Fehler beim Line-Calling-System von Hawk-Eye? Warum der Zorn von Elena Rybakina, Alexander Zverev und Co. unbegründet ist

Das elektronische Line-Calling-System (ELC) der Firma Hawk-Eye wird bei drei der vier Grand-Slam-Turniere sowie allen Wettbewerben ab der 250er-Kategorie auf der ATP- sowie der WTA-Tour eingesetzt. Vor allem auf Sand kommt es jedoch immer wieder zu hitzigen Diskussionen und Vorwürfen, dass die Technologie fehleranfällig sei. Doch: Das Augenscheinliche ist auf dem roten Belag nur eine Illusion.

Rybakina dreht Duell gegen Olympiasiegerin in Madrid

Quelle: Perform

"Das ist kein Witz, das System liegt falsch", brach es am vergangenen Sonntag aus der sich sonst so zurückhaltenden Elena Rybakina auf dem Court heraus. "Der Ball berührte die Linie nicht. Das ist absolut falsch!", entfuhr es der Ukrainerin beim WTA-Wettbewerb in Madrid.
Kurz zuvor hatte das elektronische Line-Calling-System (ELC) der Firma Hawk-Eye einen Aufschlag ihrer Gegnerin Zheng Qinwen noch um Haaresbreite auf der Linie erfasst. Der sich relativ deutlich abseits befindende Abdruck des Balls ließ Rybakina jedoch gegenüber Stuhlschiedsrichterin Julie Kjendlie aus der Haut fahren.
"Es fühlt sich wie ein gestohlener Punkt an", meinte die Australian-Open-Siegerin, die letztlich trotz der zwischenzeitlichen Frustration nach drei Sätzen den Sprung ins Achtelfinale schaffte (4:6, 6:4, 6:3), auf der anschließenden Pressekonferenz.
Der Vorfall von Madrid beschreibt keinen Einzelfall, sondern vielmehr ein skurriles Phänomen: "Die Spieler sollen ihren eigenen Augen nicht trauen", brachte es "The Athletic" jüngst treffend auf den Punkt. Die angeblich krassen Fehlentscheidungen auf Sand sind nämlich keine.

Fehler beim Line-Calling-System? Der Sand ist "lebendig"

Eines vorneweg: Völlig fehlerfrei ist selbst die angewandte Technologie nicht. Im Gegensatz zu menschlichen Linienrichtern beschränkt sich die Fehlertoleranz beim ELC aber auf lediglich drei Millimeter.
Auf Sand ist ein Irrtum in diesem Toleranzbereich mit freiem Auge nur schwer zu erkennen. Im Fall von Rybakina und weiteren prominenten "Opfern" handelte es sich aber kurioserweise stets um deutlich größere Abstände. Warum die Entscheidungen dennoch korrekt sind, hat vielschichtige Gründe.
Bei Sand handelt es sich um einen "lebendigeren" Belag als bei Rasen- oder Hartplätzen, wodurch die vom Ball hinterlassenen Spuren täuschen können. Je nachdem, wie viel Ziegelmehl sich auf dem Court befindet, fällt der Abdruck unterschiedlich groß aus.
Ein Beispiel: Bei den Madrid Open wird etwas mehr Ziegelmehl als gewohnt ausgestreut. Aufgrund der Tatsache, dass der Ball beim Aufprall komprimiert wird und mit 150 km/h einschlägt, befördert er wie bei einer kleinen Explosion einen Teil des Untergrunds in die Luft - und übrig bleibt ein Abdruck, der größer als der Ball selbst ist.
Um die Frage zu beantworten, ob der Ball "In" oder "Out" war, eignet sich dieses Bild des Aufpralls also nicht. Das ist eine Ursache für die Diskrepanz zwischen der Auffassung des menschlichen Auges und jener der Maschine. Doch es geht noch eine Stufe weiter.

ATP-Video zum Ballabdruck enthüllt Bemerkenswertes

Dass nicht die Technologie, sondern vielmehr der Untergrund unzuverlässig sei, unterstrich auch Paul Hawkins. In einem Interview mit "BBC Sport" erklärte der Erfinder des Hawk-Eye-Systems: "Die weiße Linie auf dem Platz funktioniert wie eine Klippe. Wenn der Ball die Linie streift, kann er noch ein paar Millimeter weiterrollen, bevor er überhaupt eine sichtbare Spur auf dem Sand hinterlässt."
Dadurch wirkt der Abdruck so, "als sei der Ball im Aus", führte Hawkins weiter aus. "Obwohl er die Linie noch berührt hat."
Wie sich eine solche Szene in Nahaufnahme und Slow-Motion entfaltet, zeigt ein von der ATP Tour veröffentlichtes Video zum ELC. Im unten folgenden Beitrag wird anschaulich darauf eingegangen, wie ein Missverständnis wie im Fall von Rybakina entstehen kann.
Das Video zeigt: Tatsächlich dürfen die Athleten ihren eigenen Augen nicht trauen. Aufgrund der Besonderheiten des roten Belages herrschen andere physikalische Gesetze.
Zudem wird auch einer häufigen Forderung der betroffenen Spieler jegliche Grundlage genommen. Das lässt sich am besten anhand eines brisant diskutierten Videos zu Alexander Zverev aus dem Vorjahr erklären.

Zverev fotografierte einen "verdächtigen" Abdruck

Damals wähnte der Hamburger im Sechzehntelfinale von Madrid einen für gültig befundenen Ball von Alejandro Davidovich Fokina klar im Aus und fotografierte den Abdruck sogar mit seinem Handy. Seiner vehementen Bitte, dass sich der Schiedsrichter sich die Spur des Aufpralls aus nächster Nähe ansehen soll, kam dieser nicht nach.
Der Grund dafür ist simpel: Der Abdruck - wie die ATP mit oben eingefügtem Video seit über einem Jahr erklären will - täuscht. Den laut Zverev vorliegenden eklatanten "Systemfehler" gibt es nicht.

Die French Open verzichten (noch) auf Linientechnologie

Auf Sandplatz ist die physische Gewissheit eines Ballabdrucks eine Illusion - an diese Erkenntnisse müssen sich die Spieler, die sich jahrelang gemeinsam mit den Linienrichtern auf ebenjene Spuren verlassen konnten, erst einmal gewöhnen.
Es ist aber davon auszugehen, dass die Diskussionen rund um das Anfang 2025 eingeführte ELC-System aufgrund der Aufklärungsarbeit der ATP allmählich weniger werden.
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Alexander Zverev und Schiedsrichter Renaud Lichtenstein prüfen einen Ballabdruck bei den French Open

Fotocredit: Getty Images

Ausgerechnet bei den French Open (24. Mai bis 7. Juni live im Stream bei HBO Max) besteht aber zumindest in der laufenden Saison am meisten Diskussionsbedarf. In Roland-Garros wird auf das ELC nämlich nach wie vor verzichtet und auf menschliche Linienrichter gesetzt.
Genaueste Inspektionen der Ballabdrücke werden in Paris demnach gewiss keine Seltenheit sein - mit dem kleinen Hintergedanken: Am Ende ist das Augenscheinliche nicht mehr als ein Trugbild.
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Hawkeye bestätigt: Alcaraz-Aufschlag war im Aus!

Quelle: Eurosport


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