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Triathlon-Superstar Jan Frodeno im exklusiven Eurosport-Interview: "Ich quäle mich immer noch gern"

Frodeno exklusiv: Mein Ziel? Hawaii unter acht Stunden!

22/02/2017 um 10:50Aktualisiert 22/02/2017 um 11:36

Triathlon-Olmypiasieger und zweifacher Hawaii-Triumphator Jan Frodeno (35) denkt noch lange nicht ans Aufhören. Eurosport.de sprach mit ihm über neue Ziele, seine Familie und seinen persönlichen Antrieb, sich immer noch zu quälen. Außerdem verrät Frodeno, warum er im Flugzeug für die Mitreisenden eine Runde Kaffee ausgeben musste und weshalb er immer seine Tupper-Dosen im Gepäck hat.

Herr Frodeno, sind die beiden vergangenen Jahre mit Blick aug 2017 noch zu toppen?

Jan Frodeno: Es gibt auf jeden Fall noch Ziele und magische Marken, die es zu knacken gilt.

Welche denn?

Frodeno: Natürlich ist das große Ziel wie jedes Jahr der Ironman auf Hawaii. Das ist das Wimbledon unserer Sportart und ein Ereignis, das über unseren Sport hinaus bekannt ist. Sogar Leute, die mit Triathlon nichts anfangen können, haben in der Regel schon vom Ironman auf Hawaii gehört. Das ist eine große Nummer. Und zu den Marken: Ich war schon öfter mal unter acht Stunden unterwegs, insofern wäre es ganz großes Kino, das auch mal auf Hawaii zu schaffen.

Sie meinten neulich, dass Sie im Gegensatz zu früher nicht mehr in ein Motivationsloch fallen. Warum nicht? Wenn man alles gewonnen hat, ist es doch noch schwerer, sich zu quälen?

Frodeno: So wie andere von klein auf Feuerwehrmann oder Polizist werden wollten, wollte ich immer bei Olympia antreten und am liebsten Olympiasieger werden. Als ich das 2008 in Peking geschafft hatte, stand ich erst einmal da. Ich hatte gar keine Ahnung, wie ich mir ein neues Ziel setze. Ehrlich gesagt hatte ich auch keinen Bock mehr. Erst nach einer Weile habe ich gemerkt, was mir wichtig ist. Heute ist es so, dass ich mit mir richtig unzufrieden bin, wenn meine Leistung nicht passt. Ich bin zum Beispiel der Meinung, dass ich bisher auf Hawaii noch kein perfektes Rennen absolviert habe. Noch nicht einmal ein sehr gutes. Danach werde ich weiter streben. Das soll nicht überheblich klingen. Es geht da auch nicht um die Platzierung, sondern um die Leistung. Ich möchte das einmal in meinem Leben auf Hawaii so umsetzen, wie ich mir das vorstelle.

Was bedeutet Ihnen mehr? Der Olympiasieg oder Ihre zwei Siege auf Hawaii?

Frodeno: Das kann man nicht vergleichen. Als Sportler ist Olympia etwas Besonderes. Alles, was vier Jahre lang Gültigkeit hat, in einem Wettbewerb abzurufen ist etwas anderes, als jedes Jahr die Chance zu haben, einen großen Titel zu holen. Vier Jahre ist eine Ewigkeit – mein permanenter Konkurrent und guter Kumpel Javier Gomez gewinnt einen WM-Titel nach dem anderen und ist aber alle vier Jahre pünktlich verletzt. Das ist schon bitter. Sportlich steht der Olympiasieg für mich immer ganz oben, aber beim Ironman fasziniert mich immer, wie viel Resonanz dieses Ereignis mit sich bringt, diese große Wertschätzung. Die Leute schreiben mir sogar Briefe.

Was steht denn da so drin?

Frodeno: Viele schreiben, dass wir eine Inspiration sind, dass wir dazu animiert haben, dass der eine oder andere direkt am Morgen, nachdem er unseren Wettkampf im Fernsehen gesehen hat, fürs Training früh aufgestanden ist und den gleichen Weg einschlagen will.

So ein Austausch wirkt beiderseits motivierend.

Frodeno: Ja, wobei mich nicht nur positive Nachrichten erreichen. Erst jetzt, nach meinem Weltrekord in Roth, habe ich mit einem anderen Teilnehmer im Ziel 30 Minuten nach Luft geschnappt. Und jetzt schrieb mir ein Vereinskollege von ihm, dass der Mann seit drei Wochen im Krankenhaus ist und sich nicht mehr bewegen kann. Die Ärzte wissen nicht, warum. Ich habe ihm jetzt ein Video geschickt, um ihm Mut zu machen, das hat ihn unglaublich gefreut, und ich finde das ein schönes Beispiel, wie unser Sport Brücken zwischen Menschen schlagen kann. Die Verbindung kann sehr persönlich werden. Das hat viel Familiäres, und das ist kein Lippenbekenntnis.

Wo wir gerade beim Familiären sind: Sie wurden letztes Jahr Papa. Wie lässt sich das unter einen Hut bringen: Vater sein und aufwändig trainieren?

Frodeno: Ich bin für mein Leben gerne Papa. Neulich habe ich meinem Kleinen ein Stirnband gebastelt, quasi als Sturzring, weil er jetzt schon versucht, die Welt zu erkunden und dabei oft auf den Kopf knallt. Ich schlafe jetzt nur mehr sieben Stunden statt neun, noch zahlt mir mein Körper das alles nicht heim. Klar kostet das Energie, aber es macht viel Spaß und gibt Kraft. Und wenn ich das Training eine Stufe hochfahren muss, habe ich zum Glück eine Frau, die mich voll unterstützt.

Jan Frodeno

Jan FrodenoEurosport

Wie sehr ärgert Sie, dass Ihr Sport nur bei Highlights wie Hawaii wahrgenommen wird und sonst kaum Beachtung findet?

Frodeno: Immerhin registrieren die Leute die Highlights. Dass Hawaii jetzt live vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen gezeigt wird, ist ein Meilenstein für unseren Sport. Ich sehe es positiv, dass wir eine Bühne bekommen.

Sie werden im August 36 Jahre alt. Miroslav Klose sagte gegen Ende seiner Karriere mal, er müsse seinen Kadaver ins Training schleppen. Hand aufs Herz – wie lang kann man Triathlon auf diesem Top-Niveau betreiben?

Frodeno: Nichts gegen Miro, aber ich sehe da eher den American-Football-Star Tom Brady als Vorbild – wobei ich es nicht gut finde, dass er für Donald Trump Werbung macht. Aber in Sachen Fitness und Ernährung macht er das alles sehr gut. Bei mir persönlich ist es so, dass mir dieses ewige Suchen nach den letzten Prozentpunkten Spaß bereitet. Das ist wie bei allem: Der Körper ist das eine, aber dieser Sport ist definitiv auch sehr vom Kopf bestimmt. Solange der Kopf frisch bleibt, habe ich sicher noch vier, fünf Jahre vor mir. Und ich quäle mich auch gerne, nach wie vor. Es ist nicht so, dass ich nur noch mit den Ellbogen lässig auf dem Oberlenker fahre, um mit den Mädels einen Kaffee trinken zu gehen.

Aber permanent diese unfassbare Quälerei - für Außenstehende ist das nur schwer nachvollziehbar.

Frodeno: Ich sehe es als sehr zufriedenstellend an, nach einem Trainingsplan zu leben, der mich an mein Limit fühlt. Ich denke, das wird mir irgendwann einmal fehlen. Ich weiß, das klingt schwarz-weiß, aber so einfach ist es: Entweder du packst es, oder du packst es nicht. Wenn du es gepackt hast, war es ein guter Tag.

Spielt da eine Rolle, dass man im Kopf hat, man läuft mit Mitte 30 auch gegen die Zeit an?

Frodeno: Sicher. Ich würde gerne noch zehn Jahre so weitermachen, weiß aber, dass das vermutlich nicht funktionieren wird auf diesem Niveau. Umso mehr genieße ich alles, inklusive der ganzen Quälerei.

Jan Frodeno - Sportler des Jahres 2015

Jan Frodeno - Sportler des Jahres 2015SID

Sie sprachen die Suche nach den letzten Prozenten an. Dazu gehört auch die Ernährung. Stimmt es, dass Sie auf Reisen Ihr eigenes Essen in Tupperware-Dosen mit sich tragen? Wie reagieren da die Leute im Flieger oder im Hotel?

Frodeno: (lacht...) Meistens neidisch. Ich habe sogar ab und zu meine eigene kleine tragbare Espresso-Maschine dabei, mit Kaffee-Mühle, und einmal musste ich deshalb in einem Flugzeug tatsächlich zehn Kaffees machen, weil die Leute heiß drauf wurden, als sich der Duft der frisch gemahlenen Bohnen im Flieger verbreitet hatte. Ich habe da gerne und aus Spaß heraus eine Runde ausgegeben. Die Flugbegleiterinnen haben gelacht, die fanden das cool, dass ihnen einer die Arbeit abnimmt.

Auf was verzichten Sie beim Essen generell?

Frodeno: Weizen, Zucker und Milch versuche ich zu meiden. Auf meinem Plan steht in der Regel immer Frisches.

Bayern-Star Robert Lewandowski isst sein Dessert als Erstes. Sie auch?

Frodeno: Nein. Bei mir gibt es kein Dessert (lacht). Und wenn es mal eins gibt, esse ich alles schon in klassischer Abfolge.

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