Sigi Heinrich: Ein Appell aus Südtirol
Publiziert 18/03/2020 um 08:58 GMT+1 Uhr
Das SARS-CoV-2-Virus hat Italien - Stand jetzt - am härtesten in Europa getroffen. Seit Tagen steht das öffentliche Leben still. Eurosport-Kommentator Sigi Heinrich blickt in seinem Blog verwundert auf die ihm noch zu zögerlichen Maßnahmen in Deutschland und richtet aus seiner Südtiroler Zweitheimat einen Appell an die Deutschen.
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Liebe Eurosport-User,
Ich könnte jetzt folgende Rubrik wählen: Brief aus dem Kriegsgebiet. Aber das wäre vielleicht zu martialisch. Ich wähle: Brief aus dem Krisengebiet.
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Ich lebe unter anderem und eben auch jetzt gerade in Südtirol. Das ist bekanntermaßen in Italien, seit 100 Jahren um genau zu sein, auch wenn das der Südtiroler an sich nie akzeptieren wird. Italien hat die höchsten Zahlen an SARS-CoV-2-Infektionen und Covid-19-Toten in Europa. Am Dienstag waren es bereits mehr als 2500.
Erst gestern ist im Raum Brixen ein 68-Jähriger an den Folgen der Pandemie gestorben. Also aus meiner Risikogruppe. Wie allerdings die meisten der Verstorbenen litt auch er an einer Vorerkrankung. Mehr als das erfahre ich auch nicht.
Deutschland hinkt noch hinterher - zu weit
Ich weiß, dass man in Deutschland die derzeitigen Maßnahmen als gar fürchterliche Eingriffe in die persönliche Freiheit erlebt. Manche Idioten - es gibt keinen anderen Begriff dafür - veranstalten deshalb sogar Corona-Partys, um ihrem Missfallen Ausdruck zu verleihen.
Die Restaurants machen schon um 18 Uhr zu. Wie soll man da überleben?
Und Deutschland hinkt noch weit hinterher. Sehr weit - zu weit, was Einschränkungen betrifft.
Bei mir in Südtirol ist es so: Schulen, Kindergärten, Schwimmbäder und Skilifte sind schon lange zu. Kirchen und Restaurants seit einer Woche konsequent geschlossen. Total. Auch alle Bars. Es gibt keine schwammigen Öffnungszeiten, weil diese ja doch dazu führen, dass man eventuell dann halt zum Mittagessen hingeht.
Raus darf man nur zum Einkaufen
Im Gegensatz zu Deutschland hat Italien eine ziemlich rigorose Ausgangssperre verfügt. Nur zum Einkaufen darf man gehen, muss aber eine Eigenerklärung ausgefüllt dabei haben, um bei einer Kontrolle nachweisen zu können, wo man wohnt und dass man wirklich nur notwendigste Einkäufe macht (mein Pass ist deshalb immer in der Jackentasche).
Ins Geschäft selbst dürfen maximal acht Personen gleichzeitig rein. Abstand: ein Meter. Ist ja längst klar. Wir tragen hier alle Schutzmasken, die so weiß sind wie die umliegenden Gipfel der Dolomiten. Wer keine Maske hat, bindet sich einen Schal um Mund und Nase.
Im Laden zieht man dann erst einmal Einweghandschuhe an und absolviert den Einkauf so schnell wie möglich. Keine kurzweiligen Gespräche mit dem Inhaber des Dorfladens wie sonst. Es ist kein Treffpunkt mehr mit regem Gedankenaustausch, sondern wirklich nur noch eine nackte Verkaufsstelle.
Keine Spaziergänge mehr
In Deutschland haben dagegen noch offen: Waschsalons, Friseure, Schönheitssalons (!), Baumärkte, Autowerkstätten und so weiter. Für mich alles Virenschleudern vom Feinsten, weil sich Menschen dort treffen, auch auf engstem Raum.
Für mich ist das gänzlich unverständlich. In Italien und eben auch hier, in Südtirol, sind all diese Geschäfte und alle anderen längst geschlossen. Man muss ja nicht jeden Tag Schuhe kaufen oder Unterwäsche. Und die Nägel kann man sich auch mal selbst lackieren.
Das Leben, ja das Leben, das steht still. Ich schaue aus dem Fenster, sehe keine Menschen, keine Autos fahren. Es ist herrliches Wetter, die Bergspitzen strecken sich unschuldig weiß in den strahlend blauen Himmel.
Der Frühling kündigt sich an. Beste Zeit für einen erholsamen Spaziergang: Ich würde so gerne ... Aber ich darf nicht. Ein Spaziergang ist kein Grund, die Wohnung zu verlassen. Wer erwischt wird, muss mit einer Strafe von mindestens 200 Euro rechnen. Einmal im Kreis und wieder zurück. Mehr geht nicht.
Nur Quarantäne hilft
Heute habe ich in den "Dolomiten", der Zeitung für Südtirol, gelesen, dass die Fallzahlen (wie immer man diese berechnet) in Italien leicht zurückgehen. "Leicht", wohlgemerkt.
Es steht für mich außer Frage, dass nur absolute Quarantäne und Zurückhaltung bei zwischenmenschlichen Kontakten die Ausbreitung verlangsamen kann.
Grenzschließungen helfen nichts, gar nichts, denn das Virus ist schon längst überall in der ganzen Welt. Grenzkontrollen sind Maßnahmen der Politiker, die deren Hilflosigkeit unterstreichen. Bayern ruft den Katastrophenfall aus, aber es gibt keine Ausgangssperre. Dann ist das sinnlos, sage ich euch aus meiner Südtiroler Erfahrung.
Kommunikation ist wichtig
Ich fühle mich übrigens nicht eingesperrt, sondern als verantwortungsvolles Mitglied dieser Gesellschaft, in der ich einen Teil meines Lebens verbringe. Die Menschen, mit denen ich sonst Kontakt habe, sind weiterhin in meinem Umfeld.
Jetzt halt per Telefon, WhatsApp und Email. Täglich kommunizieren und diskutieren wir und planen schon eine große Party, wenn alles vorbei sein wird. Wir halten zusammen. Die Solidarität ist extrem groß hier und vor allem auch: das Verantwortungsbewusstsein.
Denn nur wenn jeder Einzelne mithilft, können wir diese Situation, die für jeden eine neue und auch schmerzliche Erfahrung darstellt, meistern. Das ist der Grundtenor, wenn wir unseren täglichen Informationsaustausch pflegen, der immer so beginnt: Sigi, wie geht’s Dir? Oder eben umgekehrt.
Eigeninitiative ist wichtig
Ich sage: Folgt nicht nur den Ansagen der Politik. Tut mehr, denn der Staat tut zu wenig. Wir sind der Staat, wir, die Menschen. Wir sind betroffen, deshalb müssen wir uns engagieren.
Diesmal ganz anders, als dieses Wort sonst bedeuten mag. Engagement heißt jetzt: Rückzug. Das ist, ich merke das auch, alles nicht einfach. Bei jedem trockenen Husten kommt schon Angst auf. Man greift sich täglich mehrmals an die Stirn.
Habe ich erhöhte Temperatur? Aber ich bin ja gesund, sage ich mir. Ich habe keine Vorerkrankung. Wenn ich das Virus habe, könnte ich es bestimmt mit meinem natürlich überragend guten Immunsystem selbst besiegen. Ich habe einen Blinddarmdurchbruch überlebt. Und Meningitis. Da werde ich das jetzt auch schaffen.
Ich kann ja nicht gleich in die Apotheke rennen oder gar in die Klinik. Die haben grad Stress ohne Ende und sind ja im Grunde froh über jeden, der nicht kommt. Also reiße ich die Balkontüre auf, hole die gute Südtiroler Luft in die Stube und bereite mir einen mageren Graukäse zu. Mit roten Zwiebeln, Essig, gutem Olivenöl aus den Abruzzen, Salz und Pfeffer (Graukäse ist ein Sauermilchkäse, bevorzugt von einer Alm und eine Südtiroler Spezialität von würzig, säuerlichem Geschmack).
Das Motto: Mach aus wenig viel. Das passt zur derzeitigen Situation.
Eurosport sendet weiter
Es war mir ein Bedürfnis, das mal loszuwerden. Ich freue mich wieder auf eine normale Zeit bei Eurosport, nachdem wir das Virus mit all unserer Kraft und unserem Willen besiegt haben. Und bis dahin gibt es viele tolle Wiederholungen. Wir lassen Euch nicht im Stich. Keine Sorge.
Passt auf Euch auf und auf Eure Mitmenschen!
Euer Sigi
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Zur Person Sigi Heinrich:
Der renommierte Sportjournalist, Buchautor und vielfach ausgezeichnete Eurosport-Kommentator Sigi Heinrich widmet sind in seinen Blogs der gesamten Vielfalt des Sports inklusive der komplizierten Mechanismen der Sportpolitik. Mal sehr ernsthaft, mal mit einem verschmitzten Augenzwinkern und manchmal auch bewusst provozierend. Es soll ja für alle was dabei sein.
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