Von Jesse Owens über Cathy Freeman bis zu Colin Kaepernick - Eurosport.de stellt in der neuen zehnteiligen Serie Trailblazers sportliche Ikonen vor, die weit über den Sport hinaus gewirkt und gesellschaftliche Veränderungen angestoßen haben.

Auch Greg Louganis gehört fraglos in diese Kategorie. Der vierfache Olympiasieger hat weit über den Sport hinaus für Toleranz, gegen Vorurteile und um gesellschaftlichen Wandel gekämpft.

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NEU: Die Ikonen des Sports in der Eurosport-Serie Trailblazers
01/02/2021 AM 08:32

Seine einzigartige Karriere, noch mehr aber sein einzigartiger Lebensweg, soll hier in den wichtigsten Stationen noch einmal nachgezeichnet werden.

Eurosport.de nimmt Euch mit auf eine Reise zu den Höhen des Olymps und den dunklen Tiefen von Angst und Ausgrenzung:

Früher Verlust und Beginn der großen Liebe

Geboren wird Greg Louganis 1960 in Kalifornien, doch noch bevor er seine ersten Schritte tun kann, geben ihn seine 16-jährigen Eltern zur Adoption frei. In San Diego beginnt sein Leben neu und schon früh beeindruckte er Freunde und Familie mit akrobatischem Talent und Rhythmusgefühl.

Outing als Zeichen der Stärke: Olympia-Held Louganis inspiriert die Welt

Zum Wendepunkt für den kleinen Greg wird der Pool, der 1969 in den Garten kommt und in den er von da an fast pausenlos springt, um dabei jede denkbare Art von Kunststück auszuprobieren. Seine Mutter schickt ihn ins benachbarte Schwimmbad zu einem Kurs – und der erste Schritt einer einzigartigen Karriere ist getan.

Wunderkind wird zum Seriensieger

Louganis entpuppt sich als Wunderkind des Wasserspringens, das sich schon mit 16 Jahren für die Olympischen Sommerspiele in Montreal qualifiziert. Dort trifft er auf die Legende Klaus Dibiasi, der vom 10-Meter-Turm das dritte Gold in Serie anstrebt. Noch kann er den Himmelsstürmer in Schach halten, doch nachdem Louganis mit Silber dekoriert ist, flüstert ihm der Italiener ins Ohr, dass er in ihm seinen Nachfolger sieht.

Dieser zweite Platz in Kanada sollte der letzte internationale Wettkampf sein, den Louganis nicht auf der obersten Stufe des Podiums beendet. Die WM in Berlin 1978 wird zum ersten gemeinsamen goldenen Triumph für ihn und seinen neuen Coach Ron O’Brien.

Atemberaubende Leichtigkeit und tödliche Gefahr

Louganis ist mehr als nur ein außergewöhnlich talentierter Teenager und herausragender Athlet: Er ist die Inkarnation von Perfektion, seine Sprünge erinnern in ihrer Mischung aus Kraft und Eleganz ans Ballett - bald nennt man ihn den "Nurejew des Wasserspringens". Doch auch wenn seine Auftritte so leicht und schwerelos wirken, ist die Gefahr doch immer im Hintergrund präsent. Unglücksfälle im Turmspringen sind nicht selten, zwei 21-jährige Wasserspringer sterben in diesen Jahren an Kopfverletzungen, die sie sich beim Sturz am Sprungturm zuziehen.

Und auch Louganis selbst bleibt nicht verschont: Bei einem Länderkampf 1979 in Tiflis knallt er mit dem Kopf gegen die Plattform des Sprungturms und stürzt zehn Meter tiefer mit dem Rücken auf die Wasseroberfläche. 20 Minuten lang ist er bewusstlos, "wenn der Beton auf der Plattform nicht noch einen weichen Überzug gehabt hätte, wäre ich wahrscheinlich tot", sagt er später.

Louganis? Wie Beamon und Lewis

Olympisches Gold scheint seit seinen ersten Sommerspielen nur noch eine Formalität, doch die Weltpolitik und der Boykott von Moskau 1980 bringen Louganis wie viele andere Athleten um ihre größte Bühne. Die WM 1982 ist nur ein Zwischenschritt Richtung Los Angeles 1984, seine Überlegenheit atemberaubend: Vom 3-m-Brett hätte Louganis auch mit neun statt zehn Sprüngen souverän gewonnen, vom Turm wird einer seiner Sprünge von allen sieben Wertungsrichtern mit der Traumnote 10 geadelt.

Im Sommer 1984 ist es endlich soweit: Umjubelt von den US-Fans wird Louganis mit Traumpunktzahlen zum Doppelolympiasieger und einem der Stars der Spiele von LA. "Ich glaube nicht, dass es besser geht", gesteht er später - während sein Trainer die spektakulären Leistungen seines Schützlings für den Laien mit diesem Vergleich greifbar macht: "Übertragen auf andere Disziplinen wäre das wie 9,15 m im Weitsprung oder 100m in 9,50 Sekunden."

Greg Louganis 1984 in Los Angeles

Fotocredit: Getty Images

Eine Welt stürzt ein: Der HIV-Schock

Nach Olympia denkt Louganis schon über ein Karriereende nach, doch sein Coach lenkt den Blick Richtung Seoul 1988: Nochmals Doppelolympiasieger – damit wäre der Modellathlet endgültig unsterblich. Doch nur im übertragenen Sinne, denn wenige Wochen vor den Spielen in Südkorea gerät die Welt von Louganis ins Wanken: Sein Lebenspartner wird HIV-positiv getestet. Lange hatte der Sonnyboy das Thema AIDS verdrängt. Trotz der sich ausbreitenden Seuche und ihrer Toten. Nun muss er sich stellen, wird getestet - und ist positiv. Für ihn kommt das Ergebnis gefühlt einem Todesurteil gleich. Doch sein Trainer bekniet ihn zu kämpfen. Und zu Olympia zu fliegen.

Blut und Gold: Das schreckliche Dilemma

Die Reise nach Seoul bringt Louganis in einen furchtbaren Gewissenskonflikt. Denn wenn er seinen positiven Test öffentlich macht, bedeutet dies das Olympia-Aus: In jenen Jahren ist der Umgang mit AIDS von unzähligen Vorurteilen und Falschinformationen geprägt; Schweigen die einzige Option - aber eine immense Last. Der Gold-Favorit entscheidet sich für seinen sportlichen Traum, doch er wird im Wettkampf auf eine noch härtere Probe gestellt.

Greg Louganis 1988 in Seoul

Fotocredit: Getty Images

Denn in der Qualifikation vom 3-Meter-Brett touchiert Louganis das Sprungbrett und zieht sich eine Kopfverletzung zu. Mit einer blutenden Wunde steigt er aus dem Becken, wagt es nicht, sich dem behandelnden Arzt in der Halle zu offenbaren. Bis er die Bestätigung erhält, dass er wohl niemanden gefährdet hat, ist er "gelähmt vor Angst".

Dann macht er sein zweites Gold-Double perfekt.

Greg Louganis steigt 1988 in Seoul verletzt aus dem Becken

Fotocredit: Getty Images

Befreiung und Kampf gegen das Schweigen

Nach den Spielen von Seoul beendet Louganis seine aktive Karriere, über seine Homosexualität und seine Erkrankung spricht er weiter nicht. Doch der Umgang der Gesellschaft mit AIDS wandelt sich und macht für ihn den großen Schritt möglich. Mit einem Auftritt bei den Gay Games 1994 wagt er den Schritt an die Öffentlichkeit, die darauf folgende Autobiographie "Breaking The Surface" bewegt das Land: Wochenlang führt sie die Beststellerlisten der "New York Times" an. Schonungslos berichtet der damals 35-Jährige über Selbstmordversuche, Alkoholmissbrauch, eine erlittene Vergewaltigung. Jahrelang war er im Wasser glücklicher als außerhalb.

Von da an wird Louganis zum Kämpfer gegen jede Form von Diskriminierung. Kein junger Homosexueller, kein HIV-positiv getesteter Mensch, kein Angehöriger irgendeiner Minderheit soll zukünftig durchleben müssen, was ihm viel zu lange widerfahren war. Stoppt das Schweigen - das ist seitdem die Mission des wohl größten Wasserspringers aller Zeiten.

Das Video der neuen Folge von Trailblazers über Greg Louganis findet Ihr hier am Montag, den 22. Februar!

Greg Louganis

Fotocredit: Getty Images

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