Das Interview führte Tobias Hlusiak

Frau Görges, mit den Grass Court Championships bekommt Berlin 2020 ein WTA-Turnier. Welche persönlichen Erwartungen haben Sie an das Turnier?

Tennis
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Julia Görges: Zunächst einmal ist es eine Ehre, hier in Berlin im Steffi-Graf-Stadion spielen zu dürfen. Es ist geschätzt zwölf Jahre her, dass ich hier aufgeschlagen habe, damals noch auf Sand. Dass es jetzt auf Rasen hier weitergeht, ist etwas ganz Besonderes. Ich selbst habe in den vergangenen zwei, drei Jahren mein Spiel auf Rasen entwickelt und ich habe natürlich sehr hohe Ansprüche an mich – was aber für jedes Turnier gilt, bei dem ich antrete. Dass wir aber nun dieses Turnier in Berlin, in Deutschland haben, ist großartig.

In Ihrer Vita stehen bislang auf der WTA Tour zwei Finalteilnahmen auf Rasen. Was nehmen Sie sich für die Rasensaison 2020 vor?

Görges: Ganz soweit habe ich noch nicht nach vorne gedacht, was ich aber jetzt schon sagen kann: Ich werde versuchen, bei jedem Turnier erfolgreich zu spielen, möglichst lange im Wettbewerb zu bleiben und vielleicht sogar einen Titel zu holen.

In diesem Jahr haben Sie insgesamt einen Titel zu Buche stehen, haben einmal die zweite Woche bei einem Grand-Slam-Turnier erreicht und mit Jens Gerlach einen neuen Coach engagiert. Welche Schulnote würden Sie Ihrer Saison denn geben?

Görges: Ich würde mal sagen, dass das Jahr so zwischen einer Zwei minus und einer Drei liegt…

… und woran machen Sie das fest?

Görges: Es war ein sehr interessantes Jahr mit Höhen, Tiefen und auch mit körperlichen Problemen. Es gab viele Veränderungen, und da sind viele positive dabei. Neue Türen haben sich geöffnet, ich bin neue Wege gegangen. Ich probiere ohnehin gerne Neues aus. Die vergangenen Jahre haben mir gezeigt, dass ich für mich den richtigen Weg eingeschlagen habe – und ich bin auch jetzt wieder überzeugt, das Richtige zu tun. Schwächere Jahre wie 2019 gehören eben dazu, wobei ich immer noch auf Platz 28 der Weltrangliste stehe. Das ist nicht schlecht, wenngleich mein Anspruch höher liegt.

Julia Görges nach dem verlorenen Finale in Birmingham gegen Ashleigh Barty

Fotocredit: Getty Images

Sie haben das Jahr auf Weltranglistenplatz 28 abgeschlossen. Wie weit ist der Weg in die Top 10, an die Spitze?

Görges: Was immer man erreichen möchte im Tennis, der Weg ist hart. Da gehören sehr viel Arbeit, Disziplin und Einstellung dazu. Und: Du musst Abstriche machen, damit klarkommen, manchmal auch ein wenig den Fokus zu verlieren, wenn der Erfolg mal nicht da ist. Aus meiner Erfahrung heraus stellt sich der Erfolg oft dann ein, wenn du am wenigsten damit rechnest. Ich bin überzeugt, dass meine Arbeit, das Team um mich herum und die Tatsache, dass ich auch mit 31 Jahren noch mit Freude dabei bin, mir noch weitere erfolgreiche Jahre ermöglichen werden.

Worauf legen Sie im Hinblick auf 2020 den Schwerpunkt Ihrer Trainingsarbeit, wo sehen Sie das größte Verbesserungspotenzial?

Görges: Ich muss mich vor allem mit der Art und Weise identifizieren können, mit der ich auf dem Platz agiere. Zusammen mit meinem Coach Jens Gerlach geht es nun darum, den richtigen Blickwinkel zu finden, wie die Spielerin Julia Görges 2020 auftreten will. Entsprechend werden wir das Training aufbauen. Genau daran arbeiten wir im Moment. Es ist natürlich kein Geheimnis, dass ich eine aggressive Spielerin bin, mit einer guten Vor- und Rückhand. Dazu möchte ich meine Grundschläge und Übersicht am Netz möglichst effektiv einsetzen. Auch bei der Beinarbeit habe ich mich deutlich verbessert, was bei meiner Größe nicht ganz so einfach war. Es geht darum, all‘ diese Komponenten im Match einzubringen.

Gibt es auch andere Dinge, die Sie – ganz unabhängig von bestimmten Schlägen oder Spielweisen – für sich als Ziel definieren?

Görges: In diesem Jahr hatte ich viele Lernprozesse, die mich stärker machen werden für die nächste Saison. Das ist etwas sehr Positives, dass sich nicht zwingend gleich in den Matches zeigt oder gezeigt hat. Es geht nicht immer nur um die Platzierung in der Weltrangliste, auch wenn das der Maßstab ist, an dem man gemessen wird und sich auch selbst misst. Aber diese Lernprozesse waren enorm wichtig für mich als Mensch, denn es wird natürlich ein Leben nach dem Tennis geben. Von daher bin ich froh, viele Dinge gelernt zu haben, die mich auch nach der Karriere weiterbringen werden.

Aktuell hat Deutschland fünf Spielerinnen in den Top 100, aber keine in den Top 10 – Momentaufnahme oder Abwärtstrend?

Görges: Ende der Saison 2018 hatten wir zwei Spielerinnen in den Top 10, von daher sehe ich das eher als Momentaufnahme. Die aktuelle Generation muss sich keine Vorwürfe machen, wenn man sieht, was wir alles geleistet haben. Sicher, Boris Becker, Michael Stich und Steffi Graf haben Unglaubliches erreicht und sind zu Legenden geworden – aber auch unsere Generation ist eine sehr besondere und hat ihre Sache nicht schlecht gemacht.

Mit Alex Zverev gibt es einen deutschen Top-10-Spieler – verfolgen Sie seine Entwicklung und glauben Sie, dass er nach Angelique Kerber die nächste Nummer 1 “made in Germany“ wird?

Görges: Ich verfolge seine Matches hin und wieder, wenn es in meine Planung reinpasst. Alex ist jetzt seit Jahren konstant in den Top 10 dabei, natürlich hat er das Potenzial, die Nummer eins zu werden. Es geht allerdings nicht nur um das Potenzial, sondern auch um viele andere Komponenten, die man ausschöpfen muss, wenn man an die Spitze will.

Bei den Männern wird die Frage, ob es zur Wachablösung der Big 3 kommt, das große Thema für 2020 sein. Was ist aus Ihrer Sicht das Topthema bei den Frauen?

Görges: Ich rechne wieder mit vielen Überraschungen, wobei ich gar nicht weiß, ob man diese als solche noch bezeichnen kann. Wir haben in den vergangenen Jahren ja gesehen, wie offen das Feld ist und wie viele verschiedene Grand-Slam-Turniersiegerinnen es gab. Ich finde es total interessant, dass wir nicht diese großen Drei haben wie bei den Männern, sondern eine große Zahl von möglichen Favoritinnen. Ich denke, dass sich dieses Karussell auch 2020 kräftig drehen wird.

Nun gab es im Oktober beim WTA-Turnier in Luxemburg diesen unschönen Zwischenfall, bei dem Misaki Dois Trainer Christian Zahalka mit einer despektierlichen Aussage, die Sie betraf, für Wirbel sorgte. Wie haben Sie das aufgenommen und beschäftigt Sie das?

Görges: Ich hatte es gar nicht mitbekommen, erst zwei Tage später wurde ich darauf angesprochen. Aus meiner Sicht gibt es zu der Angelegenheit nichts mehr zu sagen, da kann sich jeder selbst seine eigenen Gedanken machen.

Im nächsten Jahr finden die Olympischen Spiele in Tokio statt. Ein Highlight auch in Ihrer Planung?

Görges: Olympische Spiele sind grundsätzlich immer ein Ziel für mich. Ich war 2012 in London dabei, was eine ganz besondere Erfahrung war. Allerdings sind es noch ein paar Monate bis dahin, da kann sehr viel passieren und man muss sich erst einmal qualifizieren. Aber er ist natürlich immer großartig, dein Land bei Olympischen Spielen zu repräsentieren.

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