US Open: Djokovic "letzter Mohikaner" der Big 3 - Boris Becker analysiert Federers und Nadals Probleme
Roger Federer und Rafael Nadal, die schillerndsten Tennis-Stars der vergangenen 20 Jahre, mussten ihre Teilnahme an den US Open gesundheitsbedingt absagen. Lediglich Novak Djokovic ist aus dem erlensenen Kreise der sogenannten Big 3 in New York dabei. Ist das Ende des ruhmreichen Trios gekommen? Eurosport-Experte Boris Becker widmet sich der Frage nun im Podcast Das Gelbe vom Ball.
Rafael Nadal und Roger Federer (r.)
Fotocredit: Getty Images
Just zur gleichen Zeit im vergangenen Jahr, im Vorfeld der US Open, sorgten die beiden Superstars Roger Federer und Rafael Nadal für eine Tennis-Zäsur: Erstmals seit 1999, als seinerzeit André Agassi in Flushing Meadows triumphierte, fehlten beide, sowohl Federer als auch Nadal bei einem Grand-Slam-Event.
Seither hatte mindestens einer des ruhmreichen Duos an allen Ausgaben der prestigeträchtigsten aller Turniere teilgenommen, einige Jahre später komplettierte der jüngere Novak Djokovic die so genannten Big 3, die fortan die Tennis-Welt quasi nach Belieben dominierten.
2021 sehen sich die Tennis-Fans mit einer ähnlichen Situation konfrontiert. Federer, der bereits im Vorjahr aufgrund einer Knieverletzung absagte, musste sich kürzlich einer Operation am Knie unterziehen, Nadal, bei den letzten US Open noch aufgrund der verzwickten Corona-Lage nicht mit von der Partie, laboriert an einer Fußverletzung – und erklärte die Saison gezwungenermaßen vorzeitig für beendet.
Einzig Djokovic, der nach seinen Siegen bei den Australian Open, Roland-Garros und Wimbledon die historische Chance auf seinen ersten Grand Slam hat, geht in New York an den Start.
Mit Blick auf das fortschreitende Alter Federers und Nadals und die sich in jüngerer Vergangenheit mehrenden Zwangspausen der beiden, drängt sich unweigerlich die Frage auf, ob sich die Ära der Big 3 ihrem Ende entgegenneigt.
Becker: Djokovic "der letzte Mohikaner" der Big 3
"Wir haben immer über den Wechsel der Generationen gesprochen darüber, wie lange es die großen Drei noch schaffen", sagt Eurosport-Experte Boris Becker im Podcast Das Gelbe vom Ball. "Aus den großen Drei ist jetzt der letzte Mohikaner geworden. Das ist Novak Djokovic, der ein unfassbares Jahr hat."
Dies ist die Ausgangslage vor den US Open, aber könnte sie auch richtungsweisend sein? Müssen sich die Tennis-Aficionados auf eine nahe Zukunft vorbereiten, die ohne zwei der prägendsten Figuren der Geschichte des Sports auskommt? "Roger hat die Saison nach der dritten Operation am gleichen Knie beendet. Mit 40 Jahren dauert die Regeneration noch länger. Ob er noch einmal auf die Tour zurückkommt, ist wirklich mit einem großen Fragezeichen behaftet", erklärt Becker.
Die deutsche Tennis-Legende ergänzt: "Ich wünsche ihm vor allem, dass er wieder gesund wird. Das ist das Wichtigste. Der Rest seines Lebens liegt noch vor ihm, und ob er wieder Tennis spielt oder nicht, ist fast sekundär. Er hat schon so viel gewonnen und muss niemandem mehr etwas beweisen."
Tatsächlich hatte der Schweizer selbst in einem Instagram-Video über seine Knie-OP informiert und prophezeit, "für viele Monate" raus zu sein. Wann und in welchem Umfang er in der Lage ist, im Anschluss noch einmal anzugreifen, scheint in den Sternen zu stehen. Doch nicht nur hinsichtlich des Gesundheitszustandes Federers schlägt Becker Alarm, auch Nadals Befinden bereitet dem gebürtigen Leimener Sorgen.
"Man muss sich Sorgen um Nadals Gesundheit machen"
"Man muss sich Sorgen machen, um die Gesundheit von Rafael Nadal. Er ist ein sehr physischer Spieler und muss sehr viel trainieren", sagt Becker. "Die Matches dauern, auch wenn sie dann sehr oft in zwei Sätzen glatt gewonnen werden, immer anderthalb oder zwei Stunden, weil die Rallyes so lange gehen. Deswegen kommt er körperlich immer an seine Grenzen. Und wenn Nadal einen Schritt langsamer ist oder nicht zwanzig Mal links-rechts laufen kann, dann fühlt er sich nicht stark genug. Die Zeit bleibt für ihn nicht stehen."
Zwar glaubt Becker, dass die Pause dem Mallorquiner generell guttun dürfte, der Umstand, dass Nadal im laufenden Kalenderjahr jedoch nur mit verhältnismäßig wenig Spielpraxis aufwartete, sorgt bei dem 53-Jährigen für Bedenken. "Die Nadal-Fans müssen sich langsam mit der Idee anfreunden, dass Rafa nicht ewig spielen wird", sagt er - und führt aus: "Du wirst im Training leider nicht fit fürs Match, du musst dich wieder stellen - und das birgt das Risiko, dass du dich wieder verletzen kannst. Es ist immer ein schmaler Grat zwischen der Matchpraxis vor meinem wichtigsten Turnier und der Anzahl der benötigten Trainingseinheiten."
Selbst Djokovic, der traditionell einen starken physischen und mentalen Eindruck macht, hatte unlängst mit den Begleiterscheinungen der intensiven und aufreibenden Saison zu kämpfen. Dass der Serbe nach dem Halbfinal-Aus gegen Alexander Zverev und der anschließenden Absage des Mixed-Doppels um die Bronze-Medaille in Tokio erst einmal kürzer trat, könnte Becker zufolge jedoch einen positiven Effekt für die US Open haben.
Becker sieht Djokovic in der Favoritenrolle: "Wer soll es denn sein?"
"Hätte er nun einfach weitergespielt, wäre ihm in der zweiten Woche in New York wohl die Kraft ausgegangen", sagt Becker. Er erklärt bezüglich Djokovics unkonventioneller Präparation ohne Vorbereitungsturnier: "Dieses Jahr ist alles anders als sonst und vielleicht passt das in seinen Plan. Er brauchte womöglich eine Pause, um sich vor allem von den mentalen Strapazen des Jahres zu erholen."
Dementsprechend hat Becker im Djoker auch den Favoriten für die anstehenden US Open ausgemacht: "Er ist die Nummer eins der Welt und dreifacher Grand-Slam-Sieger dieses Jahr. Also, wenn Novak Djokovic jetzt nicht Favorit ist bei dem Turnier, wer soll es denn sein?"
Eine Frage, die man in den vergangenen Jahren stets mit "Roger Federer" oder "Rafael Nadal" beantwortet hätte. Doch die Zeiten, in denen die großen Drei um die großen Titel konkurrierten, scheinen ganz langsam zu verblassen. Der große Einschnitt, der Beginn einer neuen Ära steht bevor.
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PODCAST - DAS GELBE VOM BALL: BECKER ÜBER DAS ENDE DER BIG 3
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