"Ich finde es auch irgendwo normal, dass man nicht nur respektiert, sondern auch geliebt werden will, wenn man so lange weltklasse ist", sagt Eurosport-Experte Boris Becker in der neuen Folge des Eurosport-Tennis-Podcasts "Das Gelbe vom Ball".
"Es liegt gar nicht mal so sehr an ihm, er ist halt die Nummer eins, der Weltbeste und der Außenseiter wird dann eben unterstützt. Und Novak sieht das fast als Respektlosigkeit, dass man nicht für ihn ist", erklärt Becker Djokovics Unmut.
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Becker, der den inzwischen 34-Jährigen von 2013 bis 2016 trainierte, weiter: "Ich hab ihm das versucht einige Male zu erklären, dass es (das Publikum, A.d.R.) jetzt für den Underdog ist und nicht so sehr gegen ihn."
Für ihn selbst sei Respekt wichtiger als Liebe, meinte Becker. "Was am Ende des Tages übrig bleibt, ist Respekt. Liebe ist eine Emotion, die geht mal hoch, mal runter", erklärte der sechsmalige Grand-Slam-Champion.

Becker: "Djokovic ist ein alter Hase"

Den diesjährigen Triumph an der Church Road schätzt Becker als hochverdient ein: "Djokovic war der beste Spieler des Turniers, weil er einfach gelernt hat, auf Rasen zu spielen. Es ist ein sehr komplexer Belag, wenn man nicht weiß, wie man darauf spielen muss, dann hat man eigentlich gar keine Chance."

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Ein weiterer Faktor für Djokovics 20. Grand-Slam-Erfolg war aus Sicht von Becker die nur zweiwöchige Pause zwischen den French Open in Paris, die auf Sand ausgetragen werden, und dem Turnier in Wimbledon.
"So eine kurze Zeit hat vielen Spielern nicht gereicht, um ihre Rasenform zu bekommen. Djokovic ist da wirklich schon ein alter Hase und weiß, wie man sich auf Rasen bewegt, wie man schnelle Punkte gewinnt und siehe da: wie man sogar Serve and Volley spielt - und das als Grundlinienspieler", lobte Becker seinen ehemaligen Schützling.
"Djokovic verbessert sich immer weiter, er spielt schlauer, er ist der intelligenteste Tennisspieler und weiß, wie man auf Rasen leicht die Punkte gewinnt", unterstreicht Becker und kritisiert zugleich die jüngere Generation für ihre Spielweise: "Ich verstehe das bei den jungen Spielern nicht, dass sie nach wie vor, fast schon stur, zwei, drei Meter hinter der Grundlinie spielen und glauben, auf Rasen erfolgreich Tennis spielen zu können. Das geht nicht!"

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Djokovic habe vor 15 Jahren auch so angefangen, aber dazu gelernt. "Er hat seinen Aufschlag enorm verbessert und kommt eben auch mal häufiger ans Netz, um ein Überraschungsmanöver zu starten, aber auch um den Punkt leicht mit einem Volley gewinnen zu können", so der 53-Jährige.

Becker: "Djokovic hat nicht nur einen Spielplan A"

Und es gebe noch einen entscheidenden Unterschied zwischen der Nummer eins der Welt und dem Rest.
"Er hat nicht sein bestes Tennis gespielt und trotzdem Wimbledon gewonnen. Und das sagt vor allem aus, dass er nicht nur einen Spielplan A, sondern auch einen Plan B, C oder D hat. Das ist vielleicht das große Manko bei fast allen anderen, dass sie ein Spielsystem haben und wenn das funktioniert, dann sind die jungen Spieler weltklasse. Wenn nicht, dann geht es schnell nach Hause", so Becker.
Djokovic hat durch seinen sechsten Triumph in Wimbledon, den er am Sonntag mit einem Vier-Satz-Sieg gegen den 25-jährigen Italiener Matteo Berrettini perfekt machte, weiterhin die historische Chance, als erster Tennis-Profi nach Steffi Graf im Jahr 1988 den "Golden Slam" zu erreichen.
Dazu fehlen dem Serben nach seinem Sieg bei den Australian Open im Februar, den French Open im Juni und Wimbledon vor wenigen Tagen "nur" noch olympisches Gold in Tokio (ab 23. Juli live im Free-TV bei Eurosport 1 und bei Eurosport mit Joyn+!) und der Sieg bei den US Open in New York (30. August bis 12. September live im Free-TV bei Eurosport 1 und bei Eurosport mit Joyn+!).

Djokovic lässt Olympia-Teilnahme offen - Becker hat Verständnis

Ob Djokovic allerdings zu den Olympischen Spielen nach Tokio reist, ist ungewiss. Nach dem Finalsieg am Sonntag sagte er: "Es war immer mein Plan, zu den Olympischen Spielen zu fahren. Aber im Moment bin ich ein bisschen zwiegespalten. Nach dem, was ich in den vergangenen paar Tagen gehört habe, ist es eine 50:50-Entscheidung."

Djokovic erwägt Olympia-Verzicht: Becker hat klare Meinung dazu

Aufgrund der Corona-Pandemie werden die olympischen Wettkämpfe in Tokio vor leeren Rängen ausgetragen. Zudem gibt es strenge Auflagen für die Sportler, beispielsweise dürfen sie keine Familienmitglieder nach Japan mitnehmen. "Ich werde darüber nachdenken müssen", sagte Djokovic.
Becker hätte angesichts der Chance auf den Grand Slam für einen Olympia-Verzicht Verständnis: "Er hat jetzt drei von vier gewonnen, das ist sein großes Ziel, alles andere kann und darf ihn auch nicht interessieren, das ist eine einmalige Möglichkeit. Olympia im Sommer passt eigentlich so gar nicht rein. Ich glaube erst, wenn er in Tokio landet, dass er Olympia spielt."

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(mit SID)

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