"Diese Frage kommt wahrscheinlich zwei, drei Tage zu früh", erklärte Alexander Zverev auf der Pressekonferenz nach dem Endspiel und rang sich doch noch ein kleines Lächeln ab. Ein Journalist wollte wissen, ob er denn trotz aller Enttäuschung auch positive Dinge mitnehme aus dem Match?

Die Antwort kann nur ja lauten.

US Open
"Zwei Gladiatoren!" Thiem schlägt Zverev in epischem Finale
14/09/2020 AM 08:52

Zverev zeigte beim 6:2, 6:4, 4:6, 3:6, 6:7 (6:8) gegen Dominic Thiem eine Leistung, die eines Champions würdig war. Erstmals wurde ein Endspiel in Flushing Meadows im Tiebreak des fünften Satzes entschieden. Historisch. Vier Stunden und eine Minute lang lieferte der 23-Jährige eine beeindruckende Vorstellung - spielerisch sowieso, aber auch mental und emotional.

Es sei vor dem Turnier nicht zu erwarten gewesen, dass "Zverev so stark auftritt und sich so unter Kontrolle hat", befand Eurosport-Experte Boris Becker. Ein Lob, das gleichzeitig impliziert, dass Zverev sich das Leben früher häufig selbst schwer machte - mit zerhackten Schlägern, mit emotionalen Ausbrüchen, mit Flüchen. Das kostete die Konzentration, die Energie und hatte nur selten positive Folgen für den Weltranglisten-Siebten.

Was für ein Unterschied zum Finale gegen Thiem.

Highlights | Thiem gewinnt Final-Krimi gegen Zverev

Zverev holt Satz eins mit einem Ass - keine sichtbare Reaktion. Er gewinnt den zweiten Satz - ein sehr sparsam dosiertes Jubeln mit dem Schläger. Der Hamburger breakt Thiem früh im dritten Satz zum 2:1 - nicht einmal eine geballte Faust.

Eurosport-Kommentator Matthis Stach sah einen "im positiven Sinn sehr introvertierten Sascha Zverev, der seine Emotionen komplett unter Kontrolle hat". Nur ein, zwei Mal suchte der Deutsche während der Partie den Dialog mit der schwedischen Stuhlschiedsrichterin Louise Azemar Engzell.

Der Wahnsinn nimmt seinen Lauf, Becker baff

Die neue Souveränität der deutschen Nummer eins ist umso überraschender, als dass das Endspiel sich zum puren Tennis-Wahnsinn entwickelte.

Zverev führte mit 2:0 in den Sätzen und lag kurz darauf wieder mit einem Break vorne. Beim Stand von 4:4 im dritten Durchgang verhinderte Thiem einen Breakball seines Gegners nur durch eine Challenge.

Im fünften Satz servierte Zverev bei 5:3 zum Titelgewinn, bei 5:4 und 30:30 fehlten ganze zwei Punkte zum großen Wurf. Im Tiebreak gab er den Vorteil eines Minibreaks aus der Hand und wehrte zwei Matchbälle ab - den zweiten nach einem Zeitlupen-Aufschlag, der mit 109 km/h übers Netz kroch.

Der dramatische Tiebreak des fünften Satzes in voller Länge

"Ich habe Tausende Matches gesehen, aber so etwas habe ich noch nie erlebt", war selbst der sechsmalige Grand-Slam-Turniersieger Becker komplett von den Socken. Beim dritten Matchball des Österreichers leistete sich Zverev dann einen Fehler auf der Rückhand - das Drama in fünf Akten war zu Ende.

Zverev: "Das war der Wendepunkt"

Dass es aus deutscher Sicht kein Happy End gab lag daran, dass auf der anderen Seite des Netzes ein außergewöhnlicher Kämpfer stand, der sich vom katastrophalen Start in sein viertes Grand-Slam-Finale nicht unterkriegen ließ und seine Chance suchte, so aussichtslos das Unterfangen lange Zeit schien.

"Der Wendepunkt in der Partie war sein erstes Break im dritten Satz. Von da an hat er viele besser gespielt und ich wesentlich schlechter", analysierte Zverev. Er habe bis zum Ende seine Möglichkeiten gehabt, daraus allerdings kein Kapital geschlagen.

Beim Gedanken an die Eltern: Zverev weint im Interview

Die Chance, in Sachen Image verlorenes Terrain zurückzuerobern und neue Fans für sich zu gewinnen, hat der als Außenseiter in die Begegnung gegangene Hamburger dagegen perfekt genutzt.

Zverev mit großen Emotionen nach dem Finale

Im Angesicht des wohl bittersten Moments seiner bisherigen Laufbahn blieb der 23-Jährige im Arthur Ashe Stadium bis zur letzten Sekunde ein grandioser Botschafter seiner Sportart. Bewegend seine Tränen beim Interview auf dem Court, vorbildlich die Fairness gegenüber seinem Kumpel und Bezwinger Thiem.

Diesen Auftritt - vom Walk on Court bis zur Siegerehrung - muss er sich zu Herzen nehmen. Es wäre ein Fehler, wenn er in Zukunft davon wieder abweichen würde.

Doch es gibt eine Menge Positives, das Zverev aus New York mitnehmen und bei der Jagd auf den ersten Grand-Slam-Titel einsetzen kann. Das wird er spätestens in zwei, drei Tagen genauso sehen.

Das Gelbe vom Ball - der Tennis-Podcast von Eurosport:

Den Tennis-Podcast gibt es bei Spotify, Apple Podcast oder der Plattform deines Vertrauens

Das könnte Dich auch interessieren: Schweizer Tennis-Chef kritisiert Djokovic: "Eine unsägliche Trennung"

Thiem nach Finale: "Wünschte, wir könnten zwei Sieger haben"

US Open
"Finale furioso für Thiem": Die Pressestimmen zum Endspiel
14/09/2020 AM 05:28
US Open
Mehr als eine Sportlerin: Osaka auf dem Weg zum globalen Superstar
13/09/2020 AM 10:34