Am frühen Abend des 12. September 2021 endete in New York der Versuch von Novak Djokovic, sich den ultimativen Tennisorden umzuhängen.
Die Trophäen der Australian Open, French Open und von Wimbledon hatte er in diesem Jahr bereits in die Luft gereckt - zur Komplettierung des Grand Slams, also der Gewinn aller vier Major-Turniere binnen eines Kalenderjahres, fehlte lediglich noch ein letzter Sieg gegen Daniil Medvedev im Finale der US Open.
Doch aus dem großen Traum wurde nichts - er zerplatzte um 18:33 Uhr Ortszeit. Der Russe spielte den Serben in unbarmherzigster Art und Weise an die Wand, gewann glatt in drei Sätzen 6:4, 6:4, 6:4 - ein Ergebnis, dass Djokovic, dem Dominator der bisherigen Saison, sogar noch schmeichelte.
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13/09/2021 AM 10:42
Medvedev spielte fehlerfrei, agierte traumwandlerisch sicher und in allen entscheidenden Situationen eiskalt. Der 25-Jährige servierte wie von einem anderen Stern, ließ Djokovic zu keiner Sekunde wirklich ins Match finden.

Djokovic zerbricht unter Last der Erwartungen

Dabei zeigte er sich bemerkenswert unbeeindruckt von all den Schaulustigen auf der Tribüne, unter die sich haufenweise Hollywood- und Sportprominenz gemischt hatte. Sie alle wollten hautnah dabei sein, wenn Sportgeschichte geschrieben wird und drückten deshalb auch fast ausschließlich dem Djoker die Daumen. Immer wieder hallten "Nole, Nole"-Sprechchöre durch das zum Bersten volle Arthur Ashe Stadium.
Ein Umstand, der die sonst häufig ungeliebte Nummer eins zu Tränen rührte, den schier unmenschlichen Druck auf seinen Schultern aber noch einmal zu erhöhen schien und ihm so jede Sicherheit nahm.

Die Szene des Finals: Djokovic weint beim Seitenwechsel

Letztlich zerbrach Djokovic nicht nur unter der Last der Erwartungen der 23.771 Zuschauer im größten Tennisstadion der Welt, sondern derer der kompletten Sportwelt, die an diesem Abend nach New York blickte.

Zverev adelt Djokovic: "Mental ist er der Beste"

Aber kann man Djokovic den Leistungseinbruch im entscheidenden Moment, welcher der größte in seiner Karriere werden sollte, wirklich als mentales Versagen ankreiden? Kann man vielleicht sogar ein Muster erkennen? Schließlich hat er durch seine Halbfinalniederlage gegen Alexander Zverev in Tokio schon den damals noch möglichen Golden Slam "vermasselt".
Klare Antwort: Nein! Diese Darstellung wird dem Djoker ganz und gar nicht gerecht, ist höchst populistisch und könnte realitätsferner nicht sein. "Mental ist er der beste Spieler, der dieses Spiel jemals gespielt hat", adelte ihn zuletzt erst der im US-Open-Halbfinale unterlegene Zverev (6:4, 2:6, 4:6, 6:4, 2:6).

Djokovic und Zverev zaubern: Die besten Punkte der Halbfinals

Djokovics Karriere liefert bis heute unzählige Momente mentaler Stärke. Nur zwei Beispiele: Im Wimbledon-Finale 2019 wehrte er im fünften Satz zwei Matchbälle gegen Roger Federer ab und drehte das Spiel noch zu seinen Gunsten. Im Finale der Australian Open 2020 lag er gegen Dominic Thiem bereits mit 1:2 Sätzen und Break zurück hinten - der Serbe blieb jedoch bei sich und sicherte sich letztlich den Titel.

Eine vergleichbare Drucksituation gab es noch nie

Dass der Serbe nun nach 27 gewonnenen Grand-Slam-Matches in Serie mal wieder eines verliert, hat nichts mit mentalem Versagen zu tun - es ist schlicht menschlich.
Zur Einordnung: Seit der große Rod Laver, mittlerweile 83 Jahre alt, im Jahr 1969 als erster männlicher Spieler in der Open Era (und zum zweiten Mal in seiner Karriere) den Grand Slam gewann, gelang dies keinem männlichen Tennisspieler mehr: weder Ivan Lendl, noch Mats Wilander, nicht Boris Becker oder Pete Sampras und auch nicht Djokovics großen Rivalen Roger Federer und Rafael Nadal.
Schon häufiger war es Spielern gelungen, drei Grand-Slam-Turniere in einem Jahr für sich zu entscheiden - nie aber waren es die ersten drei des Jahres gewesen. Einen vergleichbaren "Matchball" gab es also noch nie. Somit hat es im Tennissport womöglich auch noch nie eine vergleichbare Drucksituation gegeben.
SpielerJahrAustralian OpenFrench OpenWimbledonUS Open
Jimmy Conners 1974Sieger-SiegerSieger
Mats Wilander 1988SiegerSiegerViertelfinaleSieger
Roger Federer2004Sieger3. RundeSiegerSieger
Roger Federer2006SiegerFinaleSiegerSieger
Roger Federer2007SiegerFinaleSiegerSieger
Rafael Nadal2010ViertelfinaleSiegerSiegerSieger
Novak Djokovic2011SiegerHalbfinaleSiegerSieger
Novak Djokovic2015SiegerFinaleSiegerSieger
Die gute Nachricht, den der denkwürdige Abend von New York trotzdem lieferte: die Spitze des Sports ist weiter zusammengerückt. Es gibt endlich wieder echte Herausforderer und mittlerweile nicht mehr nur drei Spieler, die wissen, wie man ein Grand-Slam-Turnier gewinnt, sondern eben gleich fünf oder sechs.
"Der Umbruch hat schon begonnen und war unausweichlich", stellte deswegen auch der Djoker fest, jedoch nicht ohne eine weitere Ansage an die Konkurrenz zu machen. "Ich mache weiter und werde versuchen, mehr Grand-Slam-Titel zu gewinnen."
Die nächste Chance kommt bestimmt - womöglich schon Anfang des kommenden Jahres bei seinem Lieblingsturnier in Melbourne.
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