Und jetzt? Es ist mehr eine Feststellung als eine Frage. Und die beiden Wörter beinhalten auch schon eine Antwort. Jetzt wird der gute Rat sehr teuer.
Es nähert sich die Dunkelheit über einer der Lieblingssportarten in Deutschland. Biathlon stürzt ab. Weil Arnd Peiffer nach Simon Schempp jetzt auch aufgehört hat? Das kann doch nicht so dramatisch sein, wenn zwei Athleten einer Mannschaft ihre Karriere beenden, möchte man meinen. Zwei sind doch leicht zu ersetzten.
Das eben ist der große Irrtum. Bereits das Fehlen von Simon Schempp hat eine der berühmten Lücken gerissen. Er konnte nicht ersetzt werden. Jeder, der seinen Platz vorübergehend bekam, scheiterte an den natürlich bekannt hohen Ansprüchen. Und jetzt verabschiedet sich der Retter der letzten Weltmeisterschaft auch noch in den Ruhestand.
Biathlon
Olympiasieger Peiffer beendet Karriere: "Der ideale Zeitpunkt"
16/03/2021 AM 15:20
Arnd Peiffer, der die einzige Medaille für den DSV bei den Männern holte. Der zuverlässigste Medaillensammler im Biathlon in den 13 Jahren, in denen er aktiv war, hinterlässt mehr noch als Schempp eine Lücke.

Knappes Duell mit Peiffer: Laegreid krönt sich zum Einzel-Weltmeister

Es ist ein Krater. Ohne Peiffer, der auch in seiner letzten Saison noch ein Weltcuprennen gewann (Massenstart in Hochfilzen, womit er in allen Disziplinen mindestens einmal siegreich war), fehlt der Mannschaft von Bundestrainer Mark Kirchner nicht nur seine wichtigste tragende Säule, sondern ein komplettes Fundament.
Es ist im Biathlon wie in anderen Sportarten auch. Um eine gewisse Aufmerksamkeit zu generieren, sind Typen notwendig, mit denen sich die Fans identifizieren können. Dabei muss ein solcher Typ nicht unbedingt ständig den Boulevard bedienen. Viel besser ist die sportlich herausragende Leistung in Verbindung mit einer gewissen Bescheidenheit. Dirk Nowitzki, Leon Draisaitl oder Timo Boll gehören in eine solche Kategorie.

Peiffer wie Fischer, Ullrich, Gross und Greis

Viele Biathleten der Vergangenheit natürlich auch - wie Sven Fischer, Ricco Gross, Frank Ullrich, Frank Luck oder Michael Greis (keine Liste kann in diesem Fall vollständig sein). Peiffer darf sich einreihen in diese edle Auswahl. Er hatte selbstverständlich seinen eigenen Fanclub, der ihn rührend unterstützte und den er auch besuchte.
Geboren am Fuße des Hexenberges Brocken im Harz in Clausthal-Zellerfeld hat Peiffer nie den Kontakt zur Scholle verloren. Auch seine Höhenflüge ließen ihn die Bodenhaftung nicht verlieren. Und alle an den TV-Schirmen und im Stadion wussten immer: So lange dieser Arnd Peiffer nicht im Ziel ist, steht kein Ergebnis fest.
Ich habe ihn zum ersten Mal bei der Junioren-Weltmeisterschaft 2008 in Ruhpolding kommentiert und seitdem alle seine Rennen. Die Kumpels nannten ihn "Mister Tagesschau", weil er ein so schönes und schon in Jugendjahren sonores Deutsch sprach. Und er wirkte bereits damals wie ein Fels, wie ein unerschütterlicher Klotz am Rand einer Brandung. Er ließ sich nie verbiegen. Nie. Er ging immer seinen Weg und er war ein Wegbereiter.

"Das ist klug": So holte sich Peiffer den Sieg im Massenstart

Ungefragt bedeuteten seine Gesten, seine Erfolge, sein Umgang mit den Kollegen, die dennoch Kontrahenten waren: Folgt mir einfach. Das wird schon. Und so war es auch, denn er hatte Geduld, dieser Peiffer. Wenn es nicht so gut lief, blieb er fest in seiner Überzeugung. Ein Typ eben. Ich wäre auch, ohne lange zu überlegen, hinter ihm hergelaufen.

Viel Verantwortung für Doll und Lesser

Und jetzt? Benedikt Doll und Erik Lesser sind noch da. Noch. Beide waren auch schon Weltmeister, aber sie waren ein Teil der vier Musketiere mit Peiffer und Schempp. Nun sind sie schutzloser denn je, denn aus der eigenen Mannschaft rückt keine Konkurrenz nach.
Jetzt müssen sie mit Erfolgen dafür sorgen, dass die Versäumnisse im Biathlon der letzten Jahre, was die Nachwuchsarbeit betrifft, nicht explosionsartig an die Luft geschleudert werden, obwohl sich das vermutlich kaum vermeiden lässt.

Benedikt Doll (links) übergibt in Nove Mesto an Erik Lesser

Fotocredit: Getty Images

Die vergangenen Jugend- und Juniorenweltmeisterschaften in Obertilliach legen den Finger noch einmal schmerzhaft deutlich in die Wunde. Der deutsche Nachwuchs gewann zwei Medaillen, Frankreich elf. Und der 21-jährige Emilien Claude (Frankreich), der in Österreich einmal Bronze (Einzel) und zweimal Gold (Sprint und Verfolger) gewann, durfte bereits vier Weltcup-Rennen bestreiten, bei denen er immerhin viermal Punkte gewann.
Geschlagen wurde Claude im Einzelrennen übrigens von Philipp Lipowitz aus Ulm, der mit siebtbester Laufzeit und nur einem Fehlschuss jetzt Junioren-Weltmeister ist. Aber wo ist Lipowitz? Es ist natürlich ein Jahr vor Olympischen Spielen die denkbar schlechteste Zeit, um ein neues Team aufzubauen. Das hätte man schon vor Jahren tun müssen.
Allerdings muss man die DSV-Verantwortlichen in einem Punkt in Schutz nehmen: Dass Schempp und Peiffer ein Jahr vor Peking ihre Skier und Gewehre in die Ecke stellen, konnte niemand ahnen. Dieser Zeitpunkt ist absolut ungewöhnlich. Diese Rücktritte werden ein mittleres Erdbeben im DSV auslösen. Denn jetzt, ja jetzt, muss zwangsläufig vieles auf den Prüfstand kommen. Ohne Kompromisse. Die hat man zu lange gemacht.
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