Tausendstelsekunden sind die berühmten "marginal gains": Sie sind verschwindend klein, aber sie machen oft den Unterschied. "Noch mehr als auf der Straße haben Daten den Sport auf der Bahn verändert", erklärt Arnaud Tournant. Der Olympiasieger im Mannschaftssprint bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney weiß besser als jeder andere, dass es bei seinem "Sport um die Details" geht.
Der Franzose hatte einen Platz in der ersten Reihe, um Ende der 90er Jahre Zeuge des Aufkommens dieser berühmten Daten zu werden. Anfangs skeptisch und als bloße Spielerei betrachtet, wurden sie schnell zum A und O des Bahnradsports - mit dem SRM an der Spitze. Hinter dieser Abkürzung verbirgt sich der Name Schoberer Rad Messtechnik, benannt nach seinem Erfinder.
Letzterer, ein deutscher Ingenieur, der sich für medizinische Anwendungen interessierte, stellte sich eine Kurbel vor, die die von einem Radfahrer erzeugte Momentanleistung messen kann. Im Laufe der Zeit waren diese SRMs von den Rädern der Profis nicht mehr wegzudenken und sind heute das Herzstück. "Sie sind auch äußerst zuverlässige Indikatoren für Müdigkeit, Leistungsentwicklung und sogar die Luftqualität", bemerkt François Pervis.
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"Großbritannien, aber auch Australien und Neuseeland waren im Bahnradsport oft einen Schritt voraus", fährt Arnaud Tournant fort, "aber Frankreich und andere Nationen haben schnell nachgezogen und nutzen auch diese SRMs". Fortan sind es diese Messgeräte, die Rennen mitentscheiden. Diese (R)Evolution könnte jedoch zu Lasten des Rennens gegangen sein.

Zu viel Robotisierung der Rennen?

Das meint jedenfalls François Pervis. "Das SRM löscht die Instinkte des Fahrers komplett aus", beklagt der siebenmalige Weltmeister. "Die Sportler von heute sind zu Robotern geworden und haben den Renninstinkt verloren...!" Stimmt das? Sind Radfahrer zu Robotern geworden, die nur durch die von Computern übermittelten Daten gesteuert werden?
Ganz so weit sind wir noch nicht. Arnaud Tournant schließt sich aber seinem Landsmann an und stellt fest, dass "die Rennen nicht mehr das sind, was sie mal waren. Vor dem Auftauchen dieser Daten waren wir auf Wettbewerben, bei denen es viel mehr Spannung und Abwechslung gab. Es wird jetzt sehr schwer, wieder die Überholmanöver zu sehen, die den Reiz unserer Disziplin ausgemacht haben", bedauert der Mann mit 14 WM-Titeln. "Jetzt starten alle Läufer ihren Sprint aus der Distanz. Manchmal fühlt es sich an, als wären sie in den Sattel geschraubt und denken nur über ihre Position auf dem Rad nach."

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Fortschritt gegen Nostalgie

Arnaud Tournant will jedoch nicht nur in die Vergangenheit schauen. "Evolution ist ein wesentlicher Bestandteil jeder Sportart", stellt er fest. "Schauen Sie sich den aktuellen Fußball an, er hat nichts mit dem aus Platinis Zeit zu tun. Technischer oder technologischer Fortschritt hilft uns, uns zu verbessern. Und das gilt umso mehr in sogenannten Materialdisziplinen wie dem Radsport auf der Bahn."
Für den Nordfranzosen ist die Spannung auch mit dem Aufkommen von Daten nicht aus dem Bahnradsport verschwunden. "Fahrer sind mit diesen Daten so dicht am Limit, dass heutzutage verstärkt der Ermüdungsfaktor ins Spiel kommt. Und dieser Faktor bringt die notwendige Unsicherheit und das Spektakel mit sich."

Videoanalyse, die andere Geheimwaffe des modernen Radsports

Das SRM, allgegenwärtig und allmächtig wie es ist, war nicht der einzige Umbruch in der Disziplin in den letzten Jahren. Auch Videoanalysen spielen eine große Rolle. "Sie erlauben allen Athleten, allen Nationen, ihre Gegner zu sezieren", sagt Arnaud Tournant.
"Das ultimative Ziel dieser Videositzungen war es immer, den von den Konkurrenten verwendeten Gang zu erkennen. Früher war es sehr schwierig zu bestimmen, aber dank dieser Analysen wissen wir jetzt, wie man die mit einer vollständigen Kurbelumdrehung zurückgelegte Strecke berechnet", sagt er.
Und das ist nicht alles. Das Video birgt noch viele weitere Geheimnisse. "Es analysiert die Fahrten jedes Fahrers und ermöglicht ihm, sie zu optimieren." Kurz gesagt, wie wir sehen können, sind Computerdaten überall im UCI-Bahnradsport zu finden. Und wenn man sich dem Fortschritt nicht widersetzt, erweisen sie sich als unschätzbare Hilfe bei dem ständigen Streben nach Exzellenz, das diesen Sport auszeichnet.
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