Wimbledon 2024: Alexander Zverev schreibt das Narrativ um - Rasen-Gala füttert Titeltraum der deutschen Nummer eins
Update 03/07/2024 um 19:45 GMT+2 Uhr
Dreieinhalb Wochen nach der Final-Niederlage bei den French Open gegen Carlos Alcaraz hat Alexander Zverev sein Wimbledon-Abenteuer am Dienstag mit einem 6:2, 6:4, 6:2 gegen Roberto Carballés Baena begonnen. Die Rasen-Gala war einer der souveränsten Auftaktsiege in Zverevs Grand-Slam-Geschichte - und dies auf seinem vermeintlich ungeliebten Belag. Zverev hat das Narrativ selbst verändert.
Baghdatis: "Dann wird Zverev sehr gefährlich ..."
Quelle: Perform
Exakt fünf Jahre liegt die letzte Erstrunden-Niederlage von Alexander Zverev zurück. 2019 scheiterte er an der Church Road an seiner Auftakthürde Jiri Vesely - seiner Zeit lediglich die Nummer 124 der Welt.
Damals reiste der seinerzeit 22-jährige Top-10-Spieler, genervt vom Untergrund und mental entkräftet von einem Rechtsstreit mit seinem Ex-Manager vom prestigeträchtigsten Turnier der Welt ab - bevor es überhaupt richtig begonnen hatte.
Seitdem hat Zverev bei seinen 16 weiteren Grand-Slam-Teilnahmen achtmal das Halbfinale erreicht. 14-mal führte der Weg mindestens ins Achtelfinale und in die zweite Woche. Nur in seiner Comeback-Saison 2023 verlor Zverev zweimal eher. Stabilere Statistiken über einen vergleichbaren Zeitraum kann nur Novak Djokovic vorweisen.
In puncto Konstanz befindet sich Alexander Zverev in den vergangenen Jahren im absoluten Weltklasse-Bereich. Der glatte Auftaktsieg am Dienstag in Wimbledon gegen Roberto Carballés Baena (6:2, 6:4, 6:2) zeigte die spielerische und mentale Weiterentwicklung des besten deutschen Tennisspielers - und das auf dem einst so ungeliebten Rasen, auf dem er erst zweimal das Achtelfinale erreichte.
Zverev betont seine Titelreife
In den vergangenen Jahren hatte Zverev wiederholt betont, er sei zu groß für den schnellen Untergrund, die Ball-Absprünge zu tief und unregelmäßig, seine Schwünge zu lang. Als Favorit sah er sich nie. Der Fokus lag stets auf Melbourne, Paris, New York. Das ist 2024 anders.
Bereits bei seinem einzigen Vorbereitungsturnier in Halle betonte Zverev, er nehme die Bedingungen mittlerweile an, akzeptiere, dass es wenig Ballwechsel, wenig Rhythmus gebe. Er verlor erst im Halbfinale gegen Hubert Hurkacz.
Das neue Selbstwertgefühl transportierte Zverev nach London, sagte am Medientag: "Das ist das offenste Wimbledonturnier, das wir in 20 Jahren hatten." Dann erklärte er: "Es ist das erste Mal, dass ich wirklich das Gefühl habe, hier Anwärter zu sein, vielleicht den Titel gewinnen zu können."
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Auch ganz in Weiß in Form: Alexander Zverev
Fotocredit: SID
Zverev: Tempoverschärfungen und Aufschlagstärke
Carballés Baenas wurde der erste Augenzeuge dieses neuen Selbstverständnisses. Zverev agierte mit einem hohen Tempo in seinen Grundschlägen. Immer wieder malträtierte Zverev die Vorhand seines Gegners mit nochmaligen Tempoverschärfungen, die den Spanier überforderten.
Hinzu gesellte sich der gewohnt gute Aufschlag. In Satz eins und zwei gab Zverev nur je zwei Punkte bei eigenem Aufschlag ab, hatte da bereits 15 Asse geschlagen und beendete die Ballwechsel im Schnitt mit unter zwei Schlägen. Wenn sein Kontrahent servierte, dauerten die Rallys im Schnitt fast fünf Schläge.
Auffällig in den längeren Ballwechseln: Die selbstbewusst und sehr überzeugend geschlagene Vorhand Zverevs, über die er im Anschluss in der deutschen Pressekonferenz philosophierte.
Es komme bei ihm immer auf den Belag an. "Auf langsameren Belägen war meine Vorhand der bessere Schlag, besser als die Rückhand. Auf einem schnelleren Belag ist der bessere Schlag immer die Rückhand gewesen. Einfach weil ich Richtungen wechseln kann und weil die Rückhand einfach mein stabilerer Schlag ist."
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Alexander Zverev in Wimbledon
Fotocredit: Imago
Zverev und die Arbeit an seiner Vorhand
Das sei etwas, an dem er arbeiten musste - vor allem auf Rasen. Zverev resümierte: "Ich finde, dass ich okay spiele von der Grundlinie. Ich finde, dass ich den Ball relativ gut auf dem Schläger habe. Auch in Halle hatte ich schon das Gefühl. Der Platz dort ist nicht unbedingt so gut wie hier. Aber dort habe ich teilweise schlechter retourniert. Wenn ich das hier besser mache, kann ich ein gutes Turnier spielen.
Die erste Runde jedenfalls war eine kleine Kostprobe Zverevs. Die kommenden Aufgaben werden ungleich schwerer, in Relation zum Zeitpunkt des Turniers anspruchsvoller als das ein Topgesetzter in Runde zwei und drei gewohnt ist.
Am Donnerstag trifft Zverev auf den US-Amerikaner Marcos Giron, der eine überdurchschnittliche Rasensaison spielt. In Stuttgart und Halle besiegte der 30-Jährige Andy Murray, Andrey Rublev und Matteo Berrettini. In Wimbledon setzte er sich in vier Sätzen gegen den Lokalmatadoren Henry Searle durch.
Zverev: "Viel gearbeitet, damit ich mich wohlfühle"
Giron findet sich auf dem Londoner Grün zurecht, wird früh zum ersten Prüfstein von Zverevs Aussagen.
Fühlt sich Zverev nun wirklich wohl auf Rasen? Der Olympiasieger bejahte das am Dienstag: "Man muss schon auf dem Trainingsplatz gewisse Dinge machen, muss sich schon wohlfühlen, bevor das Turnier los geht. Wenn du dich im Training nicht wohlfühlst und das Gefühl hast, irgendwas funktioniert nicht, bringst du das mit zum Match. Ich habe viel und hart gearbeitet in den Trainingswochen jetzt, damit ich mich wohlfühle und hoffe, dass es so bleibt."
Meistert Zverev die Hürde Giron, könnte es zum mit Spannung erwarteten Drittrunden-Duell mit Jungstar Jake Draper kommen. Der Brite hat Stuttgart gewonnen, in Queen's Carlos Alcaraz besiegt. Die Medien und Fans auf der Insel sind bereits kurz davor ihren geliebten "Henman"-Hill und "Murray-Mountain" umzutaufen. Zverevs Selbstverständnis ist, diese Euphorie der Einheimischen zu bremsen.
Nüchtern konstatierte Zverev im Stile eines Favoriten: "Es ist keine einfache Auslosung. Aber um im Turnier weit zu kommen, um das Turnier zu gewinnen, muss man gegen alle gewinnen."
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