir sagt, dass ich in diesem Jahr viel selbstbewusster sein werde, aber ich war noch nie in der Situation, einen Titel verteidigen zu müssen. Wir versuchen das wie jedes andere Turnier zu sehen. Würde ich der Tatsache, dass ich hier gewonnen habe, zu viel Bedeutung beimessen, wäre das Stress pur. So sage ich: Ich liebe es, in Paris dabei zu sein und egal, was passiert, es ist ok. Komme ich ins Viertelfinale, wäre das ein Riesenerfolg, auch wenn die Leute mehr erwarten.
In manchen Wochen kann ich zu hohe Erwartungen abblocken und in meine eigene Blase abtauchen, die wie ein sicherer Platz ist. Aber manchmal erwischt es dich einfach. Ich muss dann netter zu mir selbst sein und mir klarmachen, dass der French-Open-Titel erst sieben Monate zurückliegt und die Situation noch immer sehr neu für mich ist. Ich denke, dass viel mehr Zeit und Eigenbeobachtung nötig sind, um dauerhaft in seiner eigenen Blase zu bleiben. Ich hoffe, die Ergebnisse von Adelaide und Rom bestätigen, dass ich da auf dem richtigen Weg bin.
Während dieser beiden Turniere habe ich so viele großartige Kommentare der Fans aus der Heimat in den sozialen Netzwerken gelesen, dass ich die Unterstützung förmlich spüren konnte. Es bedeutet mir alles, dass meine Arbeit gesehen wird und der Tennissport in Polen populärer geworden ist.

Olympia? "Risiko der Angst minimieren"

Nach Paris und Wimbledon stehen die Olympischen Spiele an und ich kann es gar nicht erwarten, mein Land in Tokio zu repräsentieren. Wie in Roland-Garros auch, will ich da wie an jedes andere Event rangehen. Das ist natürlich schwierig, denn du weißt ja, dass die Spiele nur einmal in vier Jahren stattfinden und es deine einzige Chance sein könnte, dort eine gute Leistung zu zeigen. Ich möchte das Risiko minimieren, in Tokio anzutreten und Angst zu haben. Daher versuche ich, meine Einstellung beizubehalten und mir bewusst zu machen, dass wir dasselbe Spiel spielen wie während der ganzen Saison.
Mein Vater Tomasz Swiatek war Ruderer und nahm 1988 an den Sommerspielen in Seoul teil. Ich wünsche mir so sehr, dass es die Covid-Bestimmungen möglich machen, dass er mit mir nach Tokio reisen kann. Es ist sein Traum, diese olympischen Erfahrungen mit mir zu teilen.

Iga Swiateks Vater Tomasz bei den Sommerspielen 1988

Fotocredit: Eurosport

Meine Eltern haben mich während meiner bisherigen Karriere unglaublich unterstützt und ich liebe es, Zeit mit ihnen zu verbringen.
Gleichzeitig fühle ich, dass sich seit vergangenem Oktober etwas verändert hat bei mir. Ich bin noch immer derselbe Mensch, aber auf dem Court fühle ich mich erfahrener und selbstbewusster. Ich lebe noch immer in meinem Elternhaus und nach einem anstrengenden und spannenden Sommer freue ich mich jetzt schon darauf, wieder heimzukehren.
Eure Iga Swiatek
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