Porsche Tennis Grand Prix in Stuttgart - Andrea Petkovic im Interview: "Gewisse Fragen kann man sensibler stellen"
Andrea Petkovic kennt beide Seiten im Tennis-Zirkus ziemlich gut. Als aktive Spielerin stand sie in den Top Ten, nach dem Ende der Laufbahn baut sie sich eine zweite Karriere als Moderatorin und TV-Expertin auf. Einige Narrative, die in Tennis-Übertragungen regelmäßig aufkommen, missfallen Petkovic allerdings. Sportlich sieht die 36-Jährige derweil vier Spielerinnen, die über allen anderen stehen.
Petkovic exklusiv zum Rücktritt: "Darum war es so schwierig ..."
Quelle: Eurosport
Andrea Petkovic führt souverän durchs Programm des Media Talks zum Porsche Tennis Grand Prix von Stuttgart (ab 13. April täglich live im TV bei Eurosport 1 und on demand bei discovery+).
Die 36-Jährige beherrscht ihr neues Metier, das gar nicht mehr so neu ist. Seit 2019 ist die ehemalige Nummer neun des WTA-Rankings auch journalistisch tätig. Ob früher als Spielerin oder heute als Medienprofi: Um klare Worte war und ist Petkovic nicht verlegen.
So vertritt die Darmstädterin, die überdies als Mentorin für jüngere Spielerinnen beim Deutschen Tennis Bund (DTB) arbeitet, klare Positionen.
Gleichzeitig warnt Petkovic im Exklusiv-Interview mit Eurosport.de davor, die Lage im deutschen Frauen-Tennis allzu negativ zu betrachten.
Frau Petkovic, Sie haben seit ein paar Jahren die Perspektive gewechselt, vom Tennisprofi hin zur Journalistin. Hat dies ihre Sichtweise auf Fragen oder Schlagzeilen verändert, die Sie als aktive Spielerin noch geärgert oder sauer gemacht hätten?
Andrea Petkovic: Nein, das hat sich nicht verändert - und wenn ich darüber nachdenke, habe ich zu diesem Thema zwei Meinungen.
Bitteschön.
Petkovic: Erstens glaube ich, dass man generell gewisse Fragen an die Spielerinnen sensibler stellen kann. Damit meine ich, dass bestimmte Narrative nicht immer wieder hervorgeholt werden sollten. Zum Beispiel diese Sichtweise, dass eine Frau mental nicht stark genug sei, wenn sie nach einer Führung den Satz noch verliert. Bei den Männern heißt es in solchen Fällen meist, dass eben der Gegner besser geworden ist. Dieses Narrativ wird immer noch eingesetzt, wiederholt, ohne echte Grundlage. Deshalb würde ich das als Kommentatorin so nicht formulieren. Allenfalls dann, wenn es tatsächlich Anhaltspunkte dafür gibt - und wenn dem so ist, sage ich das auch bei Männer-Matches.
Und die zweite Meinung?
Petkovic: Der zweite Punkt, den ich sehe: Tennis ist im Hinblick auf die journalistische Bandbreite auf gewisse Weise noch immer ein Nischensport. Das unterscheidet uns vom Fußball oder in den USA vom Basketball oder American Football. Wenn es, wie in diesen Sportarten, sehr viele ausgebildete Journalistinnen und Journalisten gibt, die regelmäßig kritische Fragen stellen, bist du als Sportlerin daran gewöhnt. Im Tennis hat man indes nur vier Mal im Jahr, bei den Grand-Slam-Wettbewerben, die Presse an einem Ort beisammen. Dann werden plötzlich Fragen gestellt, die bei den kleineren Turnieren nicht kommen, weil der Sport auf dieser Ebene nicht in dem Maße abgebildet wird. Da ist so manche Spielerin wie geschockt.
Sie waren Teil einer extrem erfolgreichen Generation mit Angelique Kerber, Julia Görges oder Sabine Lisicki. Derzeit werden im deutschen Frauen-Tennis kleinere Brötchen gebacken.
Petkovic: Wir sind mitten in einem Generationswechsel. Ich habe schon aufgehört, Julia Görges ebenfalls. Sabine Lisicki ist schwanger, Angie Kerber war es. Wir sind Mitte 30 und in einer Transformationsphase des Lebens. Gleichzeitig sind die Jüngeren noch nicht so weit und gerade erst dabei, ihren Weg zu finden. Dadurch entsteht eine Lücke. Ich möchte aber auch betonten, dass die Leistungen, die zum Beispiel eine Laura Siegemund oder eine Tatjana Maria noch immer bringen, unglaublich sind. Für Zuschauer, die nicht nah an der Materie dran sind, mag es so aussehen, als sei gerade keine da. Trotzdem haben wir viele gute Spielerinnen. Einige davon brauchen noch Zeit, andere sind am Ende der Karriere.
Sprechen wir also mehr von einer natürlichen Wellenbewegung als von einem echten Problem?
Petkovic: Ja. Was ich aber feststelle: Es zieht weniger Menschen in den Leistungssport. Dadurch haben wir zwar gute, aber weniger Talente. Als meine Generation 16, 17 Jahre alt war, hatten wir mehr Talente und wir mussten uns durchsetzen. Das ist heute ein gewisses Problem, aber kein spezifisches im Tennis.
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Das deutsche Fed-Cup-Team 2015 mit Kerber, Petkovic, Görges und Lisicki (v.l.n.r.)
Fotocredit: Imago
An der Spitze scheint sich derweil mit Iga Swiatek, Aryna Sabalenka, Coco Gauff und Elena Ryabkina eine Big-4-Riege etabliert zu haben. Ein dauerhaftes Phänomen?
Petkovic: Ich glaube schon. Wir haben im Frauen-Tennis durch die Best-of-three-Matches auch bei Grand-Slam-Events zwar mehr Überraschungen als bei den Männern, wo der Favorit sich im Best-of-five-Modus eher aus einer brenzligen Lage retten kann. Dennoch sehe ich das genannte Quartett einen Tick über allen anderen. Es wäre wünschenswert, wenn diese Vier häufiger gegeneinander spielen. Beim Porsche Tennis Grand Prix in Stuttgart ist das der Fall, insgesamt passiert es aber noch zu selten. Wenn sich das ändert, werden diese Spielerinnen zu Stars, die über den Tennissport hinausstrahlen - und wir bekommen Rivalitäten wie jene zwischen Novak Djokovic und Jannik Sinner oder Carlos Alcaraz und Sinner.
Emma Raducanu schien ebenfalls eine große Zukunft vor sich zu haben. 2021 gewann die Britin quasi aus dem Nichts die US Open. Seitdem läuft es nicht mehr, hinzu kamen viele Trainerwechsel und auch Verletzungen. Was gibt Grund zur Hoffnung, dass sie den Turnaround schafft?
Petkovic: Ganz vorneweg: ihre Jugend! Wenn ich so junge wäre wie sie, würde ich mir auch noch immer alles zutrauen. Sie hat den Vorteil, dass sie keine Angst vor dem Turniersieg haben wird, wenn sie wieder in die zweite Woche eines Grand-Slam-Events oder weit in einem Wettbewerb kommen wird. Ganz einfach deshalb nicht, weil sie es ja bei den US Open schon einmal geschafft hat. Das ist mental ein Riesenplus, das man ihr nie wieder wegnehmen kann. Dieser Titel kam nur etwas zu schnell. Sie hat damals in New York mehr Matches gewonnen, als sie zuvor insgesamt auf der WTA Tour gespielt hatte. Das war eine irrwitzige Situation, die nicht häufig vorkommt. Ich bin sicher, dass sie sich wieder finden wird. Wenn Emma erst mal ein, zwei Grand-Slam-Partien gewinnt, wird sie richtig gefährlich.
Mit Simona Halep kehrte vor Kurzem eine der erfolgreichsten Spielerinnen der vergangenen zehn Jahre auf die Tour zurück. Nicht ohne Misstöne. Caroline Wozniacki etwa bemängelte, dass die Rumänin nach ihrer verkürzten Sperre durch den Internationalen Sportgerichtshof (CAS) direkt eine Wildcard in Miami bekam. Wie stehen Sie dazu?
Petkovic: Zunächst einmal entscheiden Turniere meist nicht auf der Grundlage dessen, was passiert ist, ob eine Spielerin eine Wildcard bekommt. Da geht es eher darum, ob man Tickets damit verkaufen kann, wenn Simona Halep eine Wildcard erhält. Vergessen wir auch nicht, dass Maria Scharapowa ebenfalls mit Wildcards ausgestattet wurde, als sie nach ihrer Dopingsperre zurückkam. Warum sollte man jetzt andere Maßstäbe anlegen? Die Zweifel von Caro Wozniacki an der Handhabung der Sache verstehe ich trotzdem. Simona wiederum sagt, sie habe nichts falsch gemacht. Das sieht der CAS inzwischen ebenso, von daher sollte man ihr die Möglichkeit zurückzukommen nicht nehmen.
Wie gut sind Sie selbst auf dem Tennisplatz aktuell in Form?
Petkovic: Bis vergangenes Jahr war ich echt gut, habe einmal die Woche gespielt (lacht). Aber je mehr ich fürs Fernsehen arbeite, desto weniger komme ich dazu, zu trainieren. Ich hoffe, dass ich im Sommer wieder mehr Zeit dafür habe, denn eigentlich war ich immer sehr stolz darauf, dass ich mein Level so einigermaßen gehalten hatte.
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Emotionales Doppel an der Seite von Kerber: Petkovic sagt Adieu
Quelle: Eurosport
Die Frage war nicht ganz ohne Hintergedanken, denn mit Angelique Kerber, Tatjana Maria oder Laura Siegemund sind drei deutsche Spielerinnen auf der Tour dabei, die ziemlich genau in Ihrem Alter sind. Bereuen Sie manchmal, nicht mehr Teil der Tour zu sein?
Petkovic: Wenn ich ein großes Match als TV-Kommentatorin begleite, dann ja. Der große Platz, die Zuschauer, die Lichter. Das würde ich schon noch einmal machen. Wenn ich aber im Trainingsalltag dabei bin, dann gar nicht mehr. Da wird mir wieder klar, wie das war. Fünf Prozent die Bühne und 95 Prozent Gym, Trainingssessions und so weiter und so fort. Das brauche ich nicht mehr. Und: Ich bin sehr froh, dass ich den Job als Mentorin beim DTB machen kann.
Vielen Dank für das Gespräch, Frau Petkovic.
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Emotionaler Abschied: Tränen-Interview mit Petković
Quelle: Eurosport
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