Denise Herrmann-Wick im Eurosport-Interview - Teil 2: Kreditkartenaffäre um Simon "sicher schwierig"

Denise Herrmann-Wick spricht im exklusiven Interview vor der Biathlon-WM über die Entwicklung im deutschen Nachwuchsbereich und hebt vor allem drei Athletinnen hervor. Zudem klärt die zweimalige Olympiasiegerin, die im vergangenen März ihre Karriere beendet hatte, über die Tücken am Schießstand und auf der Strecke in Nove Mesto auf und schätzt die Chancen des deutschen Mixed-Teams ein.

Rotzfrech in der Spitzengruppe: Grotian läuft tolles Staffel-Rennen

Quelle: Eurosport

Wenn am 7. Februar in Nove Mesto der Startschuss zur Biathlon-WM fällt, wird Denise Herrmann-Wick nicht wie noch 2023 auf Medaillen-Jagd gehen, sondern das Großereignis erstmals seit Jahren von außen betrachten.
Dennoch wird die 35-Jährige, die im März 2023 ihre Karriere beendet hatte, mit den DSV-Athleten mitfiebern, wie sie im exklusiven Interview mit Eurosport verrät. Ein besonderer Blick liegt dann auch auf den Juniorinnen Selina Grotian und Johanna Puff, die es ins deutsche WM-Aufgebot geschafft haben. "Die Mädels machen einen wirklich guten Job", lobt Herrmann-Wick, die in ihrer WM-Karriere insgesamt neun Medaillen sammeln konnte.
Zudem erklärt die werdende Mutter, auf welche Besonderheiten sich die Athleten am Schießstand und auf der Strecke der tschechischen Biathlon-Hochburg einstellen müssen. Denn sicher ist, dass dort "ordentlich der Punk abgeht".
Die WM in Nove Mesto startet am 7. Februar mit der Mixed-Staffel und endet am 18. Februar mit den beiden Massenstarts. Alle Wettbewerbe sind live auf Eurosport und im Stream bei discovery+ zu sehen.
Frau Herrmann-Wick, mit Selina Grotian, Johanna Puff und Julia Tannheimer sind in diesem Winter drei Juniorinnen in die Weltcupmannschaft gestoßen. Grotian und Puff stehen sogar im WM-Aufgebot. Wie blicken Sie derzeit auf den deutschen Nachwuchs?
Denise Herrmann-Wick: Die Mädels machen einen wirklich guten Job. Das hat sich in den letzten Jahren bereits angedeutet. Darüber hinaus sind im IBU-Cup ein paar Athletinnen, die läuferisch ein sehr gutes Potenzial haben. Für die drei war es eine große Chance, die freien Plätze im Weltcup zu nutzen. Julia Tannheimer war in Ruhpolding der Wahnsinn. Beim ersten Weltcup zum ersten Mal im Leben im Sprint null Fehler zu schießen, war richtig cool. Daraus kann sie für die nächsten Jahre sehr viel positive Erfahrung mitnehmen. Da braucht uns nicht angst und bange werden. Es gibt viele Athletinnen mit sehr viel Potenzial. Grotian und Puff können in Nove Mesto ein wenig WM-Luft schnuppern. Ob sie einen Einsatz bekommen oder nicht, ist egal, denn die Erfahrung ist immer hilfreich.
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Von links: Johanna Puff, Selina Grotian und Vanessa Voigt in Lenzerheide

Fotocredit: Getty Images

Es hat einige Jahre gedauert, bis in diesem Winter junge Athletinnen in den Weltcup dazugestoßen sind. Hat man in der deutschen Nachwuchsarbeit in den vergangenen Jahren etwas versäumt?
Herrmann-Wick: Am Ende des Tages ist es Leistungssport. Die Besten laufen im Weltcup, das ist nun mal so. Man kann jüngere Athletinnen nicht in den Weltcup lassen, wenn sie nicht besser als die Besten sind. Man kann keine Leute rausnehmen, die in die Top 10 laufen. Zwischen Weltcup und IBU-Cup gab es schon immer ein sehr transparentes Aufstiegs- und Abstiegssystem. Dafür musste man aber erst einmal im IBU-Cup sein. Es stellt sich immer die Frage, wie früh man junge Mädels, die eigentlich noch im IBU-Junior-Cup laufen, in Richtung IBU-Cup sowie den Weltcup pushen kann. Da muss man aufpassen. Man hat ja auch eine gewisse Fürsorgepflicht, weil diese Talente noch jung sind. Letztendlich waren immer die Besten im Weltcup vertreten. Dass man über Platz fünf oder sechs im Team diskutieren kann, ist normal im Leistungssport. Am Ende haben sich aber diejenigen bewiesen, die im Weltcup dabei waren. Trotzdem denke ich, dass die Nachwuchsarbeit im Hintergrund gut gelaufen ist. Die Mädels sind noch sehr jung. Man sieht, dass sie punktuell Chancen kriegen, aber auch nur, weil von den Älteren niemand besser ist. Die konstante Leistungsentwicklung steht im Vordergrund. Es geht nicht darum, wie weit eine Athletin mit zwanzig ist, sondern was langfristig am meisten Sinn macht. Biathlon ist ein Ausdauersport, in dem man mit Fingerspitzengefühl und in Absprache mit den Trainern die richtige Entscheidung treffen muss. Julia Tannheimer ist zum Beispiel nicht bei der WM dabei. Sie fokussiert sich auf die Schule. Es gibt auch andere Dinge, die in diesem Alter eine wichtige Rolle spielen. Die Zukunft ist offen, es ist alles möglich.
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Julia Tannheimer bei ihrem Weltucp-Debüt in Ruhpolding

Fotocredit: Getty Images

Ein anderes Thema ist das Schießen. Uros Velepec sieht den Schlüssel zu mehr deutschen Erfolgen in der Steigerung der Schießzeiten. Im "modernen" Biathlon werde risikoreiches Schießen immer wichtiger. Daran hat die deutsche Mannschaft in den letzten beiden Jahren intensiv gearbeitet. Wie sehen Sie das?
Herrmann-Wick: Man sieht, dass die Standzeiten immer niedriger werden. Nichtsdestotrotz müssen die Scheiben am Ende fallen. Bei uns Damen war das am Ende auch ein Thema. Wenn Dorothea Wierer oder Lisa Vittozzi neben einem standen und in zwanzig Sekunden die Scheiben abräumten, wollte ich mich natürlich auch verbessern. Ich habe mich immer an den Besten orientiert und nie gesagt, das laufe ich eh wieder raus. Ich habe zu mir selbst gesagt: Ich schieße noch nicht so lange und muss sehen, dass ich die Scheiben treffe, trotzdem möchte ich auch schneller werden und dort hinkommen. Das passiert allerdings nicht von einem Jahr auf das andere. Dafür ist auch nicht jeder Typ gemacht. Die Herausforderung besteht darin, zu pushen, ohne die Trefferfähigkeit zu verlieren. Dabei muss man ein höheres Risiko gehen, das ist einfach so. Schnelles Schießen muss sehr oft trainiert werden, auch in der Gruppe. Es gibt nicht viele Möglichkeiten, um anzusetzen. Man muss im Laufen besser werden, seine Trefferleistung erhöhen und seine Schießzeiten verbessern. Das sind die drei Komponenten, die die Komplexzeit am Ende ausmachen und bei denen man ansetzen muss. Es ist wichtig, darauf zu reagieren, nur eben mit Maß und Ziel.
Das ist ein schmaler Grat, den richtigen Weg zu finden, ohne die Trefferleistung zu verringern...
Herrmann-Wick: Ja, gerade wenn man schnell schießt, können auch oft auch einmal zwei bis drei Schüsse danebengehen. Das ist ein Risiko, das man bei gewissen Wettkämpfen vielleicht aber auch einfach mal eingehen muss. Alles aber mit Maß und Ziel. Am Ende müssen die Scheiben fallen. 25 Sekunden in der Strafrunde sind mehr als eine Sekunde länger geschossen.
Viele Fans beobachten seit Wochen das Duell um die Kreditkartenaffäre zwischen Justine Braisaz-Bouchet und Julia Simon. Wie schwer ist es, solch einen Vorfall innerhalb eines Teams in Training und Staffel-Wettbewerben beiseitezuschieben?
Herrmann-Wick: Ich glaube, das ist nicht so einfach. Irgendwann groovt man sich aber ein. Man muss es tun, weil man als Team zusammen unterwegs ist. Ich habe die beiden noch nicht gemeinsam erlebt, aber ich glaube, sie sind beide Profis genug, um auf einer respektvollen Ebene miteinander umzugehen. Für das Team ist das sicher schwierig. Die Französinnen sind sehr stark, von daher scheinen sie einen Weg gefunden zu haben, um das zu handhaben. An einer Grundlösung ist aber mit Sicherheit jeder interessiert.
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Keine Umarmung nach Doppelsieg: Simon und Braisaz-Bouchet kalt

Quelle: Eurosport

Am 7. Februar startet die Biathlon-WM in Nove Mesto mit der Mixed Staffel. Was trauen sie der deutschen Mannschaft bei den Titelkämpfen zu?
Herrmann-Wick: Ich hoffe, dass der Mixed-Staffel-Mythos durchbrochen wird. Hoffentlich sind die vier deutschen Starter fit und brauchen keine Vorbelastung, um in die WM zu kommen. Es ist der erste Wettkampf, bei dem die Medaillen vergeben werden, daher muss jeder voll da sein. Der Schießstand in Nove Mesto ist nicht ganz einfach, das deutsche Team schießt aber sehr gut. Grundsätzlich hoffe ich natürlich auf faire Bedingungen. Die Mixed-Staffel ist bei der WM anders als im Weltcup: Dort müssen sich die Länder entscheiden, in welchem Rennen sie die Besten an den Start schicken, da es neben der Mixed-Staffel auch noch die Single-Mixed-Staffel gibt. Bei der WM gibt es nur die Mixed-Staffel, daher werden alle Stars am Start sein. Hier werden die Besten laufen, deshalb ist es fast das schwierigste Rennen. Nichtsdestotrotz ist vieles möglich. Die anderen müssen auch erst einmal treffen und gesund über die Weltcuppause kommen. Von daher werden die Karten, auch wenn Antholz noch nicht so lange zurückliegt, neu gemischt. Ich denke, die Deutschen haben alle Möglichkeiten.
Was sind die Besonderheiten und Herausforderungen des Schießstandes in Nove Mesto?
Herrmann-Wick: Man hat vor dem Schießstand einen Anstieg, den man hochlaufen muss, um in das Stadion hineinzulaufen. Zudem läuft man an den Tribünen vorbei, wo richtig der Punk abgeht. Der Geräuschpegel ist enorm. Ich kann mich noch erinnern, als ich mal auf Stand 29 geschossen habe - dort stand eine große Lautsprecherbox neben mir, die mich fast ein wenig rausgebracht hat. Zudem spielt der Wind eine Rolle. Es gibt Tage, an denen die Bedingungen super sind und Tage, an denen es nicht so einfach ist und es stärker bläst. Das muss man gut im Griff haben. Nove Mesto ist für das deutsche Team ein altbekannter Ort. Außer den jungen Mädels ist fast jeder schon einmal dort gelaufen, daher hat jeder Erfahrungswerte. Ich hoffe, dass der Schnee faire Wettkämpfe zulässt und die Strecke bis zur Startgruppe vier hält. Das war oftmals ein Problem. In den letzten Wochen gab es einige Wetterkapriolen, sodass der Schnee fast komplett weg war. Wir müssen hoffen, dass Frau Holle noch etwas davon bringt.
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Die Vysočina Arena bietet Platz für 34.000 Zuschauer

Fotocredit: Imago

Wie sieht es mit den Besonderheiten auf der Strecke aus und wem könnten diese zugutekommen?
Herrmann-Wick: Die Strecke ist nicht so schwer wie in Oberhof. Man muss gut laufen können, hat aber als guter Läufer ein geringeren Laufvorteil als auf schwereren Runden. Man hat viele Abfahrten dazwischen, in denen man sich gut erholen kann. Da werden viele relativ gut durchkommen. Die Strecke ist sehr schnell, ich kann mich noch daran erinnern, dass beim Sprint oft Rekordzeiten aufgestellt wurden. Da muss man richtig warm sein, wenn man an den Start geht und sicher treffen, weil man auf der Strecke nicht so viel richten kann.
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#Superdenise: Herrmann-Wick als Superheldin verehrt

Quelle: Eurosport

Wie werden Sie die WM-Rennen verfolgen?
Herrmann-Wick: Ich werde die Rennen vor dem Fernseher verfolgen und von dort die Daumen drücken.
Das klingt zur Abwechslung mal ganz entspannt...
Herrmann-Wick: Die Reise nach Nove Mesto ist von Ruhpolding aus doch eine beschwerlichere. Das ist fast ausschließlich Landstraße. Ich muss jetzt schauen, dass ich meine sieben Sachen zusammenbekomme für das, was nun kommt. Ich habe noch zwei Prüfungen und muss daher auch mal wieder andere Prioritäten setzen. Trotzdem fiebere ich natürlich genauso mit. Es war schön, in Antholz und in Ruhpolding dabei zu sein. Das war ein spezielles Flair. Ich hoffe, dass ich nächstes Jahr wieder dabei sein kann.
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