Alexander Zverev (Hamburg/Nr. 5) verpasste es im Finale der US Open gegen Dominic Thiem (Österreich/Nr. 2), erster deutscher Grand-Slam-Sieger seit Boris Becker bei den Australian Open 1996 zu werden. Der 23-Jährige hatte seinem vier Jahre älteren Freund aus Österreich aber einen heroischen Kampf geboten.

Zum ersten Mal in der Geschichte der US Open wurde ein Finale im Tiebreak des fünften Satzes entschieden, überhaupt wurde noch bei keinem Grand-Slam-Turnier der "Open Era" (seit 1968) ein Sieger mit 7:6 im fünften Satz ermittelt.

US Open
"Finale furioso für Thiem": Die Pressestimmen zum Endspiel
14/09/2020 AM 05:28

"Das tut weh. Das ist vielleicht seine schmerzhafteste Niederlage. Aber das ist der Sport", sagte Eurosport-Experte Becker, gratulierte Zverev jedoch auch zu einer herausragenden Leistung: "Er hat große Matches gezeigt, das Halbfinale umgebogen und unmögliche Spiele gewonnen, jetzt hat er ein mögliches Spiel verloren. Er hat sein bestes Match im Finale gezeigt. Er wird wieder kommen, ihm gehört die Zukunft."

Zverev sagte: "Ich gratuliere Dominic zum ersten von vielen Grand-Slam-Titeln. Es war ein harter Kampf." Direkt an Thiem gerichtet meinte der 23-Jährige: "Ich wünschte, du hättest mehr Bälle verschlagen, dann würde ich jetzt die Trophäe in Händen halten."

Beim Gedanken an die eigenen Eltern, die wegen einer COVID-19-Erkrankung zuhause bleiben mussten, kamen Zverev die Tränen. "Sie sind immer bei mir", schluchzte er, "aber sie fehlen mir. Das ist hart. Ich hoffe, sie sind stolz auf mich."

Beim Gedanken an die Eltern: Zverev weint im Interview

Dominic Thiem lobt Zverev und US Open

Thiem sagte zu Zverev: "Ich wünschte, wir könnten zwei Sieger heute haben. Wir hätten es verdient. Du hast mir mal gesagt, dass ich den Grand-Slam-Titel holen werde. Du wirst es zu 100 Prozent auch schaffen, du wirst deine Familie und deine Fans stolz machen. Du wirst es einen Tag nach Hause bringen." Zudem rühmte Thiem die seit 2014 bestehende "großartige Freundschaft" mit Zverev.

"Ich möchte mich bei meinem Team bedanken", sagte der Österreicher weiter: "Ihr habt genau so viel hier reingesteckt wie ich." Darüber hinaus hoffte er scherzhaft, dass seine Großeltern in Österreich das Match heil überstanden haben.

Zudem rühmte er die Veranstalter der US Open, die einen "super Job" gemacht hätten: "Wir haben uns in der Bubble alle super sicher gefühlt."

Highlights | Thiem gewinnt Final-Krimi gegen Zverev

Alexander Zverev zunächst klar in Front

Zuvor war der 23-jährige Deutsche deutlich besser in die Partie gestartet. Furios nahm Zverev Thiem im ersten Durchgang gleich zweimal den Aufschlag ab und holte sich nach nur 30 Minuten mit seinem vierten Ass Satz eins.

Mit dem Ass zum Satzgewinn: Zverev dominiert Durchgang eins

Zverevs Aufschlag und Longlineschläge machten Thiem, der zuvor die Finals der French Open 2018 und 2019 (gegen Rafael Nadal) sowie das Endspiel der Australian Open 2020 (gegen Novak Djokovic) verloren hatte, am meisten zu schaffen.

Zudem merkte man Thiem den Druck, nicht erneut ein wichtiges Finale verlieren zu wollen, spürbar an - 7:2-Bilanz in Duellen mit Zverev hin oder her.

Was für eine Peitsche: Zverev mit "bärenstarker" Vorhand

Bei Zverev beginnt es zu arbeiten

Erst bei 6:2, 5:1 begann es auch in Zverev, der bis dato eine Bilanz von 0:7 gegen Top-Ten-Spieler bei Grand Slams vorzuweisen hatte, zu arbeiten.

Bei Service Thiem ließ er drei Satzbälle liegen, bei 5:2 vergab er seinen vierten mit einem einfachen Volley - und kassierte kurz darauf das Break.

"Mit der Bratpfanne": Zverev verpatzt Satzball und kassiert Break

Thiem zeigt Zähne: Zauberschlag aus der Defensive

Bei 5:4 hatte der 23-Jährige dann aber seine Nerven wieder im Griff und holte sich auch den zweiten Durchgang. 1:19 Stunden waren da erst gespielt.

"Mit dem letzten Tropfen Benzin": Zverev holt sich die 2:0-Satzführung

Thiem steigert sich

Thiem spielte ab Mitte des zweiten Satzes nun aber risikofreudiger, das Match wurde offener, die Ballwechsel länger - zum Vorteil des Österreichers.

Bei 1:1 im dritten hatte Zverev jedoch erneut Breakchancen, seine dritte nutzte er zum 2:1.

Mit dem Mute der Verzweiflung stemmte sich Thiem nun gegen die Niederlage, breakte zurück (2:2). Zverev wackelte nun bei seinem Aufschlag und verursachte einige Doppelfehler. Bei Thiem machten sich dagegen die Achillessehnenprobleme aus dem Halbfinale gegen Daniil Medvedev wieder bemerkbar.

Bei 4:4 rettete Thiem eine Challenge vor einem Breakball.

Knackpunkt in Satz drei: Thiem vermeidet Breakball durch Challenge

Zverev gibt dritten Satz her

Bei 4:5 schlug Zverev zum ersten Mal gegen einen Satzverlust auf, prompt unterlief ihm sein zehnter Doppelfehler und zwei ungezwungene Fehler mit der Rückhand. Mit einer weiteren Vorhand ins Aus gab der Deutsche den dritten Satz her.

Thiem schlägt zurück: "Sieht besser aus am österreichischen Himmel"

Im vierten Durchgang nahm die Partie an Klasse und Spannung weiter zu. Thiem machte kaum mehr Fehler und legte mit nun immer sichereren Aufschlagspielen vor, Zverev musste nachziehen. Bei 2:3 wehrte der Deutsche zwei Breakchancen ab und zeigte erstmals die Faust.

"Absolute Weltklasse", lobte Eurosport-Experte Becker die bis dato beste Phase der Partie.

"Beste Phase des Matches": Zverev übersteht heikle Situation

Thiem im vierten Satz fast fehlerfrei

Bei 4:3 Thiem war es dann aber passiert: Zverev gab seinen Aufschlag ab, der Österreicher holte sich auch Satz vier (6:3) und glich damit aus.

Prägnante Kennzahlen: Zverev brachte im vierten Durchgang nur 52 Prozent seiner ersten Aufschläge ins Feld, Thiem gab bei eigenem Service dagegen nur zwei Punkte ab, machte alle zwölf bei zweitem Aufschlag und leistete sich nur zwei ungezwungene Fehler.

Drama pur: Thiem erzwingt Entscheidungssatz

Zum vierten Mal in Folge musste in einem Grand-Slam-Finale der fünfte Satz für die Entscheidung herhalten.

Zverev führt im fünften Satz 5:3

Thiem gelang prompt ein frühes Break - doch als alles plötzlich gegen Zverev zu laufen schien, packte der Deutsche sein bestes Tennis aus, realisierte das sofortige Rebreak und erkämpfte sich, unter anderem mit dem besten Ballwechsel des Spiels, die 2:1-Führung.

"Unfassbarer Punkt!" Zverev holt sich Ballwechsel des Spiels

"Come oooon!", rief der Deutsche, sich nun vehement gegen die drohende Niederlage stemmend. Bis 4:3 bliebt alles in der Reihe, dann flog bei 30-40 eine Thiem-Rückhand links ins Aus - Zverev war mit 5:3 dem Finalsieg vermeintlich nah.

Doch nun spielten dem Deutschen die Nerven einen Streich - mit einem Volley ins Netz ließ Zverev das Rebreak zu. Im Arthur Ashe Stadium lief während des Seitenwechsels "Under Pressure" von "Queen".

Zverev - Thiem: Drama im fünften Satz

Thiem musste ja noch gegen den Matchverlust aufschlagen. Bei 30-30 brannte der Österreicher eine Vorhand auf die Linie, bei 40-30 konterte er Zverev bärenstark longline am Netz aus. 5:5.

Kurz vor dem Matchverlust: Thiem packt sein bestes Tennis aus

Nun war der Druck wieder bei Zverev, der bei 30-30 ins Netz und bei 30-40 eine Vorhand ins Aus schlug - Thiem breakte zum 6:5.

Plötzlich servierte der Österreicher also zum Matchgewinn, ließ sich aber noch kurz den rechten Oberschenkel massieren, der ihm immer wieder zu verkrampfen drohte.

Zverev im Tiebreak schon Mini-Break vorne

Es kam, wie es kommen musste: Thiem gingen zwischenzeitlich die Kräfte aus, Zverev gelang das Rebreak.

Im Tiebreak lag Zverev Mini-Break vorne, Thiem schloss mit letzter Kraft auf. Bei 3:4 unterlief Zverev ein Doppelfehler, doch Thiem schlug im folgenden Ballwechsel eine Vorhand ins Aus.

Kurz darauf hatte Thiem bei 6:4 die ersten beiden Matchbälle - er vergab sie. "Ich habe schon tausende Tennismatches gesehen - sowas habe ich noch nie erlebt", sagte Becker live bei Eurosport.

Bei 6:6 tauchte Zverev mutig am Netz aus, parierte zweimal, doch Thiem passierte ihn im dritten Versuch - 6:7.

Der dramatische Tiebreak des fünften Satzes in voller Länge

Thiem nutzt seinen dritten Matchball

Nach 4:01 Stunden nutzte Thiem seinen dritten Matchball zum 2:6, 4:6, 6:4, 6:3, 7:6 (8:6). Sechs Breaks hatte es im fünften Satz gegeben, fünf Mini-Breaks im Tiebreak. Am Ende stand ein Gesamtpunktverhältnis von 163:159 für Thiem.

Der entscheidende Moment: Hier gewinnt Thiem die US Open

"Solche Geschichten schreibt nur der Sport, nur der Tennissport. Zwei Gladiatoren haben heute alles gegeben, und mehr", lobte Becker bei Eurosport:

"Deswegen lieben wir diesen Sport. Deswegen sind wir fasziniert. Glückwunsch an beide Spieler. Beide haben es verdient zu gewinnen, keiner hatte es verdient das Spiel zu verlieren. Im Tennis gibt es kein Unentschieden. Dominic Thiem hat sich aus einer scheinbar unmöglichen Situation befreit. Ich nenne ihn Houdini, Houdini des Tennissports."

Erinnerungen an Djokovic-Federer

Ein ähnlich dramatisches Finale hatten sich in der "Open Era" nur Novak Djokovic und Roger Federer im Wimbledon 2019 geliefert - da gewann der Serbe 7:6 (7:5), 1:6, 7:6 (7:4); 4:6, 13:12 (7:3).

Der Österreicher ist zudem der erste Spieler, der in einem US-Open-Finale einen 0:2-Satzrückstand aufholte, und der erste seit Gastón Gaudio bei den French Open 2004 (0:6, 3:6, 6:4, 6:1, 8:6), dem das in einem Grand-Slam-Endspiel gelang (als fünfter insgesamt).

Thiem ist damit erst der zweite österreichische Grand-Slam-Sieger nach Thomas Muster (French Open 1995). Der 27-Jährige hatte zuvor die Endspiele der French Open 2018 und 2019 je gegen Rafael Nadal und das Finale der Australian Open 2020 gegen Novak Djokovic verloren.

Thiem durchbricht Phalanx der "Big Three"

Thiem durchbrach damit auch die Phalanx der "Big Three", der in New York nicht teilnehmenden Roger Federer und Rafael Nadal sowie des bei den US Open im Achtelfinale für einen Abschuss einer Linienrichterin disqualifizierten Novak Djokovic, die seit der US Open 2016 (Sieger: Stan Wawrinka) 13 Grand-Slam-Titel in Folge unter sich ausgemacht hatten.

Der Österreicher erhält für seinen Sieg drei Millionen Dollar Preisgeld, Zverev die Hälfte.

Bei den am 27. September startenden French Open (live bei Eurosport), dem dann dritten und letzten Grand-Slam-Turnier des Jahres, geht Thiem damit als Top-Favorit neben Nadal ins Rennen.

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Becker lobt Zverev

Zverev muss derweil erst beweisen, dass er auch auf Sand zum Favoritenkreis zählen kann.

"Man hat vor dem Turnier das so nicht erwarten können, dass Sascha Zverev so stark auftritt, sich so unter Kontrolle hat, Spiele gewinnt, in denen er nicht sein bestes Tennis zeigt", sagte Becker noch:

"Heute hat er sein bestes Tennis gezeigt und nicht gewonnen, aber sich immer mit Stolz vertreten. Er hat alles gezeigt, was möglich war und gegen einen Dominic Thiem verloren, der den einen Punkt besser war."

Becker von Thiem fasziniert: "Der Houdini des Tennissports"

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