Neue Wege in die Irre? Terminpläne erschrecken die Wintersportler
Publiziert 21/04/2020 um 12:44 GMT+2 Uhr
Schon jetzt stehen im alpinen Skisport oder im Biathlon die neuen Terminpläne für die Wintersport-Saison 2020/21 fest. Doch bei den Athleten dürften diese für Unzufriedenheit sorgen, glaubt Eurosport-Kommentator Sigi Heinrich, der zugleich ein mutigeres Vorgehen der Sportler und Trainer gegen die Verbandsentscheidungen fordert. Zeit genug wäre noch, so Heinrich, um die Pläne zu verändern.
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Der nächste Winter kommt bestimmt, auch wenn wir in diesen Tagen wahrlich andere Sorgen haben als schon an tanzende Schneeflocken zu denken.
Natürlich hofft man landauf und landab auch, dass wir spätestens bei der ersten Übertragung von Wintersportveranstaltungen das Wort Corona nur noch in Verbindung mit einem mexikanischen Bier bringen. Und deshalb bringen wir uns jetzt alle in Stellung.
Vor allem die zuständigen Verbände, der Internationale Ski-Verband (FIS) und die Internationale Biathlon-Union (IBU), haben schon mal weit vor der Zeit ihre Terminpläne vorgestellt. Ein feiner Zug, denn jetzt bleibt oder bliebe noch genug Freiraum, um darüber zu diskutieren.
Kritik prallt an Verbänden ab
Die Alpinen etwa ächzen unter dem neuen Plan. Es grummelt in den Reihen der Athleten und Trainer. Den Herren gesteht man nur noch sechs Super-G zu, den Damen gar noch einen weniger. Dafür forciert die FIS nun Parallelrennen. Das sorgt für Irritationen, denn die Kritik an dieser Wettkampfform war immens im vergangenen Winter. Viele Aktive erhoben plötzlich ihre Stimme.
Zu wenig Spannungs, sportlich nicht wertvoll, hohe Verletzungsgefahr und vor allem ungerecht, weil einer von beiden Durchgängen wohl immer schneller ist. Das waren die Argumente. Das Ergebnis ist ein erhobener Zeigefinger des Verbandes.
Man könnte die Erhöhung der Zahl an Parallelrennen nämlich auch so interpretieren: Ihr, die Athleten seid dagegen. Jetzt machen wir erst recht mehr davon. Man darf gespannt sein, ob die Aktiven und da vor allem die Athletenvertreter reagieren.
Ob nationale Verbände aufbegehren oder Trainer sich darauf verständigen, gemeinsam gegen diesen neuen Trend vorzugehen. Zeit dazu hätte man jetzt.
Zu viel zum Auftakt im Biathlon
Bei den Biathleten gärt es auch. Man hat vor dem Jahreswechsel noch eine weitere Wettkampfstätte ins Programm genommen. Jetzt sind es vier statt wie bisher drei Stationen. In Kontiolahti (Finnland) sollen für Damen und Herren am Samstag ein Einzelwettkampf stattfinden und am Sonntag direkt danach ein Sprint. Wer jemals diese Strecken gesehen hat, weiß, dass sie zu den schwersten im Weltcup gehören.
Gleich zum Saisonstart einen solchen Doppelwahnsinn zu inszenieren, treibt den Trainern die Tränen die Augen. Sie fürchten um die mühsam aufgebaute Form ihre Schützlinge gleich zum Saisonstart, denn danach geht es in Östersund (Schweden) weiter und die Loipen dort stellten ebenfalls eine extreme Herausforderung dar. Aber es kommt noch dicker.
Nach der Biathlon-Weltmeisterschaft in Slowenien, die am 21. Februar 2021 zu Ende geht, steht am 26. Februar bereits wieder ein Staffelrennen auf dem Programm. Und jetzt aufgepasst: in Peking. Volles Programm. Olympischer Test. Schon jetzt sind mir viele Stimmen zugetragen worden, die nur einen Tenor haben: Da machen wir nicht mit.
Courage wäre wichtig
Wetten dass? Denn auch hier gilt, dass die Aktiven und ihre Trainer und deren Verbände vermutlich nicht entschieden genug aufbegehren gegen die Pläne ihrer Weltverbände. Jetzt wäre sowohl bei den Alpinen wie auch in der Biathlonszene der Zeitpunkt noch günstig und wohl noch möglich, um Wünsche zu äußern, Sorgen an die Verantwortlichen heranzutragen und auf Veränderungen zu pochen.
Die Sportler und Sportlerinnen hätten die Macht, ihre Vorstellungen mit Entschiedenheit einzubringen. Sie müssten nur mutiger werden und eine große Prise Courage einbringen und eben auch ein wenig Zeit investieren. Aber dazu wäre auch ein gemeinsamer Konsens notwendig. Und der ist vermutlich weder bei den Alpinen noch bei den Biathleten möglich.
Deshalb, so vermute ich, bleibt alles so, wie es allenthalben beschlossen wurde. Von oben ohne die Basis genügend einzubinden. So wie es halt immer war. Nicht mal eine Corona-Krise kann das wohl ändern.
Zur Person Sigi Heinrich:
Der renommierte Sportjournalist, Buchautor und vielfach ausgezeichnete Eurosport-Kommentator Sigi Heinrich widmet sind in seinen Blogs der gesamten Vielfalt des Sports inklusive der komplizierten Mechanismen der Sportpolitik. Mal sehr ernsthaft, mal mit einem verschmitzten Augenzwinkern und manchmal auch bewusst provozierend. Es soll ja für alle was dabei sein.
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